Über einsame Entscheidungen und den Blick von außen

Wenn zu Beginn der 1960er-Jahre die Rede auf den krisenerprobten John F. Kennedy kam, hieß es immer, er hätte „den einsamsten Job der Welt“. Es dauerte nicht lange, bis diese Wendung auch in die Vorstandsetagen der Wirtschaft Einzug hielt.

Von Ian McGarrigle 07.05.2019

© Orlando Florin Rosu/Stock Adobe

Immer schön die Übersicht bewahren.

Die Konzernlenker an der Spitze großer Unternehmen fühlten sich angesichts der vielen folgenschweren Entscheidungen, die sie täglich zu treffen hatten, oftmals auch ziemlich allein.

Diese Einschätzung könnten zweifellos auch die führenden Köpfe im Einzelhandel bestätigen, wenn man sie heute danach fragen würde, wie sich die Verantwortung für ein Unternehmen anfühlt, das wie die gesamte Branche unter einem ungeheuren Transformationsdruck steht und radikale Brüche verkraften muss. Ein Gutteil davon ist freilich auf die Forderungen der Aktionäre und anderer Interessenvertreter zurückzuführen, die in zunehmendem Maße auf schnelle Gewinne pochen und nur zufrieden sind, wenn die Ergebnisse stimmen.

Wenn es um die Offenheit für innovative Unternehmensstrategien im Einzelhandel geht, heimsen nicht wenige Branchenführer – auch im internationalen Maßstab – großen Respekt für ihre Unerschrockenheit ein, während andere eher Zurückhaltung üben. Ein perfektes Beispiel dafür ist der britische Filialist Debenhams. Ein frisch angeheuerter CEO, weitgehend ohne Branchenerfahrung, sollte eine Überlebens­strategie für das Unternehmen entwickeln. Heftiger Gegenwind kam dabei nicht nur von der allgemeinen Entwicklung im Einzelhandel, sondern auch von Mike Ashley, unter anderem Eigentümer von Sport Direct* und zugleich ein durchaus aggressiver Anteilseigner bei Debenhams selbst. Auf sein Betreiben hin musste bereits ein Vorstand seinen Platz räumen, und leider zwingt Ashley auch den CEO und sein Team, viel mehr Zeit auf die Auseinandersetzungen mit ihm zu verwenden als auf die Weiterentwicklung von Debenhams selbst.

Das ist nur einer von vielen Fällen, die in der Branche die Frage nach der Rolle von Führungskräften und vor allem nach der Rolle von Vorstand und Unternehmensführung aufwerfen. Auf der letzten Retail Week Live Conference in London kamen drei CEOs auf interessante Weise darüber ins Gespräch. Und die Herren – allesamt erfahrene Handelsveteranen – waren sich einig: Vorstand und CEO müssen Hand in Hand arbeiten und in ihren Strategien übereinstimmen. Gleichwohl müsse ein Vorstand auch offen sein für Sachverstand, Wissen und Input von außen. Um solche Außenperspektiven sollte sich nach Ansicht der Fachleute jedes Führungsteam bemühen, da die Diskussion davon mehr profitiere als vom rein internen Austausch. Abgesehen davon, ist ein divers besetzter Vorstand nicht nur im Hinblick auf Genderfragen oder ethnisch-kulturelle Vielfalt von Bedeutung, sondern auch, wenn es um die Vielfalt der Perspektiven selbst geht. Es bringt nichts, wenn alle Entscheider dieselbe Meinung haben. Denn ein diverser Vorstand kann nur aus Leuten mit unterschiedlichen Ansichten und Erfahrungen bestehen.

Nick Beighton, CEO des führenden Onlinehändlers Asos, hatte auf der Retail Week Live in London das Schlusswort. Auf die Frage, wie der Handel sich auf das konzentriert, was für seine Kunden – und damit auch für seine Aktionäre – am besten ist, erwiderte er mit einer Selbstbeschreibung. Man müsse rastlos bleiben und sich beharrlich fragen, wie man 20-jährige Fashionliebhaber für sich ge­winnen kann. Und genau damit ziehe die Branche, so Beighton, Menschen an, die Leidenschaft, Talent und Begeisterung mitbringen. Denn seiner Erfahrung nach kämen die besten Ideen nur selten aus den Vorstandsetagen.

Ian McGarrigle ist ein international erfahrener Einzelhandelsexperte aus Großbritannien und ist der Branche seit mehr als 30 Jahren verbunden. Der Gründer und Direktor des World Retail Congress hat den Einzelhandel unter anderem als Journalist, Autor und Verleger begleitet und war maßgeblich an der Entwicklung der führenden britischen Branchenpublikation Retail Week beteiligt. Die von ihm initiierten Formate, darunter die Retail Week Conference und der Retail Week Award, zählen mittlerweile zu den wichtigsten Veranstaltungen der Branche.

 

Schlagworte: Ian McGarrigle, Kolumne

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