Warenhauskonzern

Karstadt-Kaufhof schließt 62 Filialen in 47 Städten

Jetzt ist es offiziell: Bei Deutschlands letzter großer Warenhauskette sollen 62 der 172 Filialen und zwei Schnäppchencenter dicht gemacht werden. Rund 5.000 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs.

19.06.2020

© Galeria Karstadt Kaufhof

Für die betroffenen Filialen bestehe angesichts der Auswirkungen der Corona-Krise keine wirtschaftliche Fortführungsperspektive mehr, heißt es.

Es ist ein rabenschwarzer Tag für Galeria Karstadt Kaufhof und seine Beschäftigten: Deutschlands letzter großer Warenhauskonzern kündigt am Freitag die Schließung von 62 seiner 172 Warenhäuser an. Insgesamt 5.317 Mitarbeiter werden dadurch nach Angaben des Gesamtbetriebsrates ihre Arbeit verlieren - und viele Innenstädte einen ihrer wichtigsten Anziehungspunkte. Die Gewerkschaft Verdi hat zuvor sogar von rund 6.000 der noch 28.000 Beschäftigten gesprochen, die von dem Kahlschlag betroffen seien.

Insgesamt will der angeschlagene Warenhauskonzern Filialen in 47 Städten schließen. Allein in Berlin sollen sechs der elf vorhandenen Kaufhäuser dicht gemacht werden, in Hamburg vier, in München drei, in Dortmund, Düsseldorf, Essen und Nürnberg zwei Geschäfte. Doch trifft es auch vielen kleinere Kommunen wie Goslar, Lübeck oder Worms. Der Vizepräsident des Deutschen Städtetages, Markus Lewe, sagt: "Die massenhaften Schließungen von Filialen bei Karstadt Kaufhof sind für die betroffenen Städte ein tiefer Einschnitt. Mit diesen Kaufhäusern geht ein Ort der Versorgung und Begegnung verloren."

Neben den Warenhäusern und zwei Schnäppchencentern werden nach Angaben des Gesamtbetriebsrats auch 25 Reisebüros geschlossen. Noch offen ist weiterhin das Schicksal der Karstadt-Sports-Häuser. Hier gelten mehr als zwei Drittel der rund 30 Filialen als gefährdet.

Ursprünglich sollten noch mehr Filialen schließen

Die Geschäftsführung von Galeria Karstadt Kaufhof bezeichnet die Maßnahmen als unvermeidlich. "Wir wissen, was dies für die betroffenen Mitarbeiter bedeutet. Aber dieser Schritt ist ohne Alternative, weil diese Filialen den Gesamtbestand des Unternehmens gefährden", sagt der GKK-Generalbevollmächtigte Arndt Geiwitz. Letztlich gehe es darum, Galeria Karstadt Kaufhof und damit viele Tausend Arbeitsplätze zu sichern. Ursprünglich hatte die Geschäftsführung sogar bis zu 80 Geschäfte dicht machen wollen.

Galeria Karstadt Kaufhof war durch die pandemiebedingte Schließung aller Filialen in eine schwere Krise geraten und hatte Anfang April Rettung in einem Schutzschirmverfahren suchen müssen. Galeria Karstadt Kaufhof rechnet durch die Pandemie und den durch sie ausgelösten Konjunkturabschwung bis Ende 2022 mit Umsatzeinbußen von bis zu 1,4 Milliarden Euro.

Die Gewerkschaft Verdi hofft jedoch nach wie vor, die Zahl der Schließungen noch weiter senken zu können. "Wir werden mit aller Kraft für den Erhalt der Standorte und die Zukunft der Beschäftigten kämpfen. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen", sagt das Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Für Samstag kündigt der Gesamtbetriebsrat eine Demonstration von GKK-Beschäftigten vor der Hamburger Zentrale des Immobilienriesen ECE an. Die Arbeitnehmer verlangen von dem Konzern Zugeständnisse bei der Miete für die von ihm vermieteten Warenhausimmobilien.

Mitarbeiter wechseln in Transfergesellschaft

Der vom Unternehmen mit dem Gesamtbetriebsrat und der Gewerkschaft Verdi ausgehandelte Sozialplan und Interessenausgleich sieht unter anderem vor, dass die gekündigten Mitarbeiter für mindestens sechs Monate in eine Transfergesellschaft wechseln können. Der österreichische GKK-Eigentümer René Benko habe dafür einen Millionenbetrag zur Verfügung gestellt, berichtet der Gesamtbetriebsrat.

Als Erfolg wertet die Gewerkschaft auch, dass der vom Unternehmen ursprünglich geplante Abbau von zehn Prozent der Stellen in den verbleibenden Filialen vom Tisch sei. Dadurch seien rund 1.000 Arbeitsplätze gerettet worden. Außerdem bleibe der im Dezember 2019 vereinbarte Integrationstarifvertrag in Kraft.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) fordert Galeria Karstadt Kaufhof auf, bei der Sanierung auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Eigner und Gläubiger seien in der Pflicht, keine "radikalen Abbaupläne" zu verfolgen, sondern in den Erhalt von Arbeitsplätzen und die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu investieren.

Handelsexperten zeigen sich im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur allerdings unsicher, ob die Einschnitte wirklich reichen werden, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern. Der Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein sagt: "Galeria Karstadt Kaufhof will mit 110 Warenhäusern weitermachen. Die meisten Experten gehen aber davon aus, dass auf Dauer nur rund 80 Warenhaus-Standorte überlebensfähig sind. Das dürfte deshalb noch nicht das Ende des Warenhausschrumpfens sein. Da ist durchaus noch Luft nach unten." Der Konzern habe den Erfolg des Online-Geschäfts verschlafen. Insofern sei es kein Zufall, dass die Schließungspläne ausgerechnet an dem Tag bekannt gegeben würden, an dem Amazon 25 Jahre alt werde.

Der  Handelsexperte Thomas Rob von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg bewertet die umfangreichen Schließungen als "Zeichen der Ratlosigkeit" und fügt hinzu: "Jetzt haben sie sich noch einmal Luft verschafft. Aber wie lange das trägt, ist durchaus die Frage."

Schlagworte: Coronakrise, Coronavirus

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