Selbsthilfe

Kreativ durch die Krise

Viele Händler dürfen ihre Läden gar nicht mehr öffnen, anderen bleiben die Kunden weg. Mit Flexibilität und Ideenreichtum finden etliche Händler trotzdem Wege, ihre Ware zu verkaufen und so den Betrieb am Leben zu halten. Fünf Beispiele.

Von Jens Gräber 04.05.2020

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Um besser durch die Coronakrise zu kommen, werden viele Händler kreativ.

Peter Zens setzt in der Coronakrise auf sein Spargeltaxi und ein Drive-in-Konzept für den Hofladen. Der 42-Jährige bewirtschaftet den Getrudenhof in Hürth bei Köln, einen 15 Hektar großen Erlebnisbauernhof mit Streichelzoo und Laden für Produkte vom Hof und aus der Region. In der Krise darf der Laden zwar noch öffnen. „Aber der Umsatz ist anfangs um 80 Prozent eingebrochen“, sagt Zens. Kurz entschlossen stellt er einen Lieferdienst für seine regionalen Produkte auf die Beine, den er "Spargel­taxi" nennt. Dazu kommt der Drive-in-Laden: Kunden können vorbestellte Ware durch das Autofenster in Empfang nehmen. Mithilfe eines Ticketsystems, das eigentlich für das Puppentheater auf dem Hof gedacht ist, improvisiert Zens einen Onlineshop inklusive kontaktloser Bezahloptionen. 200 Bestellungen erreichen ihn pro Tag – nur ein Drittel der Kundenzahl, die der Hofladen zu Spitzenzeiten erreicht. Weil die Lieferung Kosten erzeugt, ist zudem die Marge geringer. Zens ist trotzdem zuversichtlich: „Die Kurzarbeitsanträge für meine 60 Mitarbeiter konnte ich zurück­nehmen“, erklärt er nicht ohne Stolz.

Manuel Hualde setzt auf Humor, um sein Onlinegeschäft mit Brillen auszubauen. Der 52-jährige Optiker betreibt im hessischen Freigericht seinen Laden namens Sehstern. In der Krise entscheidet er sich für stark verkürzte Öffnungszeiten, in denen er nur Notfälle wie Brillenreparaturen abwickelt. „Aus Verant­wortungsgefühl“, wie er sagt. Für seine acht Mitarbeiter meldet Hualde Kurzarbeit an. Online verkauft er seine Brillen schon lange, allerdings erzielt er auf diesem Wege nur rund 20 Prozent seines Umsatzes. Mit lustigen Aktionen will er diesen Anteil steigern. Im April erhalten Käufer als Zugabe zu ihrer Online­bestellung ein Skatspiel sowie eine Rolle Toilettenpapier. Motto: „Das richtige Blatt zur richtigen Zeit“. Das stationäre Geschäft bereitet er derweil vor, um bald wieder länger öffnen zu können: Gesichtsvisiere für die Mitarbeiter und transparente Schutzfolien zwischen Beschäftigten und Kunden sollen Ansteckungen verhindern. Denn mit dem aktuellen Umsatz sei der Laden längerfristig nicht zu finanzieren.

Christina Jaskulla verkauft Schutzmasken anstelle von Kleidern. Die 53-Jährige führt „Rockie und Kleid“, einen kleinen Modeladen für selbst genähte Petticoatkleider und Tellerröcke im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Die Coronakrise bringt ihr Ein-Frau-Unternehmen zum Erliegen, obwohl sie als Handwerkerin eigentlich öffnen dürfte. Doch die Laufkundschaft bleibt fast komplett weg – bis jemand nach Schutzmasken für Mund und Nase fragt. Also setzt sie sich an die Nähmaschine, fertigt die Muster und legt sie ins Schaufenster. „Jetzt kann ich gar nicht so viele Masken nähen, wie ich verkaufen könnte“, sagt Jaskulla. Bestellungen nimmt sie an der Tür entgegen, unter Wahrung des Sicherheits­abstands, versteht sich. Dort erfolgt auch die Übergabe der fertigen Masken an die Kunden. Bis zu 20 schafft sie am Tag zu nähen, sagt sie. Auch ausgefallene Wünsche erfüllt sie, etwa nach einem Totenkopfmuster. Zumindest in wirtschaft­licher Hinsicht hat das Coronavirus für Jaskulla seinen Schrecken verloren: „Wenn es so weiterläuft, mache ich mit den Masken so viel Umsatz wie sonst mit meiner Mode“, sagt sie.

Sebastian Weber stellt Spielzeug im benachbarten Bioladen aus und liefert es Kunden nach Hause. Der Laden „Die wilden Schwäne“ im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg darf seit Beginn der Krise nicht öffnen; der 44-jährige Weber meldet für die sieben Beschäftigten Kurzarbeit an. Die Schwäne setzten bis dahin ganz auf den stationären Handel, doch jetzt lässt Weber sich von seinem Sohn Facebook-­Gruppen zeigen, in denen er die Lieferung von Spielzeug anbieten kann. Schnell wird die Nachfrage so groß, dass der Ladenbetreiber nicht mehr jeden Auftrag annehmen kann. Auch stationär geht er neue Wege: Im benachbarten Bioladen dürfen die Schwäne zwischen Waschmittel und Lutschbonbons ein Regal mit Spielzeug füllen, das auch direkt dort gekauft werden kann. Allen Bemühungen zum Trotz sei der Umsatz aber deutlich geringer als sonst. „Das wichtige Oster­geschäft haben wir weitgehend verpasst“, bedauert Weber. Er macht sich Sorgen über die Zeit unmittelbar nach der Krise: „Steigt der Umsatz nicht auf das alte Niveau, bekommen wir ein Problem – schließlich müssen wir dann auch wieder Gehälter zahlen.“

Laura Triphaus verkauft Bücher via Livestream und Videochat. Ihrem Vater Gerd Triphaus gehört die Buchhandlung Karl Konerding im niedersächsischen Vechta. Seit Mitte März darf der Laden nur noch sehr begrenzt für den Zeitungsverkauf öffnen; Triphaus beantragt Kurzarbeit für die beiden Teilzeitkräfte. Da sie im Geschäft niemanden mehr beraten kann, kommt die 24-Jährige auf die Idee, stattdessen Produkte via Livestream über die sozialen Netzwerke Instagram und Facebook vorzustellen. Zuschauer können direkt per WhatsApp bestellen und die Ware später abholen oder sich bringen lassen. „Im Schnitt haben 35 Leute zugeschaut – obwohl ich die Aktion erst einen Tag zuvor beworben hatte“, sagt Triphaus. Einige Kunden bestellen noch im Nachhinein, andere haben spezielle Beratungswünsche – auch Letztere bedient Triphaus per Videoanruf. Sie plant weitere Streams zu speziellen Genres wie Kinderbüchern. Ohne ihre Ideen wären die wirtschaftlichen Folgen der Krise für den Buchladen enorm, meint Triphaus. So aber sei der Umsatz etwa auf dem Niveau des Vorjahres.

Schlagworte: Kreativität, Coronakrise

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