Zur Lage der Branche

Zeiten des Aufruhrs

Wie werden Fachhändler die Krise verpacken? Herrscht im Onlinehandel Gold­gräberstimmung? Welche Aus­wirkungen hat der Shutdown auf globale Lieferketten, deutsche Shoppingcenter, den Immobilienmarkt und die Zahlungsgewohnheiten? Sieben Handelsexperten entwerfen Szenarien.

04.05.2020

© iStock

Wie wird Corona den Einzelhandel verändern?

STATIONÄRHANDEL

Kreativ im Ausnahmezustand

Da das wirtschaftliche Geschehen in Deutschland nahezu komplett gestoppt wurde, werden alle Branchen des Einzelhandels am Ende großen Schaden nehmen. Das gilt nicht nur für die stationären Geschäfte, sondern auch für den Versandhandel. Dieser wird zwar relativ gewinnen, in absoluten Zahlen gemessen, wird aber auch dieser Vertriebskanal Einbußen hinnehmen müssen. Am stärksten betroffen sind natürlich jene Unternehmen, die über Wochen ihre stationären Geschäfte schließen müssen. Viele Unternehmen, kleine wie große, werden diese Zwangspause wirtschaftlich nicht überleben. Der Lebensmittelhandel, die Drogeriemärkte und zum Teil die Bau- und Gartenmärkte konnten von den Entwicklungen zunächst profitieren. Der Lebensmittelhandel muss die komplette Versorgung der Bevölkerung übernehmen, also auch jener Teile, die üblicherweise von Kantinen und Restaurants bedient werden. Im weiteren Verlauf des Jahres dürften aber knappe Einkommen dazu führen, dass auch die Bedingungen für den Lebensmittelhandel schlechter werden.

Im Vorteil sind natürlich alle Unternehmen des Einzelhandels, die ihre Digitalisierung bereits weit vorangetrieben haben. Wer jetzt auch online gut erreichbar ist, hat eindeu­tige Vorteile. Grundsätzlich zeigen sich jedoch viele Unternehmen in der aktuellen Phase sehr kreativ. Wer noch keinen Onlineverkauf praktiziert, ist telefonisch erreichbar und hat über Nacht Abhol- und Liefermöglichkeiten eingerichtet. Beratungsgespräche finden teilweise als Videokonferenz statt. Ob die Schließung der Geschäfte und die Kontaktsperre zu einer nachhaltigen Veränderung des Einkaufsverhaltens führen werden, ist noch nicht klar. Die Nachfrage nach verschiedenen Lieferdiensten für Lebensmittel explodiert zwar derzeit, könnte sich aber auch schnell wieder normalisieren.

Michael Gerling, Geschäftsführer EHI Retail Institute

SHOPPINGCENTER

Direkte finanzielle Hilfen vonnöten

Die Covid-19-Pandemie ist eine extreme Herausforderung für den Einzelhandel und die Shoppingcenter, sie macht aber auch einiges klar: Omnichannel ist künftig nicht mehr ein Kann, sondern ein Muss. Wir haben unsere Digital Mall in enger Kooperation mit über 50 Retailern inzwischen in über 40 deutschen Shoppingcentern ausgerollt, mit der Otto Group eine Connected-Commerce-Plattform für zusätzliche Umsatzchancen gegründet und erste positive Erfahrungen mit Same-Day-Lieferungen direkt aus dem Shoppingcenter gemacht.

Gerade in der Krise kommt es auf Partnerschaft und Vertrauen an. Wir sind Partner sowohl des Einzelhandels als auch der Investoren. Und wir wissen, dass beide Seiten derzeit vor massiven Herausforderungen stehen. Daher befinden wir uns im ständigen Dialog und werden gemeinsam mit Mieterpartnern und Centereigentümern Lösungen erarbeiten. Bis dahin haben wir uns mit den meisten Investoren verständigt, dass wir derzeit bei einer Nichtzahlung der Mieten zunächst davon ausgehen, dass dies in den Auswirkungen der Pandemie begründet liegt. Die entsprechenden Forderungen werden wir vorerst nicht durchsetzen. Es gibt einige Investoren für die hierzu abweichende Regelungen gelten.

Deutschland braucht den stationären Handel. Es muss daher nicht nur eine möglichst zügige und sehr gut koordinierte Wiedereröffnung des Handels und der Gastronomie geben, sondern auch eine massive Unterstützung durch den Staat. In unseren Gesprächen mit Politik und Verbänden fordern wir neben direkten finanziellen Hilfen unter anderem eine temporäre Reduzierung der Mehrwertsteuer für alle Waren im stationären Handel und zusätzliche verkaufsoffene Sonntage im letzten Quartal des Jahres, insbesondere vor Weihnachten.

Joanna Fisher, Managing Director Center Management ECE

ONLINEHANDEL

Beschleunigter Konzentrationsprozess

Auf den ersten Blick scheint der Onlinehandel der klare Gewinner der Coronakrise zu sein. Bei einer näheren Betrachtung zeigt sich jedoch, dass das keinesfalls für alle Onlinehändler gilt. Unsere Kurzstudie „Corona Consumer Check“, in der wir das Konsumverhalten in Zeiten von Corona untersucht haben, zeigt die Gründe klar auf: 13 Prozent der Befragten haben Käufe online getätigt, die sie ansonsten stationär erledigt hätten, aber 69 Prozent geben an, dass sie Anschaffungen auf die Zeit nach der Krise verschieben. Die Bereitschaft zum Konsumverzicht oder zumindest zur Konsumverschiebung ist angesichts der durch Covid-19 ausgelösten Unsicherheiten viel stärker als die Verschiebung hin zum Onlinehandel.

Umsatzsprünge verzeichnen nur vergleichsweise wenige Onlinehändler und wenige Produktkategorien. In erster Linie sind natürlich die Lebensmittellieferdienste zu nennen, die an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Aber natürlich gehört auch Amazon zu den Gewinnern, denn die aktuell beliebtesten Produkte im Onlinehandel – Hygieneartikel, haltbare Lebensmittel und Getränke – gibt es auch dort, zudem auch Notebooks oder Sportgeräte für den sportlichen Ausgleich im Homeoffice. 63 Prozent derjenigen, die verstärkt online kaufen, kaufen bevorzugt bei Amazon.

Noch ist es zu früh, die Auswirkungen nach der Krise konkret abzuschätzen. Covid-19 dürfte aber mit Sicherheit als Beschleuniger für Entwicklungen wirken, die wir bereits zuvor gesehen haben: Die Online-Umsatzanteile werden sich kategorieübergreifend weiter erhöhen, auch im B2B-Bereich. Der Onlinehandel mit Lebensmitteln wird deutlich an Relevanz gewinnen. Der Konzentrationsprozess im Onlinehandel wird sich weiter beschleunigen. Die Bedeutung von Plattformen wird sich noch weiter erhöhen – von Amazon bis hin zu regionalen Onlineplattformen, die in der Krise ihren Händlern einen echten Mehrwert bieten. Und letztlich wird Amazon einen weiteren Schub erfahren und seinen Marktanteil vermutlich auf rund 50 Prozent des B2C-Onlinehandels ausbauen. Es bleibt herausfordernd – online wie offline!

Die IFH-Kurzstudie „Corona Consumer Check“ steht zum kostenlosen Download bereit unter: corona.ifhkoeln.de

Dr. Kai Hudetz, Geschäftsführer IFH Köln

EINZELHANDELSIMMOBILIENMARKT

Mieter und Vermieter rücken zusammen

Weitere Konkursmeldungen infolge der Restriktionen dürften unvermeidbar sein, da neben der Hotellerie insbesondere die Gastronomie und die Textilbranche betroffen sind. Allerdings fungiert das Coronavirus nicht unmittelbar als Auslöser dieser Entwicklung, sondern vielmehr als Katalysator, der bereits laufende Transformationen um ein Vielfaches beschleunigt – wie wir leben, wie wir arbeiten und eben auch, wie wir einkaufen. Strukturelle und prozessuale Defizite in der Wertschöpfungskette und im stationären Einzelhandel werden jetzt gnadenlos aufgedeckt. Die Marken, die Multi- oder gar Omnichannel-Marketing bisher noch nicht in ihr Business implementiert haben, werden vermutlich schneller als bisher angenommen nicht mehr am Markt bestehen können.

In der Konsequenz wird es vermehrt zu Vakanzen kommen, die voraussichtlich aufgrund einer schwächeren Nachfrage zu einer Bereinigung bei den Mieten führen werden. Gleichzeitig beobachten wir, dass die Vermieter und Mieter wieder näher zusammenrücken und gemeinsam an Lösungsansätzen arbeiten, um ein Fortbestehen des Geschäfts zu gewährleisten.

Neben der Markt- ist nun auch die Portfoliobereinigung Programm, denn die Pandemie wirkt nicht nur als Innovations-, sondern auch als Insolvenztreiber. Während der Lebensmittelsektor als Single Tenant oder Nahversorgungsanker das Produkt der Stunde ist, geht es bei vielen Geschäften um die Existenz. Aufgrund der daraus resultierenden Mietrückgänge werden die Renditen über alle Einzelhandelssegmente hinweg steigen – im Non-Core-Segment mehr als bei Core-­Immobilien. Zwar rechnen wir für das zweite Quartal mit einem deutlich geringeren Transaktionsvolumen und damit, dass die Rückkehr des Marktes auf einem grundsätzlich veränderten Preisniveau stattfinden wird, jedoch bilden Core-­Investments womöglich die Ausnahme und verteuern sich sogar.

Daniel Kroppmanns, Director Retail Agency und Jörg Krechky, Head of Retail Investment Services Germany beim Immobiliendienstleister Savills

PAYMENT

Lieber kontaktlos

Aufgrund der Coronakrise rufen viele Geschäfte dazu auf, beim Bezahlen auf Bargeld zu verzichten und zur Karte oder zum Smartphone zu greifen. Zusätzlich wollen die Deutsche Kreditwirtschaft und Mastercard zukünftig kontaktlose Kartenzahlungen bis 50 Euro (statt bisher 25 Euro) ohne PIN-Eingabe ermöglichen. Bei Visa-Karten ist dies, je nach herausgebender Bank, schon immer möglich.

Gemessen an den Transaktionen ist Bargeld nach wie vor das meistgenutzte Zahlungsmittel im stationären deutschen Einzelhandel. Allerdings gehen diese Zahlen stetig zurück, und betrachtet man den Umsatz, lag die Bargeldquote 2018 zum ersten Mal unter 50 Prozent. Die Frage ist nun, inwieweit die aktuelle Krise diesen Trend – hin zu elektronischen Zahlungsverfahren – verstärkt oder ob sogar Bargeld in Zukunft gar keine Rolle mehr im stationären Handel spielen wird.

Hierzu gehen wir von drei möglichen Szenarien aus:

1. Der aktuelle Boom der elektronischen Zahlungsverfahren wird sich nach der Coronakrise umkehren und viele Kunden, die nur aufgrund der aktuellen Lage mit Karte bezahlen, greifen aus jahrzehntelanger Gewohnheit wieder zum Bargeld.

2. Die Kunden, die jetzt von Bargeld auf ein neues Zahlungsverfahren umsteigen, gewöhnen sich schnell daran und werden dies auch zukünftig nutzen. Bargeld bleibt weiterhin – gemessen an den Transaktionen – das wichtigste Zahlungsmittel. Allerdings wird der Trend hin zu Karte und Smartphone beschleunigt.

3. Der Großteil der Kunden verzichtet ab sofort auf Bargeld und wird das auch in Zukunft beibehalten. Der Handel zieht nach und auch bargeldlastige Branchen akzeptieren mehrheitlich elektronische Zahlungen. Die Bargeldnutzung nimmt rapide ab und wird in wenigen Jahren nur noch eine untergeordnete Rolle spielen.

Da die deutschen Kunden eine enge Bindung zum Bargeld haben und die damit verbundenen Vorteile wie Kostenkon­trolle und Anonymität schätzen, halten wir von Ibi Research Szenario 2 für am wahrscheinlichsten. Die Nutzung elektro­nischer Zahlungsverfahren wird stärker als in den vergangenen Jahren zunehmen, aber Bargeld auf absehbare Zeit nicht ersetzen.

Nils Deichner, Zahlungsexperte am Mittelstand 4.0 – ­Kompetenzzentrum Augsburg/Forschungsinstitut Ibi Research an der Universität Regensburg

LOGISTIK

Aus Ketten werden Netze

Wohl noch nie in der Geschichte des modernen Handels waren Unternehmen so klar in zwei Lager geteilt: Lebensmittelhändler leisten Außerordentliches, um ihre Lieferketten stabil zu halten und den gestiegenen Bedarf zu decken. Da es nicht möglich ist, außer Haus zu essen, versorgen die Konsumenten sich zwangsläufig im Einzelhandel. Wer dagegen nichts für den täglichen Bedarf oder für Endkonsumenten anbietet, hat das Nachsehen. Die Geschäfte sind zur Eindämmung des Virus geschlossen. Umsatzeinbrüche verzeichnet indes auch der Onlinehandel – Bürger, die sich Sorgen um ihre Arbeitsstelle machen, halten ihr Geld zusammen.

Aus Gesprächen mit unseren Kunden wissen wir, dass aktuell vor allem die aus der Krise entstehenden Herausforderungen gelöst werden müssen: mehr Ware beschaffen als üblich und diese durch geschlossene Grenzen und Zollkontrollen bringen; Lösungen für unterbrochene Lieferketten finden; Lieferantenforderungen trotz versperrter Absatzkanäle bedienen.

Doch viele schauen schon voraus und nehmen aus der Coronakrise für sich die Aufgabe mit, Einkauf und Supply Chain neu aufzustellen. So könnte das Virus die Rückbesinnung auf lokale und regionale Märkte fördern. Schließlich hatten schon der zunehmende Protektionismus und die Handelskonflikte gezeigt, wie fragil weltumspannende Lieferketten sein können. Um künftig starke Abhängigkeiten zu vermeiden, wandelt sich die Kette in ein Netz, das sich mit Lieferanten aus verschiedenen Teilen der Welt verbindet. Priorität haben dann neben der optimalen Kostenstruktur vor allem die Themen Stabilität und Lieferfähigkeit.

Dr. Frank Wierlemann, Geschäftsführer und Experte für Handel und FMCG der internationalen Unternehmensberatung Inverto

Schlagworte: Zukunft des Einkaufens, Coronakrise

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