Fachverbände

Blick in die Branchen

Die Coronakrise hat den Handel insgesamt hart getroffen, die konkreten Auswirkungen sind je nach Branche allerdings genauso verschieden wie die Bewältigungsstrategien. Ein Überblick.

05.05.2020

© Ralph Peters / Imago

Bundesverband des Deutschen Textil­einzelhandels

Kampf ums Überleben


Von Rolf Pangels, Hauptgeschäfts­führer Bundesverband des Deutschen Textil­einzel­handels e. V. (BTE)

Alle Textil- und Schuhgeschäfte sind geschlossen, der Umsatz ist auf null gesunken. Das Coronavirus hat die Fashionbranche genauso heftig getroffen wie Gastronomie und Kultureinrichtungen. Tausende Boutiquen, Schuhgeschäfte und Modehäuser und damit ihre Lieferanten stehen vor dem Aus.

Die erzwungenen Geschäftsschließungen treffen den Textil- und Modefachhandel (inklusive Schuhe und Lederwaren) mit seinen rund 33 000 Unternehmen und fast 80 000 Verkaufsstellen in extremem Maße. Denn die Fashionbranche unterliegt besonderen Umständen:

► Die Warenangebote sind saisonal unterschiedlich, was ein Aufholen der Umsätze fast unmöglich   macht und zu einer schnellen Entwertung der Warenbestände führt.

► Trotz des Shutdowns werden weiter Textilien, Schuhe und Lederwaren angeliefert, die den Waren- und Liquiditätsdruck erhöhen.

► Die lange, globale Lieferkette macht Stornierungen und schnelle Reaktionen praktisch unmöglich.

► Der Onlinehandel und andere Vertriebswege dürfen weiterhin Textilien, Schuhe und Lederwaren verkaufen.

Der BTE hat daher schon früh reagiert und bereits am 2. März erste Hinweise zu auftretenden rechtlichen Fragen im Verbandsnewsletter und auf der BTE-Website behandelt. Es folgten am 13. und 17. März rechtliche Hilfestellungen rund um die Warenlieferungen und am 26. März zum Thema Mietzahlungen.

Forderungen finden großes mediales Echo

Begleitet wurden die internen Hilfestellungen durch Pressemeldungen sowie öffentliche Appelle und Forderungen. Ein erster Ruf nach raschen Hilfen erging bereits am 9. März, am 18. März folgten Appelle an Vermieter und an Lieferanten. Großes Medieninteresse fanden die Pressemeldungen „Fashionbranche vor dem Kollaps“ (25. März), „Täglich über zehn Millionen Modeartikel unverkauft!“ (27. März) und „BTE widerspricht Sachverständigenrat“ (2. April).

Kompensation des Wertverlusts

Höhepunkt der Verbandsaktivitäten waren am 31. März gemeinsame, gleichlautende Briefe der Präsidenten von BTE, BDSE und BLE an Bundeskanzlerin Angela Merkel, Kanzleramtschef Helge Braun, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Gefordert wurden darin die Übernahme der laufenden Betriebskosten sowie die Kompensation des Wertverlusts des aktuellen Warenbestandes über einen Hilfsfonds. Darüber hinaus sollte die Bundesregierung in Absprache mit den Ländern und Kommunen bereits zu diesem Zeitpunkt einen verlässlichen Fahrplan „für die Zeit danach“ entwerfen.

Zuletzt standen praktische Hilfen für die gesamte Fashionbranche im Fokus der Arbeit des BTE. In verschiedenen Arbeitskreisen wird beispielsweise über Lösungen diskutiert, wie die Warenversorgung im Sommer und in der Herbst-/Winter-Saison partnerschaftlich mit den Lieferanten ausgestaltet werden kann. In diesem Zusammenhang haben sich BTE, BDSE und BLE für eine Verschiebung der Saisons nach hinten ausgesprochen.

Detaillierte Informationen zu allen Aktivitäten des BTE unter: bte.de

Handelsverband Wohnen und Büro

Digitale Flucht nach vorn


Von Christian Haeser, Geschäftsführer ­Handelsverband ­Wohnen und Büro e. V. (HWB)

Momentan ist die Lage für die Händler im Fachbereich Wohnen und Büro dramatisch. Die Umsätze sind teilweise bis zu 100 Prozent weggebrochen, die Unternehmen stehen still.

Liquidität, Finanzierungen, Miete und Betriebskosten sind nur einige Probleme, mit denen unsere Händler zu kämpfen haben. Erschwerend kommt hinzu, dass der persönliche und beratende Zugang zu den Kunden nicht mehr wie bisher gegeben ist. Zwar gibt es Kunden, die ihre Ware jetzt aus Treue zum Unternehmen online bestellen. Doch das wird nicht dauerhaft so bleiben. Einige andere wiederum nutzen Click and Collect und bleiben auf diesem Weg ihrem Stammgeschäft treu.

Mit Blick auf die besonders im Möbelhandel vollen Warenlager versuchen unsere Mitglieder, den Warendruck abzubauen und die Kunden zu überzeugen, dass eine Auslieferung unter Beachtung der geltenden Hygienevorschriften zurzeit möglich und zulässig ist. Und letztlich steigert jede durchgeführte Auslieferung und Montage wiederum die Liquidität.

Unsere Branchen kämpfen aktuell darum, ihre Mitarbeiter zu halten. Seitdem der Handel zum großen Teil heruntergefahren wurde, erreichen uns täglich viele Anrufe besorgter Mitglieder, die bei der Fülle an Informationen über Hilfspakete, Kurzarbeitergeld, Rettungsfonds etc. die Übersicht verloren haben. Für uns hat es oberste Priorität, die Informationsflut branchenbezogen vorzufiltern und die Essenzen an die existenzbedrohten Händler weiterzutragen, die keine wertvolle Zeit zu verlieren haben.

Ruf nach Exit-Strategie

Außerdem appellieren wir, Vermittlungsangebote im Sinne einer zeitlich beschränkten Arbeitnehmerüberlassung in Betracht zu ziehen – unserer Meinung nach ein gutes Mittel, um Kurzarbeit zu vermeiden. Denn es ist allemal besser, Mitarbeiter an anderer Stelle sinnvoll einzusetzen, als sie mit gekürztem Gehalt in die Kurzarbeit zu schicken.

„Wenn der Kunde nicht ins Geschäft kommt, kommt das Geschäft zum Kunden“: Diesem Motto folgend, treten viele unserer Mitglieder die digitale Flucht nach vorn an. Kampagnen werden über die eigene Homepage, Direct Mailings, Advertorials und Social Media Channels ausgespielt. Der Fokus liegt darauf, die Kunden darüber aufzuklären, dass eine persönliche Beratung jederzeit telefonisch oder online stattfinden kann und Lieferungen nach Hause möglich sind. Online-Videoberatung ist ein probates Mittel, beispielsweise um einem Kunden des Möbelhandels seine neue Küche oder sein neues Schlafzimmer mithilfe gut funktionierender Planungs- und Visualisierungssoftware zeigen zu können – wenngleich das haptische Erlebnis auf diesem Kanal entfällt.

Die Spät- und Langzeitfolgen für unsere Händler sind zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt nicht absehbar. Wie lange auch immer die Corona-Pandemie anhalten mag, Deutschland wird, wie es unlängst die Wirtschaftsweisen geäußert haben, in eine Rezession rutschen. Umso wichtiger ist es, dass die Bundesregierung die langfristige Wirtschaftsentwicklung begleitet und die Händler wieder handeln können. Hilfreich wäre für unsere Händler ein politisches Signal für eine geordnete Exit-Strategie.

Factsheets mit aktuellen Informationen zu Themen wie Kurzarbeit, Liquidität und Geschäftsschließungen stellt der HWB online zur Verfügung. Download unter:

bwb-online.de/bwb/corona.html

Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels

Große Leistung unter schwierigsten Bedingungen


Von Christian Böttcher, Leiter Politik und Kommunika­tion, Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e. V. (BVLH)

Die Coronakrise stellt das wirtschaftliche Leben in Deutschland vor Herausforderungen bisher unbekannten Ausmaßes. Während auf der einen Seite ganze Branchen schließen mussten, arbeiten andere, wie der Lebensmittelhandel, an der Belastungsgrenze.

Die Nachfrage vor allem nach Teigwaren, Backzutaten, Konserven, Toilettenpapier oder Desinfektionsmitteln ist in kürzester Zeit derart in die Höhe geschossen, dass keine noch so leistungsfähige Lieferkette sie hätte ausreichend bedienen können. Das hat zu Regallücken geführt, die erst nach und nach geschlossen werden konnten. Nachdem die Welle der Bevorratungskäufe abgeebbt ist, hat sich die Versorgungslage normalisiert – allerdings nicht auf das Maß vor dem Ausbruch von Covid-19.

Wegen der Eindämmungsmaßnahmen bleiben Millionen Menschen nicht nur zu Hause, sondern kochen und essen dort auch mehr als früher. Das hat dazu geführt, dass die Bevölkerung mehr Lebensmittel im Einzelhandel kauft. Diese gestiegene Nachfrage trifft auf Lieferketten, die nach wie vor unter großer Belastung arbeiten.

In der Shutdown-Phase ist der Lebensmittelhandel eine der wenigen Einzelhandelssparten, die weiter betrieben werden dürfen – allerdings unter strengen Zugangsbeschränkungen, Verhaltens- und Hygieneregelungen. Dabei gibt es zwei Probleme:

Zum einen sind Bundesländer und Kommunen für den Erlass der Vorschriften verantwortlich. Das hat zu einem föderalen Flickenteppich bei den Auflagen geführt. Bei knapp 300 Landkreisen und über 100 kreisfreien Städten erhöht die kommunale Zuständigkeit den Umsetzungsaufwand für den Lebensmittelhandel gewaltig.

Zum anderen wurden durch einzelne Behörden in mehreren Bundesländern Auflagen erlassen, die einen geordneten Geschäftsbetrieb nur unter größten Anstrengungen möglich machen. Das betrifft vor allem bestimmte Hygieneregeln.

Gemeinsam mit den Mitgliedsunternehmen, dem HDE und seinen Landesverbänden trägt der BVLH solche Probleme und die Positionen der Branche an die Bundesregierung und die Landesregierungen heran.

Die Coronakrise hat gezeigt, dass der Lebensmittelhandel die Bevölkerung auch unter schwierigsten Bedingungen versorgen kann. Die großen Leistungen, die alle Mitarbeiter in den Unternehmen seit Wochen erbringen, haben das ermöglicht. Dieses Wirgefühl zeigen die Lebensmittelhändler auch gegenüber ihren Kunden – durch die Zusicherung, sie auch weiterhin mit allem Notwendigen zu versorgen, und mit der Bitte, auch künftig die Hygiene- und Verhaltensregeln beim Lebensmitteleinkauf zu befolgen.

Bundes­verband Technik des Einzelhandels

Kreative Lösungen gefunden


Der Handel mit technischen Gebrauchsgütern befindet sich in einer existenzbedrohenden Situation. Zwangsschließungen strapazieren nicht nur Beschäftigungs- und Mietverhältnisse. Doch in der Coronakrise sind nicht wenige Händler über sich hinausgewachsen.

► „Viele Unternehmer haben ihre Beziehung zum Kunden neu definiert. Ob persönlicher Lieferdienst oder optimierter Webshop – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Auch wir Handelsverbände kämpfen unter Hochdruck an der Coronafront und bieten den Händlern wertvolle Beratung und Services.“
Steffen Kahnt, Geschäftsführer Bundes­verband Technik des Einzelhandels e. V. (BVT)

► „Der Shutdown zwingt uns die Digitalisierung des stationären Handels auf beispiellose Weise über Nacht auf. Die durch Corona erforderliche Geschwindigkeit ist eine echte Herausforderung. In diesem Prozess sind die konkreten Hilfestellungen seitens des Handelsverbands in der aktuellen Notsituation genauso wichtig wie die staatliche Unterstützung.“
Stephan Lindner, Präsident Handelsverband Juweliere e. V. (BVJ)

► „Die Schließung der Spielwarengeschäfte im Ostergeschäft war sehr schmerzhaft. Dass Drogerien und Supermärkte zum Teil weiter Spielwaren verkauften, führte zudem zu einer massiven Wettbewerbsverzerrung. Dennoch tun wir unser Möglichstes und nutzen andere Kanäle, um mit unseren Kunden in Kontakt zu bleiben. Ob Lieferdienst, Abholservice oder Onlinebestellungen – wir machen weiter!“
Wieland Sulzer, Vorsitzender Handels­verband Spielwaren e. V. (BVS)

► „Für den Schutz unserer Mitmenschen und die damit zusammenhängenden Maßnahmen haben wir vollstes Verständnis und tragen gerne unseren Teil dazu bei. Was wir uns bei allen politischen Maßnahmen aber gewünscht hätten, ist Planungssicherheit und eine Perspektive, wann und wie es weitergeht. Es wurde zu spät und zu wenig über eine Exit-Strategie diskutiert.“
Frank Schipper, Vorsitzender Bundesverband Technik des Einzelhandels e. V. (BVT)

► „Für den Fahrradhandel kommen die angeordneten Schließungen zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, da März und April in der Regel die umsatzstärksten Monate des Jahres sind und in diesen beiden Monaten bis zu 40 Prozent des Jahresumsatzes erwirtschaftet werden. Die Werkstätten, die zwischen fünf und 15 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen, können geöffnet bleiben. Dadurch ist zwar die Mobilität der Bevölkerung sichergestellt, aber die notwendigen Verkäufe können nur in erheblich reduziertem Maße mit erheblichem Mehraufwand erzielt werden. Der Onlinehandel wird wohl der Profiteur sein, da er das kontaktlose Geschäft besser beherrscht als der stationäre Einzelhandel.“
Tobias Hempelmann, stellvertretender Vorsitzender Verband des deutschen Zweiradhandels e. V. (VDZ)

Schlagworte: Branchen, Coronakrise

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