Forum Handel 4.0

Sehen und gesehen werden

Computer Vision kommt im Handel an. Die Technik ermöglicht kassenlose Läden, weitere Anwendungsgebiete sind denkbar. Um Chancen und Risiken ihres Einsatzes ging es beim Forum Handel 4.0 des HDE.

Von Jens Gräber 30.04.2020

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Computer analysieren Kamerabilder und erkennen so, welche Ware welcher Kunde einpackt.

Ein Kunde sucht sich im Laden Ware aus, geht Richtung Ausgang und verlässt dann das Geschäft – ohne Stopp an einer Kasse. Kurz darauf findet er die Rechnung auf seiner Kreditkartenübersicht. Möglich werden solche Check-out-Konzepte, die große Player wie Amazon oder Alibaba bereits anbieten, durch Computer, die Kamerabilder analysieren und so erkennen, welche Ware welcher Kunde einpackt. Stephan Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), ist sich sicher: „Die Technologie des maschinellen Sehens bietet dem Handel auch darüber hinaus viele Chancen.“

Um Gesichtserkennung gehe es dabei nicht, betont er – die werde vom Kunden ohnehin nicht akzeptiert. Die automatische Identifikation von Einkäufern sei gleichwohl ein wichtiges Thema. „Die gelingt allein anhand von Körperproportionen; die Daten werden dann beim Verlassen des Ladens wieder gelöscht.“ Ein weiterer Anwendungsfall: Frische ist den Kunden wichtig, das automatische Aussortieren und Nachbestellen von Ware also ein Vorteil für den Händler. Das Erkennen von Fäulnisprozessen gelinge einer Künstlichen Intelligenz sogar besser als dem menschlichen Auge, so Tromp.

Auch Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin des Netzwerks für die digitale Gesellschaft (D21), betont die Möglichkeiten der Technologie. Smarte Spiegel, die im Bekleidungsgeschäft bei der Anprobe gleich noch weitere Informationen zum Produkt anzeigen, seien zum Beispiel ein Einsatzgebiet, das Kunden im Handel überzeugende Vorteile biete. Anna-Verena Naether, Public ­Policy Manager bei Google, bringt mit der automatisierten Verwaltung von Lagerbeständen eine weitere Anwendung ins Spiel.

Die soziale Macht des Beobachtens

Tobias Matzner, Professor für Medien und Gesellschaft an der Universität Paderborn, steht dem Einsatz des maschinellen Sehens im Einzelhandel hingegen skeptisch gegenüber. „Für die meisten Anwendungen gibt es einfachere Alternativen“, erklärt Matzner. RFID-Chips etwa könnten Waren tracken, Smartphone-Apps Kunden identifizieren – alles ohne das neugierige Kamera-Auge einer Künstlichen Intelligenz im Laden.

Der Professor warnt, vom Sehen und vor allem vom Beobachtetwerden gehe eine große soziale Macht aus: „Wir alle verhalten uns anders, wenn wir gesehen werden – Studien belegen das.“ Es stelle sich die Frage, was für ein Ort ein Laden sein solle: bloße Abholstation oder auch ein sozialer Raum, in dem Menschen unbefangen interagieren?

Zudem sei es schwer, die Kontrolle über die anfallenden Daten zu behalten. Händler kauften die Anwendungen oft bei spezialisierten Anbietern. „Zu kontrollieren, was mit den Daten geschieht, bedeutet wieder einen zusätzlichen Aufwand“, so Matzner.

„Die Technologie des maschinellen ­Sehens bietet dem Handel viele Chancen.“

Stephan Tromp, stellvertrender Hauptgeschäftsführer HDE

Experten in der Verantwortung

Dass es Regeln für den Einsatz der neuen Technologie braucht, darüber sind sich alle Diskussionsteilnehmer einig. Jens Zimmermann, digitalpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, gibt die Devise aus: „Wir müssen Dinge ausprobieren, aber dabei auch nachdenken.“

Dieses Nachdenken dürfe nicht allein dem Verbraucher selbst überlassen werden, mahnt D21-Chefin Müller. Wenn es um neue Technologien und ihre Anwendung gehe, könne der Einzelne nicht die ganze Verantwortung für die Nutzung oder Nichtnutzung tragen. „Hier müssen Experten helfen, die Komplexität zu reduzieren.“

Der stellvertretende HDE-Chef Tromp dagegen glaubt, der einzelne Verbraucher könne sich durchaus eine Meinung darüber bilden. Viele Händler überlegten derzeit, wie ihr Weg der Nutzung neuer Technologien aussehen könnte. Der Appell des Digitalisierungsexperten: „Lassen Sie uns Leitplanken definieren, innerhalb derer wir Dinge ausprobieren können. Dabei stehen wir uns momentan noch selbst im Weg.“

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