Kolumne

Zwischen Krise und Optimismus

Denk ich an die Zukunft des Einzelhandels in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. Schwarzmalerei? Warum die Rede vom „Ende des Einzelhandels“ nur die halbe Wahrheit ist.

Von Ian McGarrigle 06.01.2020

© Ralph Peters

Trotz Krise: Handel bleibt eine der rasantesten und dynamischsten Wirtschaftsbranchen.

Die Schlagzahl der schlechten Nachrichten – von unternehmerischen Misserfolgen über Krisen bis hin zu Geschäftsaufgaben – hat sich vor allem in den Vereinigten Staaten und weiten Teilen Europas, insbesondere in Großbritannien, dramatisch erhöht. So schlossen im laufenden Jahr allein in den USA insgesamt 8 567 Läden. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr gaben den Erhebungen von Coresight Research zufolge „nur“ 5 844 Händler auf. Und in Großbritannien hat der Anteil leer stehender Läden am gesamten Retail-Flächenangebot inzwischen die 10-Prozent-Marke geknackt – laut Springboard Research die höchste Leerstandsquote seit Januar 2015.

Auch wenn die Politik strauchelnden Retailriesen nur höchst selten zur Seite springt (übrigens anders als bei anderen Großunternehmen oder in anderen Bereichen der Wirtschaft, aber dies nur am Rande), verfolgen die Medien die Krise des Handels mit großer Aufmerksamkeit. Allerdings kommen die Berichte in Sprache und Perspektive kaum über das dystopische Szenario vom „Ende des Einzelhandels“ hinaus. Höchste Zeit für uns Händler, in der aus dem Ruder laufenden Diskussion für etwas mehr Verhältnismäßigkeit zu sorgen. Denn es ist ja keineswegs der Fall, dass die Menschen plötzlich das Einkaufen eingestellt hätten: Die Umsätze im Einzelhandel wachsen stetig – sogar in Großbritannien (wenngleich nur in relativ geringem Maß).

Unzweifelhaft ist jedoch die Transformation eines ganzen Wirtschaftszweigs, in dem sich gerade das Verhältnis zwischen online und offline verschiebt. Manche Handelsexperten beziffern den gegenwärtigen „global split“ auf 70 Prozent offline und 30 Prozent online; alle Tendenzen deuten auf eine weitere Annäherung hin. Schon auf mittlere Sicht gehen Beobachter von einem Gleichgewicht aus. Doch auch hier ist eine genauere Betrachtung geboten, denn das im weltweiten Vergleich rasante Wachstum des E-Commerce-Anteils in China verzerrt diesen „global split“ beträchtlich. Lässt man das Reich der Mitte außer Acht, liegt den Berechnungen von Jumpshot zufolge das prozentuale Verhältnis von offline zu online bei 79 21. Doch die zugrunde liegende Dynamik kennt nur eine Richtung. Das spiegelt sich nicht nur im Überangebot leer stehender Verkaufsflächen wider, für die es keinen Bedarf mehr gibt.

Trotz dieser Entwicklung bestehen gute Gründe für Optimismus. Der Handel bleibt eine der rasantesten und dynamischsten Wirtschaftsbranchen überhaupt – nicht zuletzt, weil er nach neuen Wegen und Formen suchen muss, um seine Kunden zu erreichen und zufriedenzustellen. Man muss nicht lange nach den Erfolgsgeschichten suchen, die unsere Branche gegenwärtig schreibt. Die Namen ihrer Protagonisten klingen zum Teil vertraut, andere haben als Newcomer mit teilweise revolutionären Ideen den Handel verändert. Beispielsweise Gymshark, ein vor gerade mal sieben Jahren von Teenagern ins Leben gerufenes Start-up – heute eine der weltweit wachstumsstärksten Sport- und Fitness-Brands. Oder Wildberries aus Russland, das 2004 am sprichwörtlichen Küchentisch gegründet wurde und inzwischen zu den größten E-Commerce-Unternehmen der Welt zählt. Doch auch die großen Tanker der Branche, wie Aldi, Lidl oder Action, schaffen es, an ihren Erfolg aus vergangenen Zeiten nahezu bruchlos anzuknüpfen – diese Unternehmen eröffnen gegenwärtig so viele neue Standorte wie zuletzt in den frühen 1990er-Jahren.

Es sind solche Geschichten, die zeigen, dass es auch in finstersten Zeiten immer Chancen und neue Möglichkeiten gibt. Denn die Menschen müssen nicht nur, meistens wollen sie auch weiterhin einkaufen – solange wir es schaffen, passende Kaufgelegenheiten zu kreieren sowie relevante Produkte und Services anzubieten.

Ian McGarrigle ist ein international erfahrener Einzelhandelsexperte aus Großbritannien und der Branche seit mehr als 30 Jahren verbunden. Der Gründer und Direktor des World Retail Congress hat den Einzelhandel unter anderem als Journalist, Autor und Verleger begleitet und war maßgeblich an der Entwicklung der führenden britischen Branchenpublikation Retail Week beteiligt. Die von ihm initiierten Formate, darunter die Retail Week Conference und der Retail Week Award, zählen mittlerweile zu den wichtigsten Veranstaltungen der Branche.

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