Hamsterkäufe

Lebensmittelhändler profitieren von größerer Nachfrage

Wegen der Coronavirus-Epidemie bleiben die Menschen zu Hause und kochen wieder mehr. Restaurants leiden darunter, Supermärkte machen ein Riesengeschäft. Schon wird über einen möglichen Engpass der Versorgung diskutiert.

16.03.2020

© Ying Tang / NurPhoto / Getty Images

Wegen der hohen Nachfrage stehen Kunden derzeit schon mal vor leeren Regalen.

Das sich ausbreitende Coronavirus und die zunehmenden Einschränkungen im Alltag schlagen auf das Konsumverhalten durch. Die Nachfrage nach Lebensmitteln in Deutschland ist nach Angaben des Handels in den vergangenen Tagen "sprunghaft angestiegen". Es gebe aber kein Nachschubproblem, und die Supermärkte blieben auch wie bisher sechs Tage die Woche geöffnet, sagt der Sprecher des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH), Christian Böttcher. Andere Darstellungen etwa in sozialen Medien entsprächen "nicht der Wahrheit".

"Die Logistikketten arbeiten unter Volllast, aber sie funktionieren", sagt Böttcher. Der Nachschub sei da, aber teilweise könnten die Regale nicht so schnell aufgefüllt werden, wie die Ware verkauft werde. Die Lage sei von Geschäft zu Geschäft, von Region zu Region unterschiedlich. Es sei nicht so, dass Mehl und Nudel in allen rund 30 000 Lebensmittelgeschäften in Deutschland zuletzt gefehlt hätten. Auch die Bundesregierung versichert, es gebe keine Versorgungsengpässe. Hamsterkäufe sollten deshalb vermieden werden.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) appelliert an die Bürger, "ihre Vorräte mit Bedacht, Augenmaß und umsichtig aufzustocken – dann ist genügend für alle verfügbar, die Regale werden zeitnah wieder aufgefüllt". Für Hamsterkäufe gebe es keinen Anlass, sagt sie. "Gerade mit Blick auf die jetzige Situation ist nicht nur die Solidarität der Verbraucher untereinander gefragt, sondern auch Maß und Mitte." Wichtig sei, nur das zu lagern, was auch normalerweise im Alltag genutzt und verbraucht werde.

Grenzen bleiben für Warenverkehr offen

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) twittert: "Die Versorgung mit Lebensmitteln ist gesichert. Es besteht kein Grund zur Sorge, dass wir irgendwo Knappheiten haben. Es gibt leichte logistische Schwierigkeiten, aber die Lager sind gut bestückt. Für Hamsterkäufe gibt es keinen Anlass - sagen Sie es bitte weiter!"

Zuvor hatte Scheuer in der "Bild"-Zeitung von Pläne für den Fall gesprochen, dass sich die Situation zuspitze. Wenn zum Beispiel Polen die Grenzen schließe, habe das wegen fehlender Lkw-Fahrer aus dem Nachbarland direkte Auswirkungen auf die Versorgungslage in Deutschland. "Wenn wir dann zu Engpässen kommen, kann die Bundeswehr die Versorgung auffangen", sagte Scheuer. Das sei aber ein Szenario für den schlimmsten Fall, "soweit sind wir noch nicht".

Zwar hat Polen am Sonntag seine Grenzen für die Einreise von Ausländern geschlossen. Das gilt aber nicht für Lastwagenfahrer. Für den Warenverkehr blieben die Grenzen offen.

Supermärkte und Lieferdienste profitieren

In Deutschland werden in der am Montag beginnenden Woche die meisten Schulen und Kindergärten erst einmal geschlossen, Kantinen arbeiten im Notbetrieb, Barbesuche sind verboten oder die Gäste bleiben ohnehin fern. Die Supermarktkette Rewe stellt vor allem eine höhere Nachfrage nach Trockenlebensmittel wie Nudeln und Reis sowie Konserven und Drogerieartikel fest.

"Es wäre nur sinnvoll, wenn die Leute, denen es möglich ist, den Einkauf auf die Woche verteilen, und nicht nur Freitagnachmittag und Samstagmorgen einkaufen", sagt der Rewe-Sprecher. Dann hätten Mitarbeiter auch die Chance, die Regale schnell genug wieder zu befüllen.

Auch Branchenexperten beobachten, dass in Supermärkten anders und mehr eingekauft wird. Lieferdienste profitieren von der Lage ebenso. Auf Großkunden spezialisierte Lebensmittelhändler dagegen müssten mit deutlichen Einbußen rechnen, so die Fachleute. Die prekäre Situation für Hotels und Gaststätten schlage bei Großhändlern und Großmärkten durch.

Größere Nachfrage nach frischen Produkten

Der Nachfragerückgang von Gastronomen, Hotels, Kitas und Kantinen sei deutlich spürbar, sagt Marcus Schwenke, Geschäftsführer des Großhandelsverbandes Foodservice. Einbrüche seien leicht zeitversetzt zum Gastgewerbe zu erwarten. Sollten Insolvenzen in der Gastronomiebranche zunehmen, könne dies dramatische Folgen für Großhändler haben - noch weit nach dem Pandemie-Ende, fürchtet der Verband, der Anbieter wie Metro und Selgros/Transgourmet vertritt.

Folgt man Experten der Boston Consulting Group (BCG), können Lebensmittelhändler nicht nur in Deutschland "über mehrere Wochen" mit einem anhaltenden Plus von 10 bis 15 Prozent rechnen. BCG-Einzelhandelsexperte Markus Hepp macht in Deutschland in der Coronavirus-Krise drei Phasen aus. In der ersten Krisenwelle seien in hohem Maße Produkte wie Desinfektions- oder Reinigungsmittel gekauft worden. In Welle zwei seien Vorräte gebildet worden, nachdem klar gewesen sei, dass mit längerfristigen Auswirkungen zu rechnen sei.

Aktuell befinde sich Deutschland in Welle drei: Es gibt teils starke Einschränkungen im sozialen Leben. Dadurch steige die Nachfrage nach frischen Produkten. Aber auch nach Fertiggerichten, weil vermehrt zu Hause gekocht wird, sagt Hepp. "Das schlägt sich natürlich in den Verkaufszahlen dieser Kategorien nieder, wo wir beispielsweise 10 bis 20 Prozent Wachstum im italienischen Markt beobachten konnten." Besonders negativ betroffen seien Großhändler für Restaurants oder Hotels, wo ein Einbruch der Nachfrage um bis zu 30 Prozent drohe.

Schlagworte: Lebensmitteleinzelhandel

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