Coronakrise

Panoptikum der Pandemie

Die Ausbreitung des SARS-CoV-2-Erregers stellt den Einzelhandel in aller Welt vor ungekannte Herausforderungen. Eine globale Rundreise über sechs Stationen.

16.06.2020

© Getty Images/Richard Baker

Wie gehen die Einzelhändler weltweit mit den Bedürfnissen ihrer Kunden und Gemeinden um?

Saudi-Arabien

Verdreifachung des Online-Umsatzes

Obwohl der Staat nach wie vor alles unternimmt, um eine weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, hat die Regierung von Saudi-Arabien die landesweiten Sperrungen teilweise aufgehoben. Die Menschen können tagsüber ihre Häuser verlassen, für die Zeit von 17 bis 9 Uhr gilt jedoch eine Ausgangssperre. Einkaufszentren dürfen wieder öffnen. Das Königreich hält die größten Lebensmittelvorräte des gesamten Nahen Ostens. Das spiegelt sich auch im Anstieg der Lebensmittelimporte um durchschnittlich 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr wider. Lebensmittelgeschäfte dürfen innerhalb der zulässigen Öffnungszeiten betrieben werden. Es wird erwartet, dass die Verkaufszahlen die Erwartungen übertreffen. Im Zuge der Lockerungs­maßnahmen und angesichts der wieder­eröffneten Einkaufszentren wird die Modebranche ihre Umsatzprognosen sehr wahrscheinlich erfüllen, wenn nicht sogar übertreffen. Darüber hinaus lässt auch die Verdreifachung der Online-Umsätze das Einzelhandelsvolumen im Königreich weiter wachsen.

Muwaffaq M Jamal, geschäftsführender Gesellschafter, Retail & Marketing Consultancy Group und ehemaliger CEO der Panda Retail Group

Großbritannien

Notversorgung über Bringdienste

Im Kampf Großbritanniens gegen das Coronavirus haben wir als größter britischer Einzelhändler die notwendige Geschwindigkeit und Beweglichkeit an den Tag gelegt, um unserer wichtigsten Aufgabe gerecht zu werden: die Versorgung des Landes zu garantieren. Tesco hat seine Onlinekapazität verdoppelt und war Ende April der erste Lebensmittelhändler, der binnen einer Woche eine Million Hauslieferungen abwickeln konnte. Dabei haben wir sehr eng mit der Regierung zusammengearbeitet, um gefährdeten Kunden Priorität einzu­räumen. Die Regierung hat ihre Listen mit einer Reihe von Einzelhändlern geteilt, sodass wir jetzt über die Daten von 400 000 gefährdeten Kunden verfügen, von denen viele bei uns registriert sind. Bisher haben wir über 300 000 Bestel­lungen an sie geliefert und sind gerade dabei, die noch ausstehenden Order von weiteren Kunden auf dieser Liste – immerhin eine halbe Million – abzuarbeiten. Wir setzen alles daran, um sicherzustellen, dass wir diese Menschen einmal pro Woche beliefern.

Tony Hoggett, Chief Operating Officer von Tesco

Russland

Eck-Minimärkte sind die Gewinner

Die Quarantänemaßnahmen wurden in Russland den ganzen Monat Mai über fortgesetzt. Die Zahl derjenigen, die ihr Geschäft aufgeben müssen, wächst rasant. Bemerkenswerterweise sind die größten Gewinner bisher die privaten Eck-Minimärkte, die ihren Marktanteil bei der Grundversorgung mit Lebensmitteln auf bis zu 20 Prozent steigern konnten. Denn die Bewohner von Quarantäne­gebieten sind verpflichtet, ihre Lebens­mittel an den nächstgelegenen Stand­orten einzukaufen. Interessanterweise haben die russischen Verbraucher den Verbrauch gesunder Waren wie Gemüse und Vollkornsnacks verringert und sich mit Pommes frites (+22 Prozent), Eis (+15 Prozent) und Grundnahrungsmitteln wie Mehl und Hefe eingedeckt. Da 30 Prozent der russischen Bevölkerung über keine nennenswerten Ersparnisse verfügen, gehören Eis und Pommes frites möglicherweise zu den wenigen Genüssen, die für sie noch erschwinglich sind. Omnichannel-Lieferservices gedeihen weiterhin und erzielten im April ein Umsatzwachstum von bis zu 100 Prozent.

Maria Mironovskaya, Chief Customer Officer und Member of Board von Rainbow Smile, einem führenden russischen Health and Beauty Retailer

China

Notfallplan auf Basis von Big Data

Die Erfahrung mit Covid-19 hat in China eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig die Weiterentwicklung fortschritt­licher Technologien wie Big Data und IoT ist. Um die Vorteile dieser Anwendungen zu studieren, gibt es kaum einen besseren Ort als Wuhan, das Covid-19-Epizentrum in China. Der Ausbruch der Pandemie war mit enormem Druck auf die Lieferkette in der Region verbunden. JD testete die Risikofaktoren in der Lieferkette anhand seines „digitalen Zwillingsmodells“, das die tatsächlichen Bedingungen simuliert, um die direkten Auswirkungen auf die Sperrung von Dutzenden von Hauptstraßen in und aus Wuhan heraus sowie die indirekten Auswirkungen auf Hunderte von Straßen besser bewerten zu können. Mithilfe dieser Technologie erstellte JD innerhalb weniger Minuten einen Notfallanpassungsplan, um sicherzustellen, dass die benötigten Vorräte so schnell wie möglich in Wuhan ankamen, während Gegenstände, die für andere Bereiche bestimmt waren, um Wuhan herumgelenkt wurden. Am 8. April wurde die Sperre in Wuhan aufgehoben. Allein in der ersten Aprilwoche stieg die Anzahl der von JD Logistics gelieferten Großartikel um über 900 Prozent.

Ella Kidron und Ling Cao, JD.com

Südafrika

Gefahr sozialer Unruhen steigt

Südafrika steht aufgrund der Coronavirus-Pandemie vor enormen Herausforderungen. Nur einen Monat vor dem Lockdown stufte Moody's die Bonität des Landes auf Junk-Status herab. Die Arbeitslosigkeit von rund 40 Prozent markiert einen traurigen Rekord. Mit jeder Woche der Sperrung verlieren wir weitere Zehntausende von Arbeitsplätzen. Dies führt zu zunehmenden Spannungen und steigert die Gefahr sozialer Unruhen, da die Menschen nicht das Geld haben, sich selbst zu ernähren. Sozialzuschüsse erhalten derzeit nur ältere Menschen und Personen mit Kindern. Menschen, die erst vor Kurzem ihren Arbeitsplatz verloren haben, bekommen in der Regel nichts. Wir haben strenge Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen umgesetzt. Der gesamte Einzelhandel mit Ausnahme von Lebensmittelgeschäften und Apotheken ist geschlossen. Nach südafrikanischem Recht müssen Unternehmen unter diesen Umständen keine Miete an Vermieter zahlen. Lebensmittel verkaufen sich weiterhin gut, aber im Gegensatz zu westlichen Ländern gab es keine Panikkäufe. Die Menschen haben einfach nicht die Möglichkeit, Geld im Voraus auszugeben. Der Onlineverkauf von Lebensmitteln war vor der Krise nahezu irrelevant, nun hat sich die Nachfrage um das 20-Fache erhöht.

Simon Susman, Ehrenpräsident Woolworths Holdings Limited

Indien

Gehälter halbiert

Viele Bürger sind, wie auch ich selbst, der Regierung von Indien dankbar, dass sie dem Schutz des Lebens oberste Priorität eingeräumt hat. Auch ist die Disziplin von 1,3 Milliarden Menschen zu würdigen, die zu Hause geblieben sind und die sozialen Abstandsregeln befolgt haben. Zweifellos sind Wanderarbeiter, die nicht nach Hause zurückkehren können, und Menschen, die in Slumgebieten leben, in große Schwierigkeiten geraten. Ab dem 3. Mai lockerte die Regierung die Regeln und erlaubte die Wiedereröffnung von Einzelhandelsgeschäften, die nicht der Grundversorgung dienen. Doch Shopping Malls und Einkaufszentren bleiben bis auf Weiteres geschlossen. In Indien gibt es 15 Millionen Einzelhändler, die 46 Millionen Arbeitnehmer beschäftigen, von denen etwa sechs Millionen im modernen Einzelhandel tätig sind. Dieser trägt lediglich einen Anteil von drei bis fünf Prozent zum gesamten Einzelhandels­umsatz bei. Bereits jetzt hat es Gehaltskürzungen von bis zu 50 Prozent gegeben. Ohne finanzielle Unterstützung der Regierung erwarte ich in den nächsten drei Monaten einen Verlust von 20 bis 25 Prozent der Arbeitsplätze, hauptsächlich in den Einzelhandelskategorien, die nicht der Grund­versorgung dienen.

B.S. Nagesh, Gründer Trust For Retailers & Retail Associates Of India (TRRAIN), Vorsitzender der Retailers Association of India und Shoppers Stop

Der vollständige Report „Retailing in a time of crisis“ (World Retail Congress Publication) erscheint alle drei Wochen und steht hier kostenlos zum Download bereit.

Schlagworte: Coronakrise, Coronavirus, Einzelhandel

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