Wenn das Alte alt aussieht

Ein Spaziergang über die Fifth Avenue, die legendäre Einkaufsstraße in New York, führt vorbei an vielen geschlossenen Läden. Das Traditionswarenhaus Lord & Taylor teilt im verrammelten Schaufenster mit: Fifth Avenue, Du wirst uns fehlen!

Von Ian McGarrigle 15.02.2019

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Viele Läden auf der Fifth Avenue haben geschlossen.

Kaum etwas schlägt dem Flaneur so schwer aufs Gemüt wie der Anblick eines geschlossenen, verwaisten Kaufhauses. Wer dieser Tage auf der Fifth Avenue in New York unterwegs ist, kommt auch an den verriegelten Türen des Traditionswarenhauses Lord & Taylor vorbei. „Fifth Avenue, du wirst uns fehlen!“, lautet die traurige Abschiedsmitteilung an ehemalige Kunden und Nachbarn. Durch die dürftig verhangenen Glasfronten geht der Blick auf gähnende Leere unter Notbeleuchtung, in der noch einzelne Reste der früheren Ladeneinrichtung zu erkennen sind – mehr ist nicht geblieben von einer jahrhundertealten Handelsadresse. Und nur ein paar Schritte weiter in Richtung Norden werben riesige Plakate auf den Schaufenstern der großen Gap-Filiale für den bevorstehenden Räumungsverkauf: Schleuderpreise für alles, sogar auf die Möbel und Schaufensterpuppen. 

Auch wenn die US-Wirtschaft gerade wieder an Fahrt gewinnt und der Einzelhandel des Landes sich zuletzt über ein hervorragendes Weihnachtsgeschäft freuen konnte, spiegelt sich der Aderlass einer Branche unter dem Druck der Transformation allerorten. Es sind verstörende Bilder. Dennoch wollte sich auf der New Yorker „Big Show 2019“ der National Retail Federation (NRF), dem wichtigsten Branchenevent jenseits des Atlantiks, niemand die Laune vermiesen lassen. Obwohl der brutale Wandel alteingesessenen Unternehmen wie Sears zusetzt oder – wie im Falle von Lord & Taylor – sie ganz hinwegfegt, war die Stimmung weniger von Sorgen geprägt als vielmehr von einer konzentrierten Spannung. Und die ging von jenen Messebereichen aus, in denen Hersteller ihre neuesten Technologien präsentierten. 

Walmart investiert in neue Technologien

Passend dazu machte eine Meldung die Runde, der zufolge Walmart im vergangenen Jahr mehr als elf Milliarden Dollar in neue Technologien gesteckt und sich damit im weltweiten Vergleich den dritten Platz hinter Amazon und Alphabet gesichert habe. Händlern dürfte damit klar sein, wohin die Reise im Hinblick auf künftige Investitionen geht. Und so begegnete man auf dieser „Big Show“ der Brancheninnovationen begeisterten und staunenden, aber auch vielen besorgten Händlern. Ob künstliche Intelligenz, Robotik oder Sprachsteuerung – der technologische Fortschritt ist atemberaubend. Scott Galloway vom Handelsforschungsinstitut Gartner L2 erklärte sprachgesteuerte Anwendungen sogar zur „umwälzendsten Technologie der vergangenen 20 Jahre“.

Doch selbst wenn neue Technologien revolutionäre Lösungen bieten und der Branche damit neue Wege eröffnen – sie können weder Strategie noch Selbstverständnis des sich entwickelnden „New Retail“ definieren. Auch der Einzelhandel der Zukunft braucht ein Fundament im klassischen Sinn: Er muss seine Kunden kennen und wissen, was sie von ihm erwarten. 
Beispielhaft dafür steht Rodney McMullen, CEO von Kroger, der größten Lebensmittel-Supermarktkette der USA. Auf die Frage, ob die jüngst ergriffenen Modernisierungsmaßnahmen des Unternehmens auf die Übernahme von Whole Foods durch Amazon zurückzuführen seien, verneinte er entschieden. Ausschlaggebend sei vielmehr der Wandel der Branche selbst. „Wir investieren in die Zukunft“, fügte er hinzu. „Denn wir können die Kunden nur noch erreichen, wenn wir uns auf ihre Bedingungen einlassen.“

Der Kunde am Steuer

Anders formuliert: Im Handel sitzt der Kunde am Steuer. Und der ist nicht an „Technologie“ interessiert, sondern an einem einfachen, schnellen und zuverlässigen Einkaufserlebnis, das ihm einen Mehrwert bringt und zudem Abwechslung verspricht. Und was schließen wir daraus? Wer im Handel auch künftig Erfolg haben will, muss nur einer, dafür aber der alles entscheidenden Frage nachgehen: Was wünscht der Kunde? 

Und was der Kunde wünscht, zeigt ein Laden, der vor Kurzem – und nur ein paar Blöcke vom nunmehr geschlossenen Lord & Taylor entfernt – seine Pforten geöffnet hat: Nike’s House of Innova-​tion. Das Ganze lässt sich als manifest gewordene Customer Experience auf mehreren Etagen beschreiben, als Feier der Marke selbst. Dass hinter den digital getriebenen Angeboten zur Customisierung und Individualisierung ein ganzer Hightech-Maschinenpark steckt, kriegen die Kunden gar nicht mit. Tja, und was wird aus dem guten, alten Lord & Taylor-Kaufhaus in bester Lage? Bald eröffnet der weltweit expandierende Co-Working-Space-Betreiber namens WeWork in den altehrwürdigen Räumen eine Flagship-Filiale. So sieht es also aus, wenn aus den Trümmern der alten eine schöne neue Welt entsteht.

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Schlagworte: Einkaufsstraße

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