Interview

„Der Handel hat Großes geleistet“

Erst durften sie nicht, nun wollen sie nicht: Die Kauflaune der deutschen Konsumenten ist derzeit so getrübt wie wohl noch nie in der deutschen Nachkriegsgeschichte. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth über eine Branche im Ausnahmezustand.

Von Mirko Hackmann 16.06.2020

© Thorsten Futh

"Lebensmittelhandel, Drogerien und Baumärkte haben absolut professionell reagiert und binnen kürzester Zeit die notwendigen Maßnahmen getroffen, um den Zutritt zu kontrollieren sowie Hygiene- und Abstandsregeln durchzusetzen."

Herr Genth, wie haben Sie in den vergangenen Wochen die Stimmung im Einzelhandel erlebt?

Weite Teile des Handels waren von den Zwangsschließungen massiv betroffen und standen bei laufenden Kosten von jetzt auf gleich vollkommen ohne Umsatz da. Zehntausende Händler sahen sich daher zu Recht in ihrer Existenz bedroht. Zu dieser Zeit waren die Maßnahmen gesundheitspolitisch nachvollziehbar. Das sehr weit reichende Herunterfahren fast der gesamten Wirtschaft während der Kontaktbeschränkungen stellt jedoch für die gesamte Gesellschaft eine enorme Herausforderung dar. Nun geht es darum, trotz der massiven ökonomischen Einbußen und unter erschwerten Bedingungen den Neustart zu meistern: Wir alle müssen lernen, den notwendigen Gesundheitsschutz mit einem an die neue Normalität angepassten sozialen und insbesondere wirtschaftlichen Leben in Einklang zu bringen.

Wie gut vermochte der Handel, die schwierige Situation der Kontakt­beschränkungen zu bewältigen?

Lebensmittelhandel, Drogerien und Baumärkte haben absolut professionell reagiert und binnen kürzester Zeit die notwendigen Maßnahmen getroffen, um den Zutritt zu kontrollieren sowie Hygiene- und Abstandsregeln durchzusetzen. Zudem galt es, trotz Hamsterkäufen die Versorgungssicherheit und die Lieferketten stabil zu halten. Da hat der Handel Großes geleistet. Aber jene Branchen, die schließen mussten, standen vor dem Nichts und vermochten auch durch gemeinsame Initiativen und Projekte kreative Lösungen zu finden, um ihre Waren über alternative Kanäle zu vertreiben. Das konnte zwar die Verluste in keiner Weise kompensieren, stärkte aber die Kundenbindung.

Wie beurteilen Sie die Maßnahmen der Bundesregierung zur Unterstützung der Branche?

Positiv bleibt festzuhalten, dass in Deutschland die Sicherungssysteme funktionieren. Die Ministerien waren sehr schnell bereit, notwendige Maßnahmen zu ergreifen, um die Wirtschaft zu unterstützen. Die Verantwortlichen haben ein umfangreiches Konzept vorgelegt, das vom Kurzarbeitergeld bis zu Stundungen von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen reichte. Der Rettungsschirm ist groß aufgespannt worden, gleichwohl handelt es sich meistens um Kreditprogramme. Nur ein kleiner Teil der Unternehmen konnte bisher direkte Zuschüsse durch das Sofortprogramm erhalten, während Tausende mittelständische Unternehmen nur auf entsprechende KfW-Kredite mit begrenzter Haftungsfreistellung verwiesen wurden, die jedoch im Einzelhandel nicht ausreichend bewilligt werden. Daher mussten wir im Detail auf Nachbesserungen dringen, zum Beispiel, um bei Krediten an Mittelständler mit mehr als zehn Mitarbeitern die Haftungspflicht der Hausbanken aufzuheben, und fordern Überbrückungshilfen als direkte Zuschüsse.

Wie hoch beziffern Sie den durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen bereits entstandenen Schaden für den Handel?

Es gibt natürlich noch keine exakten Berechnungen dazu. Die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen für die zweite Märzhälfte und den April sind jedoch dramatisch. Die Umsatzeinbrüche im Non-Food-Bereich betrugen im onlinestarken Textilsegment im März bereits rund 50 Prozent und im April gar nahezu 100 Prozent. Der Lebensmitteleinzelhandel stand natürlich besser da, musste jedoch auch zusätzliche Kosten stemmen: einerseits, um die Sicherheit für Kunden und Angestellte zu gewährleisten, und anderseits, um die notwendigen Umstellungen in den Lieferketten vorzunehmen. Wo die Branche am Ende des Jahres landen wird, ist derzeit nicht abzusehen. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass der E-Commerce dem allgemeinen Abwärtstrend ein wenig entgegenläuft, gehen wir derzeit von rund 30 Milliarden Verlust während der Phase der weitreichenden Schließungen aus. Dies ist insbesondere gravierend, da es keine nennenswerten Nachkaufeffekte geben wird: Diese Umsätze sind unwiederbringlich verloren.

Auch nach den schrittweisen Wieder­eröffnungen bleibt die Konsumlaune im Keller …

Wäre es nach Herrn Söder gegangen, hätten Ende April zunächst nur Geschäfte bis 400 Quadratmeter öffnen können. Das haben wir als Verband zu verhindern vermocht. Gleichwohl ist es auch in den Wochen nach Öffnung noch so, dass die Frequenzen in den Fußgängerzonen 50 Prozent unter dem Normalniveau liegen. Je nach Lage und Sortiment erzielen die Händler nur 20 bis 50 Prozent ihrer üblichen Umsätze. Weil niemand weiß, wie lange diese Phase anhält, besteht in der Branche große Unsicherheit. Ohne dem Staat ein Fehlverhalten unterstellen zu wollen, bleibt festzuhalten, dass seit dem Zweiten Weltkrieg die Konsumstimmung noch nie so schlecht war. Der Handel ist noch lange nicht durch die Krise.

Zugleich erlebt er eine ungekannte Sympathie- und Solidaritätswelle seitens der Bevölkerung …

Es freut uns sehr für die Mitarbeiter in den Läden, dass insbesondere ihr mutiger Einsatz zur Sicherung der Grundversorgung von großen Teilen der Bevölkerung mit Dank und Wertschätzung honoriert wird. Zudem ist spürbar, wie sehr es den Menschen am Herzen liegt, ihren lokalen Handel zu unterstützen. Parallel ist jedoch zu beobachten, dass ein relevantes Volumen des Konsums ins Internet abwandert. Mit Maske in einen Laden zu gehen, trübt das Einkaufserlebnis nun einmal ungemein. Es bleibt abzuwarten, ob daraus eine nachhaltige Veränderung des Kaufverhaltens resultieren wird.

Der HDE rechnet mit bis zu 50 000 Schließungen infolge der Coronakrise, der Onlinehandelsexperte Professor Gerrit Heinemann prognostiziert sogar bis zu 200 000. Welche Branchen und Handelsformate sehen Sie als besonders gefährdet an?

Ich beteilige mich an solchen Rechnungen, die von bis zu 200 000 Schließungen ausgehen, nicht. Das ist Panikmache. Wir sehen aber deutlich, dass Innenstädte, Fachmarktzentren und vor allem Shoppingcenter von diesen Rückgängen massiv betroffen sind. Als Branche am stärksten bedroht ist der Textilhandel, der vielerorts schon vor der Pandemie unter Druck stand. Wir gehen aktuell davon aus, dass über alle Branchen hinweg 50 000 Standorte bedroht sind – betroffen sind vor allem jene, die schon zuvor wegen der zunehmenden Digitalisierung sowie aufgrund der demografischen Entwicklung in vielen Klein- und Mittelstädten vor enormen Herausforderungen standen. In einigen Regionen beobachten wir jedoch eine Renaissance der Innenstädte, also eine Bewegung der Bevölkerung weg vom Speckgürtel zurück in die City. Der Einzelhandel bleibt das Gesicht einer jeden Innenstadt. Darum erwarten wir von der Politik auf den Ebenen Bund, Länder und Kommunen Unterstützung, insbesondere des mittelständischen Handels, um in den Citys den Spannungsbogen zu erhalten. Gehen im Handel die Lichter aus, sieht jede Innenstadt karg aus.

„Wirtschaftlicher Erfolg und gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen sind ein wesentlicher Bestandteil von Nachhaltigkeit.“

HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth

Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Ankündigung der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof, 80 ihrer zurzeit noch 175 Filialen zu schließen?

Wir wünschen unserem in vielen 1-a-Lagen präsenten Mitgliedsunternehmen, das in der aktuellen Krise bei hohen Mietkosten erhebliche Umsatzeinbußen zu verkraften hatte, dass es einen Weg findet, möglichst viele Standorte und Arbeitsplätze zu erhalten. Das Warenhaussegment ist nach wie vor innenstadtprägend und sorgt für Frequenzen, von denen auch der Fachhandel profitiert. Wir brauchen das Warenhaus als Magneten in der Innenstadt.

Wie Sie eben sagten, ist der Handel noch lange nicht durch die Krise. Wie reagiert die Bundesregierung auf Ihre Forderungen nach Coronaschecks und einem staatlichen Rettungsfonds?

Noch vor wenigen Wochen hätte ich mir nicht vorstellen können, dass wir als HDE Konsumschecks für die Verbraucher fordern könnten. Wir haben den Vorschlag, jedem Bundesbürger 500 Euro auszuzahlen, jedoch sehr bewusst eingebracht. Damit konnten wir zunächst erreichen, dass die Bundesregierung nicht selektiv einzelnen Industrien, konkret der Autobranche, Kaufprämien zuspricht. Die Bundeskanzlerin hat sich inzwischen klar für ein gesamtwirtschaftliches Konjunkturpaket ausgesprochen, das unter anderem Steuerentlastungen und/oder Kinderzuschläge beinhaltet, also den Binnenkonsum direkt anregen wird. Insofern konnten wir mit unserer Forderung durchdringen. Für einen branchenübergreifenden Rettungsfonds für unsere durch die Schließung betroffenen Unternehmen haben wir bereits in den Ministerrunden im März geworben. Damals konnten wir erreichen, dass das Kurzarbeitergeld auch auf den Handel ausgeweitet wurde. Unser damaliger Vorschlag, nach dem Schweizer Modell neben Krediten auch Zuschüsse zu gewähren, wurde dahingehend erhört, dass nun im Rahmen des Konjunkturprogramms Unternehmen, die erhebliche Anteile ihres Umsatzes verloren haben und auch weiterhin verlieren, Zuschüsse zu den Betriebskosten, also beispielsweise dem Mietzins, als Überbrückungshilfe erhalten sollen.

Halten Sie auch Entschädigungs­zahlungen für die Zwangsschließungen für angemessen?

Das war die erste Forderung, die wir in der Ministerrunde erhoben haben. Grundlage für Allgemeinverfügungen zur Schließung ist das Infektionsschutzgesetz. Nach diesem Gesetz sind Entschädigungen vorgesehen, wenn ein einzelner Betrieb durch eine staatliche Anordnung geschlossen wird – nicht aber, so nach überwiegender Rechtsauffassung und der Position des Bundes, wenn es sich, wie im Fall der aktuellen Pandemie, um flächendeckende Schließungen handelt. Unsere Juristen sind daher zu dem Schluss gekommen, dass auf Basis der geltenden Anspruchsnormen ein direkter Anspruch auf Entschädigung nicht zu erstreiten wäre.

Mit den Händlern leiden auch die Vermieter unter der aktuellen Situation; das Verhältnis zwischen Eigentümern und Einzelhändlern spitzt sich vielerorts zu. Gelangen nun rein investoren­getriebene Handelsformate an ihr Ende?

Zum einen sehen wir, dass die Nonfood-Mieten ihren Höchststand nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa schon vor der Pandemie überschritten hatten. Das zeigt, dass wir hoffentlich bald auch in den 1-a-Lagen auf ein tragbares Niveau zurückkommen werden. Zudem fordern wir eine gemeinsame Risikoteilung und wirken auf den Gesetzgeber ein, das Bürgerliche Gesetzbuch dahingehend nachzuschärfen, dass eine Neuverhandlung des Mietzinses in so außergewöhnlichen Situationen beansprucht werden kann. Parallel wollen wir mit der Immobilienwirtschaft einen Code of Conduct erarbeiten, der als gemeinsame Richt-schnur für die Risikoteilung dienen soll. Wegen der derzeitigen Zugangsbeschränkungen können Ladenflächen nicht wie gewohnt genutzt werden. Entsprechend bedarf es im Rahmen einer echten Mietpartnerschaft flexiblerer Vertragsverhältnisse, die auch abhängig vom Umsatz sein sollten. Letztlich sitzen beide Branchen in einem Boot, weshalb Mieten, die betriebswirtschaftlich nicht zu stemmen sind und in der Vergangenheit häufig zu Geschäftsaufgaben geführt haben, heute erst recht nicht mehr in die Zeit passen.

Trotz aller Probleme: Hat die Corona­krise nicht zumindest den positiven Effekt, dass die Digitalisierung des deutschen Einzelhandels einen Schub erfahren hat?

Wir haben seit vielen Jahren sehr dafür gekämpft, dass unser Handel noch digitaler werden muss. Nicht jeder Händler muss einen eigenen Onlineshop betreiben, aber er sollte digital auffindbar sein und seine Produkte über Online- und Social-Media-Kanäle bewerben und vermarkten. Nicht wenige Händler, die das Thema bislang vernachlässigt hatten, engagieren sich nun auch digital. Wir sehen das auch an den Webinaren, die das Mittelstand 4.0 – Kompetenzzentrum Handel ausgerichtet hat und an denen bis zu 300 Händler gleichzeitig teilgenommen haben. Das zeigt, es gibt Nachholbedarf – und wir unterstützen hier intensiv.

Vor dem Hintergrund der Krise werden in der Wirtschaft Stimmen laut, Maßnahmen zur Bremsung des Klimawandels auf absehbare Zeit hintanzustellen. Die Bundesregierung hingegen unterstützt die schärferen Klimaziele des Brüsseler „Green Deal“ als neue Wachstums­strategie. Birgt die Krise auch für den Handel eine Chance, neue Strukturen zu entwickeln, die stärker auf Nachhaltigkeit abzielen?

Nachhaltigkeit beinhaltet auch, ökonomisch sinnvoll zu wirtschaften. Das heißt, wirtschaftlicher Erfolg und gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen sind ein wesentlicher Bestandteil von Nachhaltigkeit. Deshalb ist es wichtig, dass Investitionen, die Unternehmen jetzt tätigen, auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit einzahlen. Wer durch neue Fenster, bessere Isolierung oder moderne Lichtanlagen Energie einspart und CO2-Emissionen reduziert, profitiert davon auch ökonomisch. Der HDE unterstützt diese Maßnahmen im Rahmen seiner Klimaschutzoffensive. Gleichwohl muss die Branche nun erst einmal wieder Fuß fassen, bevor sie über Investitionen nachdenken kann.

Wird es, wie vielfach gefordert, zu Anpassungen bei den Lieferketten kommen?

Bei den Lieferketten muss man deutlich differenzieren, ob es um Medizin- oder Konsumgüter, wie Textilien oder Turnschuhe, geht. So hat der Zusammenbruch der Lieferketten während der Coronakrise beispielsweise in Indien und Bangladesch zu Massen-​entlassungen geführt. Es wäre falsch, sich aus diesen Ländern zurückzuziehen, anstatt die wirtschaftliche Entwicklungszusammenarbeit weiterzuführen. Bei der Lebensmittelproduktion befindet sich Deutschland in der exzellenten Situation, dass ein Großteil der Lebensmittel, die hier verbraucht werden, auch im Land hergestellt werden – und darüber hinaus noch erhebliche Kapazitäten für Exporte bestehen. Natürlich erwarten die deutschen Konsumenten aber weiterhin exotische Früchte in den Läden. Für die Erzeugerländer wäre es fatal, die internationalen Lieferketten zu zerschlagen. Letztlich ist es zurzeit aber nur ein kleiner, wenn auch wachsender Teil der Verbraucher, der beim Einkauf streng auf den Aspekt der Nachhaltigkeit fokussiert ist. Gleichwohl sind sich die Akteure im Lebensmittelhandel ihrer großen Verantwortung bewusst und handeln entsprechend.

Wie passt es dazu, dass vor wenigen Wochen ein großer Discounter, als in den Schlachthöfen das Coronavirus grassierte und sich die Bundesregierung entschloss, dort die Leiharbeit zu verbieten, auf Preissenkungen für Fleisch- und Wurstwaren drängte?

Insgesamt wird sich der Konsum in Richtung mehr Nachhaltigkeit, Regionalität und Saisonalität entwickeln. Aber es gibt eben auch einen sogenannten Massenmarkt und da geht es letztlich auch um die Bezahlbarkeit. Das heißt nicht, dass diese Produkte minderwertig sind oder unter schlechten Bedingungen produziert werden. Was Preise und deren Schwankungen angeht, unterliegen wir in einer Marktwirtschaft nun einmal dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Da der Export eingeschränkt war, die Gastronomie lange geschlossen hatte und der Handel sich nach den Hamsterkäufen wieder auf normale, teils geringere Frequenzen einstellen musste, entstand ein Überangebot am Markt. Wenn in einer solchen Situation die Preise fallen, zeigt dies, dass der Wettbewerb funktioniert. Diesen Kostenvorteil an die Verbraucher weiterzugeben, ist nicht verwerflich. Mindestpreise festzulegen, wäre ein Rückfall in die Planwirtschaft – und dass die nicht funktioniert, haben wir in der DDR über 40 Jahre lang beobachten können.

Schlagworte: Interview, Stefan Genth, Coronakrise, Coronavirus

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