Was nötig wäre und was schon möglich ist

So ist es eigentlich jedes Mal. Nach dem alljährlichen World Retail Congress (WRC) mit mehr als 1 000 führenden Branchenvertretern, intensiven Debatten und beeindruckenden Vorträgen steht die Frage: Wo steht der Handel? Und vor allem: Wohin ist er unterwegs?

Von Ian McGarrigle 15.08.2019

© World Retail Congress

High Velocity Retail lautet das Buzzword der Stunde in der Welt des Einzelhandels.

Die vergangenen Jahre waren geprägt von einem ständigen Auf und Ab: Ging es nach der Finanzkrise ums reine Überleben, folgte praktisch anschlusslos der Schock der digitalen Revolution. Seit zwei, drei Jahren reden wir über „Transformation“ und darüber, wie der Handel und Händler sich wandeln müssen, um mit den veränderten Ansprüchen ihrer technikaffinen Kundschaft Schritt halten zu können.

Beim WRC 2019 in Amsterdam haben wir uns mit dem Motto „High Velocity Retail“ (Hochgeschwindigkeitshandel) der Tatsache gestellt, dass die Geschwindigkeit der Veränderungen für die meisten Unternehmen die größte Herausforderung darstellt. Denn in unserer sich rasant verändernden Welt passt sich das Verhalten der Verbraucher den Konjunkturen der technologischen Entwicklung an, die in immer rascherer Folge Innovationen hervorbringt – und zwar zahlreicher denn je. Doch es ging dabei um mehr als die Frage, was einen (potenziell) erfolgreichen Hochgeschwindigkeitshändler auszeichnet.

Zu den eindrücklichsten, wenngleich auch erschreckenden Erkenntnissen des diesjährigen Branchentreffens gehört der Umstand, dass 75 Prozent der von uns im Rahmen der „High Velocity Retail“-Studie befragten Händler nicht glauben, dass ihr Geschäftsmodell zukunftstauglich ist.

Vorgestellt wurden auch die Ergebnisse der Studie „The DNA of Future Retail Leadership“. In dieser Untersuchung mit einer Laufzeit von drei Jahren sind wir der Frage nachgegangen, welche Veränderungen in den Führungsetagen der Branchenunternehmen nötig sind, um für die kommenden Aufgaben gerüstet zu sein. Während alle Befragten zu Beginn der Erhebung die Unverzichtbarkeit digitaler Exzellenz in den Vorständen betonten und erklärten, wie wichtig es sei, den Kunden ins Zentrum jeder Strategie zu stellen, zeigt sich drei Jahre später, dass entweder nichts oder nur wenig passiert ist.

Trotz dieser ernüchternden Bestandsaufnahme war die Stimmung auf dem Kongress alles andere als pessimistisch. Wenn es um die Frage geht, wie der Branche der Sprung in die Zukunft gelingt, leugnet niemand die Notwendigkeit fundamentaler Veränderungen. Die WRC-Teilnehmer konnten viele spannende Ansätze und Ideen kennenlernen – sowohl von etablierten Unternehmen als auch von Newcomern. Sie alle zeigen auf ihre Weise, was nötig wäre und was schon möglich ist.

Müsste man für diese Vielzahl unterschiedlicher Innovationen eine Gemeinsamkeit ausmachen, wäre es die Einsicht, dass das alte Geschäftsmodell des Einzelhandels ausgedient hat. Wer Erfolg haben will, braucht Lust auf Neues, darf das Risiko nicht scheuen und muss den Kunden in den Mittelpunkt aller Entscheidungen stellen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass Händler keine Einzelkämpfer mehr sind, sondern nur in einem arbeitsteiligen System mit hoch spezialisierten Partnern bestehen können.

Doch wir sollten eine wichtige Tugend nicht vergessen, die angesichts der technologischen Herausforderungen oft ins Hintertreffen gerät: Leidenschaft. Alle Branchenlegenden, die in diesem Jahr in die World Retail Hall of Fame aufgenommen wurden, darunter Rodney McMullen, CEO von Kroger, Cath Kidston, Chadatip Chutrakul von Siam Piwat oder der frühere CEO von Ahold Delhaize, Dick Boer,* schilderten in ihren Dankesreden, wie großartig es sich nach wie vor anfühlt, Kunden für großartige Produkte zu begeistern. Mit dieser Leidenschaft wird es auch in Zukunft einen Platz für die menschliche Seite des Handels geben.

 

*Zur Erklärung: Kroger ist die größte Supermarktkette der USA, Cath Kidston ist die Gründerin der gleichnamigen Wohntextilien- und -accessoires-Kette in Großbritannien, Siam Piwat ist ein Handelsunternehmen aus Bangkok, Ahold Delhaize ist ein international agierender niederländischer Handelskonzern. 

Ian McGarrigle ist ein international erfahrener Einzelhandelsexperte aus Großbritannien und der Branche seit mehr als 30 Jahren verbunden. Der Gründer und Direktor des World Retail Congress hat den Einzelhandel unter anderem als Journalist, Autor und Verleger begleitet und war maßgeblich an der Entwicklung der führenden britischen Branchenpublikation Retail Week beteiligt. Die von ihm initiierten Formate, darunter die Retail Week Conference und der Retail Week Award, zählen mittlerweile zu den wichtigsten Veranstaltungen der Branche.

Schlagworte: Ian McGarrigle, Kolumne

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