Nerd schlägt alten Hasen

Händler in den USA müssen sich auf schwere Zeiten einstellen. Denn die ersten sechs Monate des Jahres 2017 haben noch deutlicher gezeigt, wie ernst die Lage ist – und wie gering die Aussicht auf eine baldige Verbesserung.

Von Ian McGarrigle 15.08.2018

© Getty Images/MHJ

Von den wirtschaftlichen und politischen Unsicherheiten einmal abgesehen, steht fest, dass der Einzelhandel in den Vereinigten Staaten zu viel Raum einnimmt – Fläche, die in Zeiten des boomenden Onlinegeschäfts mit jedem Tag noch überflüssiger und unnötiger wird.

Nicht nur der Vorstandsvorsitzende des Kaufhauskonzerns Macy’s, Terry Lundgren, berichtete auf dem World Retail Congress 2017 in Dubai von einem besorgniserregenden Überangebot. Auch das Beratungsunternehmen Forbes ermittelte für die USA kürzlich einen Flächenüberhang von etwa 93.000.000 Quadratmetern. Wie eine Reihe anderer Handelsunternehmen kündigte Macy’s für die kommenden Jahre harte Einschnitte an, verbunden mit der Schließung von 100 Filialen und dem Abbau vieler Arbeitsplätze. Etliche Händler zogen mit ähnlichen Kürzungsprogrammen nach; andere Firmen, insbesondere aus der Modebranche, kämpfen mit zunehmend alarmierenden Umsatzzahlen.

Dazu gehört auch die führende Modemarke J.Crew, die erst ihr Topteam ziehen lassen musste, um dann die amerikanische Handelswelt mit der Nachricht zu schockieren, dass auch der langjährige CEO Mickey Drexler zurücktritt. Der mit allen Wassern gewaschene Handelsveteran hatte erst GAP gepäppelt und zu Hochform auflaufen lassen, um dann J.Crew an die Spitze der Modebranche zu führen. Auch wenn Drexler in den Aufsichtsrat wechselt – sein Rückzug als Konzernlenker hat branchenintern die Frage aufkommen lassen, ob dieser Schritt womöglich das Ende der Ära der klassischen „Handelsfürsten“ markiert. Doch im Zuge von E-Commerce und Digitalisierung als den treibenden Kräften des Handels hat der Branchen-CEO der Zukunft weniger mit Waren zu tun als vielmehr mit Algorithmen. Die sprichwörtlichen alten Hasen werden von den Nerds abgelöst. Oder anders formuliert: Jeff Bezos schlägt Mickey Drexler.

Kann das sein? Ja. In einer Ära, in der vor allem das Verständnis von Technologien und Daten zählt, brauchen Unternehmenslenker im Handel eine neue Perspektive auf diese Erfolgsfaktoren. Und davon gibt es mehr denn je. Dennoch ist der Einzelhandel auch ein emotionales Geschäft, das nach wie vor davon abhängt, ob ein Händler das verkauft, was Kunden wünschen und brauchen. Ganz egal, ob Lebensmittel oder Mode, Smartphones oder Sportbekleidung – die Kunden wollen begeistert und überrascht werden. Natürlich muss der erfolgreiche Händler sich bestens mit den berechenbaren und präzisen Prozessen und Abläufen seines Geschäfts auskennen. Doch ohne die Gabe der Intuition, jenes geheimnisvolle Wissen um dieses eine, gewisse Produkt, das alle haben wollen und das die Konkurrenz alt aussehen lässt, nützt auch das beste Technologieverständnis nichts.

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Schlagworte: Kolumne, USA, World Retail Congress, Dubai

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