Neue Zeiten, alte Tugenden

Lange Zeit nahm das Geschehen in den Vereinigten Staaten Entwicklungen vorweg, die sich mit Verspätung auch bei uns durchsetzten. Doch mit dem Aufstieg des Onlinehandels galt Großbritannien bei vielen Experten als Modellmarkt, den es zu beobachten galt. Bis jetzt.

Von Ian McGarrigle 14.08.2018

© Jane Kelly / iStockphoto

Britische Kunden kauften verstärkt im Internet ein, und viele Händler auf der Insel begannen, zumindest dem Anschein nach, mit der Etablierung neuer Omnichannel-Geschäftsmodelle. Doch spätestens seit Anfang dieses Jahres werde ich das unschöne Gefühl nicht mehr los, dass Großbritannien sich mehr und mehr in einen Markt verwandelt, der vor allem als Modell einer viel betrüblicheren Entwicklung in den Fokus rückt: der Auflösung des traditionellen Einzelhandels.

Die Branche steht in vielen Regionen des Königreichs vor dem Ruin. Das gilt auch für viele Handelssparten selbst. Seit Weihnachten 2017 sind im Handel 30.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Einige Analysten rechnen bis zum Jahresende mit einem mehr als doppelt so hohen Rückgang. Das durchaus spektakuläre Ende solcher Einzelhandelsriesen wie Toys “R” Us (Spielwaren), Maplin (Elektro) oder der Conviviality Group (Alkohol) hat diesen Niedergang weiter beschleunigt, ebenso die Schließung von Standorten großer Filialisten, darunter Marks and Spencer, House of Fraser und New Look.

Keine klare Vorstellung von Weg und Ziel


Den Handel erwischt es gerade besonders bitter: Er ist einerseits gefordert, sich unter hohem finanziellen Einsatz den Entwicklungen im Onlinegeschäft anzupassen und zugleich sein Portfolio in der Fläche zu verkleinern, während die Kosten für den stationären Betrieb – Miete, Betriebs- und Lohnkosten – im gleichen Moment durch die Decke gehen. Die Ballung dieser Herausforderungen könnte demnächst sogar weitere etablierte Unternehmen in die Knie zwingen. Doch bei der Betrachtung des schwer gebeutelten Einzelhandels in Großbritannien fällt auch auf, dass es jene am schlimmsten getroffen hat, die Schwierigkeiten mit ihrer Investitionsstrategie hatten, ihre Kunden verunsichert haben und deren Management jede Vorstellung von Weg und Ziel des Unternehmens vermissen ließ.

Ein gutes Beispiel für so viel Kopflosigkeit war jüngst einem Interview mit dem Gründer der Billigkette Poundworld zu entnehmen, in deren Läden – eine Institution auf der Insel – alles zu einem festen Preis, nämlich für ein Pfund, verkauft wurde. Die mittlerweile beliebte Idee einer Festpreisgarantie lag der Gründung der Kette im Jahr 1974 durch Chris Edwards zugrunde. 2015 verkaufte Edwards sein Unternehmen an die Private-Equity-Gesellschaft TPG, die das Land mit neuen Filialen übersäte, die vormals strikte Preispolitik aufgab und Rabatte einführte. Das ging nicht lange gut. Inzwischen steht TPG in Verhandlungen mit Edwards, der einige Filialen zurückkaufen möchte.

Auf die Frage, warum er angesichts der Krise im stationären Handel wieder auf eigene Läden setze, verwies er auf die nach wie vor hohe Beliebtheit von günstigen Angeboten und zählte dann die Fehler des Managements auf. Seiner Meinung nach führten die neuen Eigentümer das Geschäft sehr schlecht, nachdem sein Team erfahrener Einkäufer nach der Übernahme das Unternehmen verlassen hatte, die Läden waren zusehends verkommen und zu viele schlechte Filialen eröffnet worden. Doch der gravierendste Fehler, so Edwards, sei die Abkehr vom Ein-Pfund-Preiskonzept gewesen, wodurch seine Nachfolger die Kunden verunsichert hätten.

Alles, was Edwards beschreibt, lässt sich im Grunde genommen unter der Rubrik „gute Geschäftsführung“ zusammenfassen. Im zunehmend komplexen Einzelhandel sieht es manchmal so aus, als würden viele Unternehmen ihr Geschäft über die Maßen verkomplizieren – und dabei aus den Augen verlieren, was ihre Kunden eigentlich wollen.


Ian McGarrigle ist ein international erfahrener Einzelhandelsexperte aus Großbritannien und der Branche seit mehr als 30 Jahren verbunden. Der Gründer und Direktor des World Retail Congress hat den Einzelhandel unter anderem als Journalist, Autor und Verleger begleitet und war maßgeblich an der Entwicklung der führenden britischen Branchenpublikation Retail Week beteiligt. Die von ihm initiierten Formate, darunter die Retail Week Conference und der Retail Week Award, zählen mittlerweile zu den wichtigsten Veranstaltungen der Branche.

Schlagworte: Kolumne, Onlinehandel, Großbritannien

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