Kriminalität

Haltet den Dieb!

Während Ladendiebstahl ein Massendelikt ist, sind Überfälle im Vergleich zwar selten – aber umso belastender für Mitarbeiter. Welche Vorkehrungen Händler treffen ­können, um Schäden zu reduzieren und Beschäftigte zu schützen.

Von Jens Gräber 14.10.2020

© Blickfang/stock.adobe.com

Raubüberfälle sind deutlich seltener als Diebstähle – die Folgen allerdings gehen über den rein materiellen Schaden weit hinaus.

An einem Samstagmorgen, kurz nach 9 Uhr, betritt ein Mann den Aldi-Markt an der Pestalozzistraße im mecklenburgischen Pasewalk. Er fällt einer Verkäuferin auf, weil er einen Rucksack trägt und den Laden scheinbar ohne Einkauf wieder verlassen will. Zwei Mitarbeiterinnen sprechen ihn an und halten ihn fest, als er flüchten will. Die herbeigerufenen Polizisten finden im Rucksack Lebensmittel und Kosmetikprodukte im Wert von etwa 85 Euro. Später ermitteln sie, dass der 45-Jährige zu einer Diebesbande gehört.

Szenen wie diese spielen sich täglich in ganz Deutschland ab, Polizeiberichte belegen das. Der Schaden ist enorm: Frank Horst, Leiter des Fachbereichs Sicherheit und Inventurdifferenzen beim EHI Retail Institute, hat kürzlich eine Studie vorgestellt, wonach deutschen Einzelhändlern 2019 Ware im Wert von rund 2,44 Milliarden Euro durch Ladendiebstähle verloren ging.

HDE fordert konsequentere Verfolgung

Gestohlen wird demnach vor allem, was auch bei ehrlichen Kunden gut ankommt: Handys, Spielesoftware, Düfte, Rasierklingen – und in der Coronakrise auch Desinfektionsmittel. Kleine Ware also, die einen recht hohen Wert hat und sich entsprechend gut weiterverkaufen lässt.

Bei der Prävention hat der Aldi-Markt in Pasewalk nach Einschätzung von Horst vieles richtig gemacht: „Die Aufmerksamkeit des Personals ist eigentlich das Wichtigste. Denn die Mitarbeiter sind die Personen, die Diebstähle tatsächlich verhindern können.“ Weitere Maßnahmen könnten Täter abschrecken, etwa Kameraüberwachung und die Platzierung besonders gefährdeter Ware in Kassennähe oder in verschlossenen Vitrinen. Ganz verhindern aber lasse sich Diebstahl nie. Der Handelsverband Deutschland (HDE) fordert deshalb eine konsequentere Verfolgung der Täter.

Gesundheit zählt mehr als Ware und Geld

„Der Anstieg gerade bei den schweren Ladendiebstählen, die von organisierten Banden begangen werden, macht uns große Sorgen“, erklärt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Zu selten würden die organisierten Täter gefasst. Allein handelnde Ladendiebe gehen der Polizei zwar öfter ins Netz, allerdings führten Anzeigen hier zu selten zu einer Verurteilung, so die Kritik des HDE. EHI-Experte Horst warnt, dadurch könne die Anzeigebereitschaft sinken und die ohnehin hohe Dunkelziffer weiter steigen.

Raubüberfälle sind mit 2 000 in der polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Fällen im vergangenen Jahr deutlich seltener als die rund 326 000 angezeigten Diebstähle – die Folgen allerdings gehen über den rein materiellen Schaden weit hinaus. Denn selbst wenn die Täter nur drohen und nicht tatsächlich Gewalt anwenden, sind die Mitarbeiter später häufig traumatisiert und müssen psychologisch betreut werden.

Auch hier lässt sich vorbeugen, weiß Dorothea Kraft, Leiterin des Referats für Verkaufsstellen bei der Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW). Videoüberwachung sei hilfreich, aber auch Systeme, die verhindern, dass Beschäftigte unter Zwang größere Bargeldmengen aus den Kassen entnehmen. „Der Überfall soll sich nicht lohnen. Das spricht sich herum und verhindert weitere Taten“, führt Kraft aus.

Die Mitarbeiter auf der Fläche schon im Voraus auf einen Überfall vorzubereiten, kann zumindest die Folgen abmildern. „Chefs sollten vermitteln, dass Ware und Geld weniger wichtig sind als die Gesundheit der Beschäftigten“, erklärt EHI-Experte Horst. Denn die sollten sich im Ernstfall vor allem selbst schützen – und nicht etwa den Helden spielen. Horsts Rat: „Wenn Mitarbeiter in der Situation etwas Hilfreiches tun wollen, können sie sich die Beschreibung des Täters einprägen – das genügt.“ |||

Das Forderungspapier des HDE zum Thema Ladendiebstahl steht zum Download bereit unter: bit.ly/3iIha2j

Erste Hilfe nach dem Überfall

Der Essener Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke hat an der Ausbildung von Spezialeinheiten der Polizei mitgewirkt und kürzlich gemeinsam mit seiner Frau das Buch "Profile des Bösen" veröffentlicht. Er ist spezialisiert auf die Betreuung von Menschen nach traumatischen Erlebnissen und erklärt im Interview, welche Unterstützung die Betroffenen benötigen.

 

 

Worauf kommt es bei der Betreuung von Überfallopfern besonders an?

Die Hilfe muss vor allem schnell erfolgen. Sehr hilfreich ist Ablenkung: Es gibt eine Studie, die belegt, dass es den Betroffenen sogar hilft, wenn sie nach einem traumatischen Erlebnis 24 Stunden lang wach bleiben und Super Mario oder Tetris spielen. Dadurch wird die Produktion von Stresshormonen blockiert und verhindert, dass sich das Erlebte im Kopf festsetzen kann. Hilfreich ist auch, darüber aufzuklären, dass Symptome wie Schlaf- oder Appetitlosigkeit am Anfang eine normale Reaktion auf ein bedrohliches Ereignis darstellen.

Erholt sich denn jeder Mensch gleich schnell von einem solchen traumatischen Erlebnis?

Nein, man unterscheidet drei Gruppen: Zur ersten gehören Männer und Frauen, die sich auch nach sehr traumatischen Erlebnissen recht schnell von allein erholen, wenn sie etwas Ruhe haben. Zur zweiten gehören Personen, die beruflich oder privat ohnehin unzufrieden sind oder schon zuvor trauma­tische Erlebnisse hatten – das sind Hoch­risikopatienten, die oft über eine gewisse Zeit Hilfe von außen benötigen. Zur dritten Gruppe gehören Betroffene, die das Erlebte grundsätzlich allein verarbeiten können, aber dabei abhängig von ihrem Umfeld sind. Wirft ihnen zum Beispiel ihr Chef vor, Geld an den Täter herausgegeben zu haben, kann die Situation kippen. Unterm Strich sind es etwa sieben Prozent, die längerfristig therapeutische Hilfe brauchen.

Wie lange kann das im schlimmsten Fall dauern?

In aller Regel dauert es nicht länger als ein Jahr. Aber es gibt Menschen, die schon in ihrer frühen Kindheit so schlimme Dinge erlebt haben, dass sie nie eine stabile Persönlichkeit ausbilden konnten. Wenn die erneut ein traumatisches Erlebnis haben, ist es oft gar nicht möglich, die Gesundheit vollständig wiederherzustellen.

Schlagworte: Diebstahl, Prävention, Kriminalität

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