Neurosemiotik

Pandemie der Psyche

Einen dramatischen Anstieg von Ängsten und Befürchtungen in der deutschen Bevölkerung zeigt eine aktuelle implizite Krisenstudie zum Coronathema auf.

14.04.2020

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Während die Infektionskurve leicht abflacht, wächst hierzulande die Corona-Angst, so eine neue Studie.

"Mehr Angst als gedacht", so der Studientitel, stellt in der "Regression" (Phase II der Krise) eine deutliche Zunahme der negativen Assoziationen mit dem Wort Corona fest. Das Berliner Marktforschungsinstitut Eye Square untersucht das Verbraucherverhalten nicht mittels Umfragen, sondern durch implizite Methoden wie etwa Eye-Tracking-Technologie. Mit dem verwendeten Verfahren der Neurosemiotik werden Einstellungen und Gefühle ermittelt, etwa gegenüber Marken und Produkten, und daraus Schlussfolgerungen für die Kommunikation gezogen. Im Gegensatz zur letzten Studie von Mitte März ergeben die neuesten April-Zahlen eine Verdopplung bei den Corona-relevanten, negativen Reaktionen. 

"Wir haben eine dramatische Zunahme von Ängsten, Sorgen und Befürchtungen. Haben wir vor drei Wochen nur moderate Werte bei den Assoziationen mit Angst, Bedrohung und Krise gemessen, so hat sich dieses Bild stark gewandelt", so Michael Schiessl, Psychologe und Geschäftsführer von Eye Square. Sein Berliner Forscherteam verzeichnet aktuell einen starken Anstieg bei den sogenannten "angstrelevanten Werten".

So stiegen die Assoziationen mit Angst und Unsicherheit um rund 30 Prozent, jene mit "Tod" sogar um 40 Prozent. Studienleiter Dr. Matthias Rothensee interpretiert dies so: "Wir sind überrascht, wie stark das Phänomen Corona inzwischen in der Psyche der Menschen angekommen ist. Da ja eigentlich keine neuen dramatischen Bilder oder schockierende Zahlen aus Deutschland vorliegen, müssen wir davon ausgehen, dass diese Wirkung fast ausschließlich medial vermittelt wird. Man kann von einem medialen und mentalen Virus sprechen."

Medial vermittelte Unsicherheit

Unterlegt wird diese These auch dadurch, dass die Reaktionen auf Nachrichten aus dem Ausland, insbesondere Italien und USA, offenbar die Wahrnehmung sehr stark beeinflussen. "Vermutlich handelt es sich bei den von uns festgestellten Ängsten auch nicht nur um direkte Todesangst mit Sorgen um das eigene Leben oder das Leben von Familienangehörigen. Wir vermuten, dass die Ängste auch in einem allgemeinen Gefühl der Unsicherheit über die Zukunft - wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch und auch im persönlichen Bereich - liegen. Es erweist sich, dass der öffentliche Diskurs und die politische Führung einen Mangel an Empathie und Sinngebung erkennen lässt", so Rothensee. 

Die Berliner entwickelten ein 4-Phasen-Modell des "psychischen Ablaufs" einer Krise wie Corona. Empathie und Sinngebung sind besonders in der Phase II - Regression, die auf die Phase I – unmittelbarer Aufruhr - folgt, enorm wichtig. Zugleich sind Menschen dann besonders empfänglich für erweiterte Botschaften und fangen wieder an, sich Gedanken zu machen. "Es staut sich eine große Energie auf. Wenn diese durch negative Zeichen und Botschaften absorbiert wird, kann dies zu schwerwiegenden, quasi depressiven Reaktionen führen. Hiervon sehen wir in den Zahlen erste Anzeichen", erläutert Rothensee.

Wichtiger denn je seien daher positive Perspektiven, die die Energie kanalisieren. "Auf eine Phase der Regression folgt normalerweise eine Phase III – eine HyperStärke. Diese muss aber einen realistischen Weg und auch erreichbare Ziele beschreiben. Leider hören wir dazu in Politik und Medien bislang viel zu wenig. Es ist Zeit, von einem rein virologischen wieder auf einen umfassend humanen Diskurs umzuschwenken", mahnt Schiessl.

Was die Ergebnisse für die erfolgreiche Kommunikation mit Verbrauchern in der Corona-Krise bedeuten, erläutert die Langfassung der Studie. Die komplette Studie steht hier zum kostenlosen Download bereit. 

Schlagworte: Einzelhandel, Studie, Verbraucherverhalten, Verbraucheranalyse

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