Statements zur Krise

Was jetzt zählt!

Dem Leitgedanken „Was jetzt zählt!“ folgend, haben wir Führungskräfte aus dem Handel sowie handelsnaher Dienstleister um Statements gebeten, was sie während der Coronakrise persönlich besonders umtreibt und welche Gedanken und Sorgen sie begleiten.

04.05.2020

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Andreas Bartmann: "Ja, unsere vermeintlich heile Welt hat einen Riss bekommen. Aber der Blick auf das Dahinterliegende eröffnet uns die Chance, vieles zu überdenken und künftig besser zu machen."

Tillsammans!

Die Corona-Pandemie ist der größte Einschnitt, den es für den Einzelhandel bisher gab. In dieser herausfordernden Situation ist es unser Anspruch, stets ruhig und besonnen zu handeln und unserer Verantwortung als großer Einzelhändler gerecht zu werden. Dabei hilft uns ein ganz besonderer Teamspirit, der sich als „Togetherness“ – auf Schwedisch: „Tillsammans“ – in unseren Werten widerspiegelt.

So stellen wir mit dem Soforthilfeprogramm „Wir packen das gemeinsam – IKEA schnürt Hilfspakete vor Ort“ bundesweit Sachspenden in Höhe von 1,5 Millionen Euro zur Verfügung. So gelangen dringend benötigte Möbel und Matratzen sowie Spielepakete oder Geschirrsets an Behelfskrankenhäuser sowie Not- und Gemeinschafts­unterkünfte.

Zugleich arbeiten wir Hand in Hand in einem nationalen Krisenteam, um wichtige Entscheidungen zu treffen, wie beispielsweise die vorzeitige Schließung unserer 53 Einrichtungshäuser zum Schutz der Gesundheit unserer Kunden und Kundinnen sowie der Mitarbeitenden. Dort beraten Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen Risk, People & Culture, Communication und Business Navigation & Operation gemeinsam über alle Maßnahmen. Große Fairness, Ruhe und Besonnenheit zeichnen nicht allein die Meetings unseres Krisenteams aus, sondern auch die der anderen Abteilungen unseres Unternehmens.

IKEA hat rund 90 Prozent seines Umsatzes durch die Schließung der Einrichtungshäuser verloren. Wir konzentrieren uns nun auf den Onlinehandel – mit Erfolg: Bislang konnten wir so mehr als 30 Prozent des ursprünglich geplanten Umsatzes einfahren.

Was mich am meisten beeindruckt, ist das große Engagement und der Ideenreichtum der Kollegen und Kolleginnen vor Ort in den Einrichtungshäusern, Distributionszentren und Customer Service Centern, die unter komplett veränderten Rahmenbedingungen unser Onlinebusiness am Laufen halten. Mein Dank und Respekt gilt allen, die in der aktuellen Situation große Flexibilität und Einsatzbereitschaft zeigen. Gleichzeitig sind unsere Gedanken bei all denjenigen, die um ihre Gesundheit bangen müssen.

Michael Mette, Deputy Retail Manager, IKEA Deutschland

Riss durch die heile Welt

Jeden Morgen wache ich auf und frage mich: Ist dieser Albtraum endlich vorbei? Leider nein, denn aus Morgenmagazin, Internet und Zeitungen schlagen mir neuerlich schlechte Nachrichten entgegen. Wie einen sich langsam aufbauenden entsetzlichen Tsunami empfinde ich die Situation: Zunächst schauen die Menschen wie paralysiert auf eine unbekannte Situation in die Ferne und fragen sich, was da gerade passiert. Und unversehens erreicht auch uns diese gewaltige Welle und bringt Tod und Elend mit sich. Zurück bleibt ein Feld der Verwüstung und Zerstörung.

Als Teil des Jahrgangs 1959 habe ich mich immer sehr privilegiert gefühlt. Denn für uns ging es immer nur nach vorn: größer – schneller – weiter! Die ganze Welt erleben und bereisen zu dürfen, erschien uns ebenso selbstverständlich, wie viele gute Freunde zu haben und auf ein stabiles Sozial- und Gesundheitssystem setzen zu können. Die lediglich aus Schilderungen der Großeltern und Eltern bekannten Grausamkeiten der Weltkriege erschienen sehr weit weg, fast irreal. Doch nun hat dieses Empfinden von Sicherheit plötzlich einen tiefen Riss bekommen.

Zugleich habe ich in dieser für uns unbekannten und ungewissen Situation völlig neue, ausgesprochen positive Eindrücke gewinnen können: Denn obwohl wir in der Familie und der Firma, unter Kolleginnen und Kollegen, zu Freunden, Bekannten und Nachbarn physisch Abstand halten, sind wir uns momentan so nahe wie vielleicht noch nie. Wir alle haben begriffen, wie fragil unsere Welt geworden ist, und wir lernen, dass wir nur gemeinsam die gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen werden lösen können.

Ja, unsere vermeintlich heile Welt hat einen Riss bekommen. Aber der Blick auf das Dahinterliegende eröffnet uns die Chance, vieles zu überdenken und künftig besser zu machen. Auch wenn uns finstere Pandemieszenarien zurzeit noch die Sicht auf das Licht am Ende des Tunnels versperren, empfinde ich Optimismus. Unsere Großeltern und Eltern, die nach dem Krieg unter weitaus schlimmeren Bedingungen eines der lebenswertesten Länder mit einer der erfolgreichsten Volkswirtschaften aufgebaut haben, sollten uns Vorbild sein.

Andreas Bartmann, Geschäftsführer, Globetrotter Ausrüstung GmbH

Öko statt Ego

Als Vorstandsvorsitzender der SBM AG sehe ich uns alle vor einer historischen Herausforderung. Natürlich bin ich vor allem stolz auf unsere systemrelevanten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Märkten und in der Zentrale: Sie alle leisten aktuell Fantastisches – und dies meist mit hoher Gelassenheit und Freundlichkeit. Ihr Gemeinsinn und ihre Hilfsbereitschaft gegenüber den Kunden und untereinander sind bemerkenswert. Dafür haben wir bereits in vielfältiger Art unseren Dank ausgesprochen und ich möchte dies an dieser Stelle gerne wiederholen.

Ich bin aber auch glücklich, dass die Werte unseres SuperBioMarktes, die wir in unserem Leitbild der vier Gs – Glaubwürdigkeit, Gesundheit, Genuss und gutes Gewissen – dokumentiert haben, jetzt in hohem Maße zum Tragen kommen. Wir alle müssen uns jedoch die Frage stellen, wie es weitergehen wird. Der Shutdown kann nicht wochenlang Bestand haben. Das hält die Wirtschaft nicht aus. Aber ein „Einfach weiter so wie vor der Coronakrise“ kann und darf es meiner Meinung nach auch nicht geben.

Was also können wir aus den Erfahrungen der vergangenen Wochen lernen? Mehr Achtsamkeit beispielsweise gegenüber Vorlieferanten walten zu lassen, Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen einen höheren Stellenwert zu geben, Mitarbeitern gegenüber mehr Wertschätzung an den Tag zu legen und ja, vielleicht auch, eine klügere Definition von Wohlstand zu entwickeln.

Der unsere Branche vertretende Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) hat es vor einigen Monaten mit einer sehr treffenden Kommunikationskampagne bereits auf den Punkt gebracht. Der Slogan lautet: „Öko statt Ego“. Genau wie dem Bündnis für eine enkeltaug­liche Landwirtschaft e. V. geht es auch dem BNN darum, dass wir unser Handeln überdenken und auf zukunfts­fähige Strategien setzen. Wenn es gilt, diesen Wandel voranzutreiben, sind die Mitarbeitenden in unseren SuperBioMärkten und auch ich persönlich sehr gerne ganz vorn mit dabei!

Michael Radau, Vorstandsvorsitzender ­SuperBioMarkt AG

Alles wird auf den Kopf gestellt

Die aktuellen Herausforderungen sind für alle massiv und die Aufgaben, denen wir uns jetzt gemeinsam stellen müssen, sind vermutlich die größte Herausforderung überhaupt, selbst mit der Krise im Jahr 2008 nicht zu vergleichen.

Unser Ziel ist es, unserer unternehmerischen Verantwortung nachzukommen und unsere Mitarbeiter zu schützen, gleich­zeitig aber auch unsere Company. Darum ist es toll, zu sehen, dass unser großes Team mit uns an einem Strang zieht!

Eine Firma wie unsere lebt vom Austausch und von der gegenseitigen Inspiration. Deshalb ist es uns ein Anliegen, im Einklang mit der Covid-19-Politik die Offices langsam und unter Berücksichtigung der Hygienerichtlinien wieder hochzufahren und von Reaktion auf Aktion umzuschalten.

Und, vielleicht auf den ersten Blick nicht ganz einfach zu erkennen, es gibt auch sie – die positiven Aspekte dieser Krise: Der Markt wird sich bereinigen. Viele Preisübertreibungen der letzten zwölf Jahre werden sich normalisieren. Notwendige und längst überfällige Neuerungen finden schneller denn je ihren Weg in die Praxis. Unsere Gesellschaft verändert sich und mit ihr auch der Konsum, der bewusster und selektiver sein wird. Alle Wirtschaftszweige werden gerade in unterschiedlichem Ausmaß einmal auf den Kopf gestellt – und das ist gut.

Zudem erzwingt der Lockdown auch eine persönliche Ineffizienz, die Raum schafft für Selbstreflexion und Kreativität. Letztlich hängt alles von der Perspektive ab, die man für sich einnimmt. Denn die Perspektive verändert alles – und die richtige macht aus einer Krise eine Chance.

Marc Schumacher, Managing Partner Liganova

Mit Sensibilität zurück zur alten Leichtigkeit

Was jetzt zählt? Wir haben die ersten wichtigen Schritte erledigt, das heißt, die Liquidität organisiert, um handlungsfähig zu sein, und uns um unsere Mitarbeiter gekümmert. Das betrifft die wirtschaftliche Versorgung, also die Kurzarbeit. Zudem haben wir auch ein bisschen aufgestockt. Wichtig ist natürlich auch die Kommunikation, um die Mannschaft bei der Stange zu halten.

Eine zentrale Aufgabe, die vor uns liegt, sobald es wieder losgeht, ist die Warensteuerung. Es wird viel Finger­spit​zengefühls bedürfen, um gemeinsam mit den Lieferanten abzustimmen, welche Ware wann richtig und welcher Preis angemessen ist. Sensibilität braucht es aber auch, damit wir uns alle an die neue Normalität gewöhnen und für eine angemessene Sicherheit sorgen können. Denn das Allerwichtigste ist, dass wir unsere Mitarbeiter und unsere Kunden gesund halten. Eine Herausforderung wird es sein, trotz der zu treffenden Maßnahmen dem Shoppingerlebnis wieder eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen. Da wir einen guten Spirit im Haus haben, bin ich jedoch zuversichtlich, dass uns dieser Spagat gelingen wird.

Wir merken schon jetzt, dass unsere Mitarbeiter wieder loswollen: Sie möchten wieder mit Kunden sprechen und freuen sich darauf, dass wir ihnen hier Abwechslung und somit genau das Gegenteil von der Einöde bieten können, die sie zu Hause allein auf dem Sofa erfahren. Wir alle hoffen gemeinsam, dass es schon bald wieder losgeht!

Mark Rauschen, Geschäftsführer, L & T Lengermann & Trieschmann GmbH & Co. KG

Neue Formen der Solidarität

Mitten in der Strategieerneuerung kam die Krise. Mit großen Visionen hatte das Jahr 2020 begonnen. Das Marktforschungsinstitut Eye Square feierte sein 20-­jähriges Jubiläum, zwei Jahre zuvor eröffneten wir neben den Büros in Tokio und London weitere in New York, Hongkong und Indien. Für das wachsende Team gibt es neue Räume, Labore und sogar ein Thinktank-Hub.

Eine leise Coronafurcht spürten wir bereits einen Monat zuvor auf der EuroShop in Düsseldorf – weniger Messebesucher als sonst –, dann der erste Coronafall in Berlin. Wir reagierten sofort und entschieden uns für das Homeoffice. Wir führen weiterhin Onlinestudien und Erhebungen mit Fokusgruppen per Video durch. Ein großes Dankeschön gilt besonders den Kollegen, die diese Studien professionell umsetzen! Als Leader aus der Ferne setze ich auf intensive Kommunikation nach innen, ich versende beinahe täglich Videos und Podcasts und bin fast schon ein Influencer

Wir empfehlen unseren Kunden, alle Kanäle zu nutzen. Jetzt ist der Moment, in dem die Kommunikationsfenster weit offen sind; die Aufmerksamkeit ist da. In Zeiten großer Verunsicherung verbinden Kunden mit vertrauten Markenbotschaften Zuverlässigkeit.

In der psychologischen Überwindung der Krise sehe ich die Chance in unserer Gesellschaft auf mehr Menschlichkeit und Empathie. Als „Logik der Liebe“ werden neue Formen der Solidarität sowie eine nachhaltige Wertschätzung des Handels und seiner Dienstleistungen wachsen. Dies wird unsere Wirtschaft insgesamt positiv bestärken.

Michael Schießl, CEO Eye Square

Kooperation bewusst leben

Mir liegt jedes einzelne uns angeschlossene Unternehmen am Herzen. Jeder Unternehmer mit allen Mitarbeitern. Deshalb tun wir alles dafür, dass die für unsere Gesellschaft und unsere Innenstädte so wichtigen Handelsbetriebe gut durch die Krise kommen.

Die ANWR Group wurde im vergangenen Jahr 100 Jahre alt – im Rahmen unserer Feier habe ich die enge Gemeinschaft der Mitglieder und auch der Geschäftspartner persönlich gespürt. Dass diese schon so schnell auf eine so harte Probe gestellt werden würde, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen. Die ANWR Group hat in ihrer Geschichte schon viele Herausforderungen gemeistert. Wir werden das auch diesmal schaffen!

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bedanken: für ihr großes Engagement – bis zur Grenze der Belastbarkeit – und ihre große Loyalität in einer sehr bewegenden und emotional herausfordernden Zeit. Der größte Teil unserer Mitarbeiter arbeitet aus dem Homeoffice. Das klappt dank der digitalen Möglichkeiten sehr gut. Wir haben das schnell gelernt.

Danke auch an die Vertreter der Schuh-, Sport- und Lederwarenindustrie. Wir haben sehr viele partnerschaftliche Gespräche geführt. Wenn alle Beteiligten, entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit, ihren Teil beitragen, können wir die Krise gemeinsam meistern.

Nicht zuletzt danke ich den Vertretern der Branchenverbände, die mit uns gemeinsam für die politischen Hilfsmaßnahmen für unsere Handelsbetriebe kämpfen. Hier sind insbesondere der Mittelstandsverbund ZGV und der Handelsverband Deutschland (HDE) zu erwähnen.

In der jetzigen Zeit kommt es ganz besonders auf die uns prägenden genossenschaftlichen Werte an. Es gilt, Kooperation und gegenseitige Hilfestellung bewusst zu leben.

Wir rücken alle näher zusammen und das verbindet uns zusätzlich – hoffentlich auch weit über die Phase der Krise hinaus.

Frank Schuffelen, Sprecher des Vorstands ANWR Group

Einige der Statements haben wir zudem als Video auf unsere Webseite ­gestellt. Sie finden sie hier.

 

Schlagworte: Statement, Coronakrise

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