Verbundgruppen

Gruppendynamik

Zur Bewältigung der Coronakrise ist Kooperation angesagt. Die Verbundgruppen beraten ihre Anschlussunternehmen, verhandeln mit Lieferanten sowie der Politik und managen den aus der Not geborenen Digitalisierungsdrang zuvor eher unwilliger Händler.

Von Ralf Kalscheur 04.05.2020

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Die vom Mittelstandsverbund – ZGV kurz nach dem Shutdown gegründete „Taskforce Liquidität für den Mittelstand“, der neun Verbundgruppen angehören, sucht nach Lösungen, um betroffenen Einzelhändlern die staatlichen Corona-Fördermaßnahmen unbürokratisch zur Verfügung zu stellen.

"Vielleicht“, so hofft Susanne Sorg, „haben mehr Menschen infolge des Shutdowns begriffen, wie wertvoll und bereichernd eine lebendige Innenstadt mit vielen unterschiedlichen offenen Geschäften für unser Leben ist.“ Gut möglich, dass sich die Verbraucher mit ausgedehnten Einkaufsbummeln belohnen mögen, wenn ein Ende der pandemisch verbreiteten Unsicherheit absehbar wird. Die existenziellen Sorgen der rund 4 000 Anschlussunternehmen der Mehrbranchen-Verbundgruppe treiben das Vorstandsmitglied der EK Servicegroup täglich um.

Letzte Ausfahrt Multichannel

Es sind mittelständische, inhabergeführte Kaufhäuser, Modehändler, Fachhändler aus Bereichen wie Living, Hausgeräte oder Spielwaren, für die die Verbundgruppe Aufgaben als Einkaufsgemeinschaft, Marketingverbund und Unternehmensberatung wahrnimmt. Einzelhandelsunternehmen, die mitunter kein Geschäft machen, wenn die Türen zu sind, weil sie sich den Herausforderungen der Digitalisierung nicht rechtzeitig stellten. „Die Coronakrise wirkt in dieser Hinsicht wie ein Katalysator“, sagt Sorg. „Ich habe mir jahrelang den Mund fusselig geredet, um den Omnichannel-Ansatz zu propagieren. Jetzt ist der Druck so groß, dass auch die Unternehmen, die sich dem bislang verschlossen hatten, ganz schnell Anschluss an den E-Commerce finden wollen.“ Auf dem Mehrbranchen-Marktplatz compravo.de und dem Marktplatz für Hausgeräte electroplus-shop.de der EK können Händler zusätzliche Umsätze in ihren Webshops erwirtschaften und Kunden in ihre Läden führen. Während der Pandemie erlässt EK den Händlern für drei Monate die Servicegebühren. Das Marktplatzgeschäft ist für viele Späteinsteiger ein Tropfen auf den heißen Stein, räumt Sorg ein. „Aber selbst kleinste Umsätze zeigen, dass auch in Zukunft die Unternehmer die besten Marktchancen haben, die ihre stationäre Kompetenz mit den Möglichkeiten der Digitalisierung koppeln.“ Im umkämpften Fashionbereich, der der Verbundgruppe keine Plattform-Perspektive bietet, schloss EK Ende März einen Kooperationsvertrag mit Zalando. Rund tausend stationäre Modehändler, vorrangig in Deutschland, Österreich und den Niederlanden, können künftig Bestellungen von Zalando-Kunden aufnehmen und die Artikel aus den eigenen Sortimenten direkt aus ihren Geschäften verschicken.

„Wir sind ein verborgener Riese, der nun sichtbarer wird.“

Benedikt Erdmann, ZGV-Vizepräsident

Solidarität der Industriepartner

Für die angeschlossenen EK-Handelspartner setzt Zalando die Kommission für Warenverkäufe über die Zalando-Plattform bis zum 31. Mai auf null Prozent. Statt monatlich zahlt Zalando die Einnahmen wöchentlich aus, um Liquiditätsengpässe etwas abzufedern. Der Shutdown hat insbesondere das Saisongeschäft mit den Sortimenten Mode und Schuhe durcheinandergeworfen. „Wir diskutieren mit unseren Industriepartnern, die Frühjahrs- beziehungsweise Sommersaison nach hinten zu verschieben, damit unsere Anschlussunternehmen diese Waren noch verkaufen können, bevor die Herbstware geliefert wird“, berichtet Frank Schuffelen, Vorstandssprecher der ANWR Group, der rund 5 000 Handelsunternehmen aus den Bereichen Schuhe, Sport und Lederwaren angeschlossen sind. „Wir rufen unsere Industriepartner zu Verständnis und Solidarität auf.“

Als zentraler Mediator führt die Verbundgruppe die Verhandlungen darüber, offene Rechnungen um 30, 60 oder 90 Tage zu valutieren. Zur Gruppe gehören zwei Vollbanken. Im Zuge der bankengestützten Zentralregulierung wickelt ANWR das Clearing der Rechnungen ab. Dabei übernimmt die zur Gruppe gehörende DZB Bank die Garantie für die Zahlungsfähigkeit der Handelsunternehmen und die termingerechte Zahlung gegenüber den Lieferanten. Die DZB Bank stellt den Anschlussunternehmen der Gruppe während der Zeit der Krise eine um 50 Prozent erhöhte Saisonlinie zur Verfügung. So können die Händler Engpässe überbrücken und den Einkauf neuer Ware über die Bank zwischenfinanzieren. Andere Verbundgruppen verfügen über vergleichbare Systeme mit entsprechenden Dienstleistungsvereinbarungen.

Die vom Mittelstandsverbund – ZGV kurz nach dem Shutdown gegründete „Taskforce Liquidität für den Mittelstand“, der neun Verbundgruppen angehören, sucht nach Lösungen, um betroffenen Einzelhändlern die staatlichen Corona-Fördermaßnahmen unbürokratisch zur Verfügung zu stellen. „Die Politik hat ihre Handlungsfähigkeit in der Krise unter Beweis gestellt“, lobt Benedikt Erdmann, Vizepräsident des Mittelstandsverbundes. „Doch es ist nicht damit getan, Garantien auszusprechen. Das Geld muss auch fließen und schnell bei den Unternehmen ankommen!“ Um Tempo zu machen, bieten die Verbundgruppen daher an, ihre Zahlungsinfrastrukturen für die Verteilung der KfW-Kredite zu nutzen. Anträge könnten auf diese Weise schneller bearbeitet werden, denn die Verbundgruppen kennen bereits die nötigen Bonitäts- und Firmeninformationen aus den Geschäftsverbindungen mit den Mitgliedern.

Verkannte Macht der Verbundgruppen

„Gemeinsam mit dem Mittelstandsverbund wollen wir mit starker Stimme sprechen und uns Gehör bei Politik und Wirtschaft verschaffen“, betont Intersport-CEO Alexander von Preen, Mitglied in der Taskforce. Die Verbundgruppen sind je nach Branche, Organisationsform und Integrationsgrad unterschiedlich aufgestellt und stehen teils im Wettbewerb miteinander. Die Krise schweißt zusammen.

„Vielen Politikern, mit denen wir im Rahmen der Taskforce in Kontakt stehen, war die wirtschaftliche Macht und Bedeutung der Verbundgruppen noch nicht in dem Maße bewusst. Wir sind ein verborgener Riese, der entschlossen für den Mittelstand voranschreitet und nun sichtbarer wird“, sagt Erdmann. Der Riese steht vor großen Herausforderungen. „Die KfW-Kredite stützen zwar die Liquidität, doch je länger die Krise dauert, desto größer wird die Schuldenwelle, die das Eigenkapital der Unternehmen wegspült.“

Schlagworte: Verbundgruppen, Coronakrise

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