Tiefkühlkost

Käpt’n Iglo erobert die Welt

Aus der Arktis in die heimischen Küchen – so lassen sich die Anfänge der modernen Tiefkühlkost zusammenfassen. Im März vor 90 Jahren landet die erste Tiefkühlware in den Kühltruhen des Handels. Daran erinnert seit 1984 alljährlich der „Tag der Tiefkühlkost“.

Von Marvin Brendel 21.04.2020

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Zählen zu den beliebtesten TK-Produkten: Fischstäbchen

Die Revolution wird in der Morgenzeitung angekündigt: „Zum ersten Mal überhaupt wird heute in Springfield, Massachusetts, die revolutionärste Idee in der Geschichte des Essens enthüllt“, verspricht am 6. März 1930 eine ganzseitige Anzeige. Und tatsächlich warten an diesem Tag in ausgewählten Supermärkten der Stadt die ersten 26 Tiefkühlwaren der Marke „Birds Eye“ auf die staunenden Kunden. Die Palette der Angebote reicht von Spinat und anderem Gemüse über Obst und Fisch bis zum Rindersteak.

US-Boom dank Metallrationierung

Erfinder der modernen Tiefkühlkost (TKK) ist der US-amerikanische Meeresbiologe Clarence Birdseye. Während seiner Forschungsreisen auf der kanadischen Labrador-Halbinsel beobachtet er, wie die Inuit​ gefangene Fische oder erlegtes Wild in den eisigen Wind hängen. Schon nach kurzer Zeit sind Fisch und Fleisch durchgefroren – und schmecken zu Birdseyes Überraschung selbst Wochen später nach dem Auftauen wie frisch gefangen.

Von einer solchen Qualität sind die industriellen Gefriermethoden der damaligen Zeit weit entfernt. Da sie bei Weitem nicht so tiefe Temperaturen nutzen, geht das Gefrieren langsamer vonstatten. In der Folge bilden sich im Gefriergut große Eiskristalle, die die Gewebestrukturen zerstören und nach dem Auftauen zu einer matschigen, wenig appetitlichen Konsistenz führen. Das Verdienst Birdseyes ist die Entwicklung einer ersten Methode zum industriellen Schockfrosten, die das Entstehen großer Eiskristalle verhindert.

Der erfolgreiche Testlauf in Springfield ebnet der Tiefkühlkost den Weg zu einer schnellen Markteinführung in den gesamten Vereinigten Staaten. Dabei hilft der jungen Branche neben der zunehmenden Verbreitung von Kühlschränken auch die Rationierung von Metall im Zweiten Weltkrieg. In der folgenden Zeit stellen zahlreiche Konservenfabriken ihre Produktion auf tiefgekühltes Obst und Gemüse in Pappschachteln um.

Auch in Deutschland führen der Zweite Weltkrieg und die damit verbundenen Verbrauchsbeschränkungen bei Metallen zu einem ersten kleinen Schub bei der Verbreitung von Tiefkühlwaren. Der nachhaltige Durchbruch erfolgt jedoch erst mit der Allgemeinen Nahrungs- und Genussmittel-Ausstellung ANUGA 1955. Dort präsentieren erstmals sechs TKK-Hersteller ihr Angebot.

Hoher Preis schreckte Deutsche ab

Bei den Vertretern des Handels stoßen sie damit auf großes Interesse: Schon 1956 stehen rund 2 500 Kühltruhen bei den Lebensmittelhändlern und halten für neugierige Kunden ein eisiges Angebot vor. Besonders beliebt sind in den Anfangsjahren vor allem gefrorener Spinat, aber auch Suppengemüse sowie die 1959 in der Bundesrepublik eingeführten Fischstäbchen.

1965 beträgt der TKK-Absatz (ohne Speise­eis) in der Bundesrepublik bereits 185 000 Tonnen. Pro Kopf entspricht das einem Verbrauch von 3,2 Kilogramm im Jahr. Zum Vergleich: In den USA sind es damals schon über 22 Kilogramm. Noch viel Luft nach oben also; entsprechend ambitioniert sind die Ziele der deutschen TKK-Branche und entsprechend umfangreich ist ihre Produktion. Doch im Gegensatz zu den Amerikanern erwärmen sich die deutschen Verbraucher nur verhalten weiter für die neue Tiefkühlkost.

Dafür sorgt schon ihr hoher Preis: So ist beispielsweise gefrosteter Spinat damals noch annähernd doppelt so teuer wie frische Ware vom Markt. Auch die preiswerteren Dosenkonserven drücken auf den Absatz, ebenso wie das günstigere Treibhaus- und Frühgemüse aus anderen Ländern der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, allen voran den Niederlanden. Schon bald platzen die Tiefkühltruhen in den Geschäften „ob der gebotenen Fülle aus den Nähten“, wie das Fachblatt „Die Tiefkühlkette“ vermerkt. Die Hersteller wollen den Absatz mit millionenteuren Werbekampagnen ankurbeln – vergeblich. Am Ende hilft der Branche nur eine deutliche Reduzierung der Preise.

In den Folgejahren schwindet dann auch die Zurückhaltung der Deutschen. 1970 liegt ihr Pro-Kopf-Verbrauch an Tiefkühlprodukten bereits bei zehn Kilogramm. Bis 1990 verdoppelt er sich auf gut 20 Kilogramm, 2018 sind es 46 Kilogramm. Dabei dominieren im Lebensmittelhandel vor allem Pizzen und andere Fertiggerichte sowie schockgefrostetes Gemüse.

Gedenktag für Schockgefrostetes

1984 würdigt der damalige US-Präsident Ronald Reagan die Bedeutung der Tiefkühlkost für die Ernährung: Er erklärt den 6. März – den Tag des ersten Verkaufs tiefgekühlter „Birds Eye“-Produkte in Springfield – zum nationalen „Frozen Food Day“. Inzwischen wird auch international an die Geburtsstunde schockgefrosteter Lebensmittel erinnert, so auch jüngst in Deutschland wieder am 6. März 2020. ●

Der Wirtschaftshistoriker Marvin Brendel ist Betreiber von „Geschichtskombinat“, einer Agentur für wirtschafts- und unternehmens­geschichtliche Recherchen. Exklusiv für das handelsjournal verfasst er die Serie „Meilen­steine des Handels“, die sich mit der Längsschnittanalyse handelsspezifischer Innova­tionen beschäftigt. Haben Sie Fragen, Kommen­tare, Ergänzungen? Dann schreiben Sie an: brendel@geschichtskombinat.de

Schlagworte: Meilensteine des Handels, Tiefkühlkost

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