Keine Angst vor Amazon

Amazon ist für viele Händler ein Schreckgespenst, denn der Onlinhändler wächst rasant und stößt nun auch in den stationären Handel vor. Doch statt Amazon zu fürchten sollten Händler sich lieber einiges bei dem Unternehmen abschauen.

Von Ian McGarrigle 06.03.2018

© Getty Images

Neulich war bei Amazon die Tür kaputt. Und zwar in der Amazon-Buchhandlung in New York, ein paar Schritte vom Empire State Building entfernt. Am Eingang des Ladens, der zweiten Amazon-Filiale in Manhattan, klebte ein Hinweis auf die defekte Tür, verbunden mit der Bitte an die Kunden, den Zugang nebenan zu nutzen. Dass sich auch der gewiefteste und innovationsstärkste Onlinehändler der Welt mit Problemen herumschlagen muss, die eigentlich nur noch die Fossilien des stationären Handels kennen, war fast ein bisschen tröstlich.

Natürlich war die defekte Tür nur eine Petitesse. Denn der neueste Standort in Amazons wachsendem Portfolio stationärer Buchhandlungen ist vor allem ein attraktiver und interessanter Neuzugang in der Fläche. Das Store Design wartet mit einer klaren und reizvollen Gestaltung auf, das Personal ist engagiert und kompetent und das Café immer voll. Die riesigen Rabatte, mit denen die Amazon-Prime-Kunden erfolgreich in den Laden gelockt werden, stärken die Verknüpfung von On- und Offline-Geschäft.

Bei Whole Foods, dem anderen stationären Versuchsballon von Amazon, hat der Konzern derzeit vermutlich mit ganz anderen Problemen zu kämpfen als nur mit defekten Eingangstüren. Doch wird sich Amazon davon in die Knie zwingen lassen? Wohl kaum, würde ich sagen.

Auch im vor uns liegenden Jahr wird Amazon weiter wachsen. Im „Global Powers of Retailing Report 2018“ der Beratungsfirma Deloitte, einer jährlichen Rangliste der 250 größten Handelsunternehmen weltweit, hat sich auf den Top-Ten-Plätzen der letzten Jahre nur wenig verändert. So sind  zwar einige der großen Lebensmittelkonzerne nicht mehr unter den ersten zehn Unternehmen, doch Amazon hat sich um vier Plätze auf Rang sechs verbessert. Nach Einschätzung von Ira Kalish, der Weltwirtschaftsexpertin von Deloitte, wird Amazon dank seiner aktuellen Wachstumsraten im Jahr 2020 bereits auf Platz zwei stehen.

Der Konzern dominiert schon jetzt den gesamten Onlinehandel in den Vereinigten Staaten und konnte atemberaubende 89 Prozent des vergangenen Weihnachtsgeschäfts im Netz für sich reklamieren. Amazons Ambitionen im sprachgesteuerten Onlinehandel – Stichwort: Alexa – nehmen zwar erst Fahrt auf, doch sie geben schon jetzt das Tempo vor.

Natürlich gibt es viele Gründe, um vor einem Mitbewerber wie Amazon Angst zu bekommen. Doch es gibt für Händler mindestens genauso viele Gründe, diesen Riesen zu bewundern und ihm in Sachen Transformation nachzueifern. Es beginnt schon mit der Bereitschaft, Innovationen zu begrüßen und nach neuen Lösungen für alte Probleme zu suchen.

Vor Kurzem lernte ich den Fachbereichsleiter „Retail Technology“ einer führenden Design-Hochschule kennen. Er hätte noch nie mit so vielen verschiedenen Unternehmen aus ganz unterschiedlichen Branchen gearbeitet, die nach neuen Technologien und bislang unvorstellbaren Lösungen suchen, um ihre Kunden zu erreichen. Doch leider, so fügte er mit Bedauern hinzu, zeigten Händler kaum Interesse. Die wenigen Handelsunternehmen, die sich an die Hochschule wenden, verfolgten nur kleine Ziele. Aber Händler müssen umdenken. Denn Amazon tickt anders.


Ian McGarrigle ist ein international erfahrener Einzelhandelsexperte aus Großbritannien und der Branche seit mehr als 30 Jahren verbunden. Der Gründer und Direktor des World Retail Congress hat den Einzelhandel unter anderem als Journalist, Autor und Verleger begleitet und war maßgeblich an der Entwicklung der führenden britischen Branchenpublikation Retail Week beteiligt. Die von ihm initiierten Formate, darunter die Retail Week Conference und der Retail Week Award, zählen mittlerweile zu den wichtigsten Veranstaltungen der Branche.

Schlagworte: Digitalisierung, Kolumne, Ian McGarrigle, Amazon

Kommentare

Ihr Kommentar