Kolumne

Über die Vorläufigkeit von Gewissheiten

Aus den Wochen des Lockdowns sind inzwischen Monate geworden. Doch niemand weiß, wie und vor allem wann sich die Welt aus dem Krankenstand zurückmeldet und die Covid-19-Pandemie für beendet erklärt.

Von Ian McGarrigle 08.06.2020

© Getty Images/Maja Hitij

Auch wenn mit der Wiedereröffnung des stationären Handels auf breiter Basis die Online-Umsätze vermutlich wieder zurückgehen, werden einige der neu eingeübten Verbraucherroutinen bleiben.

Auch wenn einige Staaten angesichts sinkender Infektionsraten die im März verhängten Schutzmaßnahmen teilweise lockern – die Befürchtung, dass sich die Lage wieder verschlimmern könnte, bleibt. Jeder wirtschaftliche Neustart stellt Regierungen vor eine Zerreißprobe: Wie kann die Gesundheit der Bevölkerung geschützt werden, ohne zugleich die Wirtschaft zu ruinieren – et vice versa?

Larry Summers, der ehemalige Finanzminister der Vereinigten Staaten, hat den Lockdown als Zwangskoma der Wirtschaft beschrieben. Doch das eigentliche Problem bei einem medizinisch induzierten Koma, so Dr. Ira Kalish, Direktor der Abteilung Weltwirtschaft bei der Beratungsfirma Deloitte, sei das Wissen um den richtigen Zeitpunkt seiner Aufhebung. Anders formuliert: Wer die Schutzmaßnahmen zu früh aufhebt, riskiert eine zweite Infektionswelle und einen möglicherweise noch strikteren Lockdown.

Doch bei aller Unsicherheit angesichts der aktuellen Lage gibt es auch Gewissheiten, und dazu gehört die Tatsache, dass sich der Einzelhandel quasi direkt vor unseren Augen verändert. Bestimmte, nicht systemrelevante Bereiche der Branche blieben über Wochen geschlossen. Supermärkte und Drogerien durften zwar geöffnet bleiben und verzeichneten hohe Umsatzzuwächse, doch mussten sie gleichzeitig hohe Investitionen in den Schutz ihrer Mitarbeiter und Kunden stemmen. Unternehmen, denen die stationären Umsätze weggebrochen sind, geben entweder auf, beantragen staatliche Unterstützung oder dünnen ihr Filialnetz radikal aus.

Fraglich bleibt auch, wie sich das Konsumverhalten im Zuge der Pandemie verändert hat. Laut einem aktuellen Report des World Retail Congress kommt es nach nur 66 Tagen respektive 9,5 Wochen zu einer profunden Änderung von Verhaltensmustern. Diese Spanne entspricht etwa der Dauer der gegenwärtigen Pandemie-Maßnahmen. Händler fragen sich daher aus guten Gründen, ob mit der Rückkehr zur Normalität auch die Kunden wieder in ihre Geschäfte kommen.

Mit Blick auf das veränderte Verbraucherverhalten ist der bedeutendste Faktor sicherlich die neue Notwendigkeit, einen Großteil der Einkäufe im Internet zu erledigen. Handelsunternehmen weltweit bestätigen, dass der Lockdown bestimmte Zielgruppen erstmals zum Einkaufen in Onlineshops veranlasst hat. Manche Unternehmen konnten ihre Online-Umsätze dadurch verdoppeln oder gar verdreifachen. Laut einer Erhebung der Boston Consulting Group hat der E-Commerce in der Lockdownphase damit ein Wachstum vollzogen, mit dem unter normalen Umständen erst in drei bis fünf Jahren zu rechnen gewesen wäre.

Müssen wir also mit einer plötzlichen tektonischen Verschiebung zwischen Onlineshopping und stationärem Geschäft rechnen, von deren extremen Ausmaßen wir noch vor einem Vierteljahr nicht zu träumen gewagt hätten?

Auch wenn mit der Wiedereröffnung des stationären Handels auf breiter Basis die Online-Umsätze vermutlich wieder zurückgehen, werden einige der neu eingeübten Verbraucherroutinen bleiben. Die Menschen wissen jetzt besser, was sie lieber online einkaufen und für welche Angebote sich ein Stadtbummel lohnt. Auch deshalb sollten Händler ihr stationäres Geschäft noch einmal genauer in den Blick nehmen.

Wenn die Krise so viele Ladeninhaber zur Aufgabe zwingt, müssen die verbliebenen Player sich umso dringender Gedanken darüber machen, wie sie die verfügbare Fläche optimal nutzen. Wie lassen sich Online- und Offlinegeschäft besser verknüpfen? Mit welchen Mitteln kann aus dem Laden ein Erlebnisraum werden, der Kunden wirklich begeistert? Was ist kurzfristig nötig, damit sich Kunden, die Angst vor Ansteckung haben, im Laden sicher und geschützt fühlen? Wobei natürlich fraglich ist, wie „kurzfristig“ solche Maßnahmen am Ende tatsächlich bleiben werden.

Ian McGarrigle ist ein international erfahrener Einzel­handelsexperte aus Großbritannien und der Branche seit mehr als 30 Jahren verbunden. Der Gründer und Direktor des World Retail Congress hat den Einzelhandel unter anderem als Journalist, Autor und Verleger begleitet und war maßgeblich an der Entwicklung der führenden britischen Branchenpublikation Retail Week beteiligt. Die von ihm initiierten Formate, darunter die Retail Week Conference und der Retail Week Award, zählen mittlerweile zu den wichtigsten Veranstaltungen der Branche.

Schlagworte: Coronakrise, Coronavirus, Einzelhandel, Kolumne

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