Wenn ein Biobauer die Wahrheit sagt

Auf dem wenige Wochen zurückliegenden World Retail Congress in Amsterdam gehörte einer der spektakulärsten Auftritte nicht etwa einem Einzelhändler, sondern – einem Biobauern!

Von Ian McGarrigle 03.09.2019

© Riverford

Guy Singh-Watson, Gründer des britischen Biogemüselieferdienstes Riverford, warnte beim World Retail Congress mit deutlichen Worten vor dem Klimakollaps.

Und das, obwohl er dem versammelten Führungspersonal des globalen Einzelhandels ein paar unangenehme Wahrheiten präsentierte und keinen Zweifel daran ließ, was er von der ganzen Veranstaltung hielt – angefangen vom Tagungsort über die mehr als fragwürdige Umweltbilanz bis hin zum Sinn solcher Zusammenkünfte überhaupt.

Guy Singh-Watson, so der Name des Störenfrieds, ist der Gründer von Riverford, dem ersten aus einem Biobauernhof hervorgegangenen Biogemüselieferdienst in Großbritannien. Doch seine Wut gab es auf dem World Retail Congress sozusagen frei Haus und in schonungsloser Offenheit: „Die Hütte brennt. Und was machen wir? Die kleinen Schritte, über die wir uns streiten, all die Beteuerungen und winzigen Maßnahmen zum Umweltschutz – das reicht weder hinten noch vorn. Wenn wir die ganzen wissenschaftlichen Untersuchungen endlich ernst nehmen, gibt es nur eins: Wir müssen handeln. Und zwar schnell. Die fällige Disruption kann gar nicht dramatisch genug sein. Und wir sollten aufhören, von Klimawandel zu sprechen, und es als das bezeichnen, was es tatsächlich ist: ein Klimakollaps. Darum geht es jetzt; alles andere ist nachrangig.“

Dafür erhielt Singh-Watson stürmischen Beifall. Doch er war mit seiner Botschaft nicht allein. Es ist inzwischen keine Frage mehr, dass der Handel an dem, was mit unserer Umwelt und dem Klima gerade passiert, nicht ganz unschuldig ist. Angefangen bei der Art und Weise der Lebensmittelherstellung über die massenweise Vernichtung derselben bis hin zur Verbrennung unverkäuflicher Textilien durch die Fast-Fashion-Industrie – der Handel steht am Pranger und muss sich angesichts der Herausforderungen selbst fundamental ändern und auch seine Kunden zu einem bewussteren Umgang mit Produkten erziehen. Und zwar dringend.

Beim World Retail Congress waren etliche Unternehmen vertreten, die diese Aufgabe schon länger ernst nehmen, darunter Marken wie Levi Strauss und Kroger. Zugegeben: Es ist ganz sicher nicht einfach, sowohl das Geschäftsmodell als auch die Kundenwünsche zu ändern. Nur ein Beispiel: „Missguided“, ein führender Onlinemodehändler (der Name ist kein Witz), geriet kürzlich ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik, weil er als Sponsor der in Großbritannien sehr beliebten TV-Sendung „Love Island“ einen Bikini für umgerechnet 1,20 Euro verkauft. Doch bei aller Kritik: Die Bikinis sind jedes Mal, wenn eine neue Lieferung in den Onlineshop kommt, binnen 45 Minuten ausverkauft.

Es geht auch anders. So optimiert das Unternehmen Lululemon Athletica derzeit eine Technologie, mit der sich Lebensmittelabfälle in Fasern verwandeln lassen, und Mark Rosen von Levi Strauss konnte bei der Präsentation seiner Direct-to-Consumer-Strategie davon berichten, dass sein Unternehmen in der Lage ist, personalisierte Jeans innerhalb von 90 Sekunden zu fertigen – dank einer Lasertechnologie, die im Zuge eines Umweltaudits der Levi’s-Produktionsabläufe entwickelt wurde.

Der Handel ist aufgewacht. Die Levi’s, Lululemons und Krogers dieser Welt beweisen, dass in der Branche genug Kreativität, Innovationskraft und Technologiegeist schlummern, um den nötigen Wandel zu meistern. Der Handel könnte so von einem der schlimmsten Umweltsünder zu einem spannenden Vorreiter einer nachhaltigen Wirtschaft werden.

Ian McGarrigle ist ein international erfahrener Einzelhandelsexperte aus Großbritannien und der Branche seit mehr als 30 Jahren verbunden. Der Gründer und Direktor des World Retail Congress hat den Einzelhandel unter anderem als Journalist, Autor und Verleger begleitet und war maßgeblich an der Entwicklung der führenden britischen Branchenpublikation Retail Week beteiligt. Die von ihm initiierten Formate, darunter die Retail Week Conference und der Retail Week Award, zählen mittlerweile zu den wichtigsten Veranstaltungen der Branche.

Schlagworte: Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Klima- und Umweltschutz, Umweltbewusstsein, Bio, Kolumne, World Retail Congress

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