Kolumne

Das Selbstverständliche schätzen lernen

Wie die Covid-19-Krise den Blick auf den Einzelhandel verändert.

Von Ian McGarrigle 01.05.2020

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Schon jetzt ist klar, dass wir aus dieser Krise Lehren ziehen müssen. Und auch ihre Helden kennen wir schon. Neben den Beschäftigten im Gesundheitssystem sind vor allem die Mitarbeiter des Einzelhandels ins öffentliche Bewusstsein gerückt.

Wie viele Millionen Menschen in der ganzen Welt, bin ich im Moment zu Hause und hoffe wie Sie, dass die von den Staatsregierungen verfügten Ausgangsbeschränkungen helfen, die weitere Ausbreitung von Covid-19 zu verhindern. Doch schon jetzt, nach den wenigen Wochen, erscheint die Vor-Corona-Normalität, also die Welt, in der ein Restaurantbesuch, der Weg ins Büro oder ein Einkaufsbummel noch nicht mit Risiken für Leib und Leben verbunden waren, sehr weit weg. Wer nicht im Gesundheitswesen oder in anderen systemrelevanten Bereichen arbeitet, sitzt daheim und muss sich auf das Telefon, E-Mails oder Videokonferenzen beschränken, um soziale Kontakte zu pflegen.

Mindestens so furchterregend wie das unsichtbare Virus selbst sind seine Folgen für die Wirtschaft, die mit dem Lockdown in weiten Teilen zum Erliegen kam. Noch bevor die Behörden Reiseverbote und Kontaktsperren im öffentlichen Raum verhängten, hatten die Menschen begonnen, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. Sie geben ihr Geld seither vor allem für überlebenswichtige Güter aus, in erster Linie Lebensmittel und Haushaltsartikel. Viele Händler mit anderem Sortiment sehen sich angesichts einbrechender Absatzzahlen im Zuge dieses weitreichenden „Social Distancing“ gezwungen, ihre Läden vorerst zu schließen.

Während Non-Food-Händler nur hoffen können, die Krise zu überleben, wird sich der Lebensmitteleinzelhandel seiner zentralen, ja überlebenswichtigen Bedeutung für unsere Gesellschaft bewusst. Auch wenn die Supermarktbetreiber beteuern, dass kein Mangel zu befürchten sei, leeren panikgetriebene Hamsterkäufer die Supermarktregale von Australien bis Amerika. In bestimmten Warenkategorien ist die Nachfrage um 40 bis 50 Prozent gestiegen. Die Zunahme von Onlinebestellungen für Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs ließ manche Website kollabieren. Viele Betreiber mussten ihre digitalen Angebote vorübergehend vom Netz nehmen, um mit dem Bearbeitungsrückstand der eingegangenen Bestellungen hinterherzukommen.

Schon jetzt ist klar, dass wir aus dieser Krise Lehren ziehen müssen. Und auch ihre Helden kennen wir schon. Neben den Beschäftigten im Gesundheitssystem sind vor allem die Mitarbeiter des Einzelhandels ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Denn mit ihrem Einsatz für die sichere Versorgung der Menschen leisten Supermärkte und Drogerien einen essenziellen Beitrag zum sozialen Frieden.

In den vergangenen Jahren drehte sich im Handel alles um die Verheißungen des Onlinegeschäfts. Doch die Coronakrise rückt die Verhältnisse auf brutale Weise gerade: Der Onlinehandel hat nämlich nur einen relativ kleinen Anteil am Gesamtumsatz und ist mit seiner Infrastruktur nicht imstande, eine größere Nachfrage zu bewältigen. Wenn alle Stricke reißen, wollen wir uns nach wie vor auf den nächstgelegenen Lebensmittelladen verlassen können.

Jene Geschäfte, die während der Krise geöffnet bleiben dürfen, wachsen an ihrer ungeheuren Aufgabe. Die Mitarbeiter bewahren unter chaotischen Bedingungen und angesichts aggressiver Kunden die Ruhe. Trotz der bis zur Belastungsgrenze strapazierten Lieferketten gelingt es, die geleerten Regale immer wieder mit frischer Ware zu füllen. Auf der Suche nach pragmatischen Lösungen spielt das übliche Konkurrenzdenken plötzlich keine Rolle mehr.

Darüber hinaus gibt es viele Händler und Unternehmen, die über sich selbst hinauswachsen und dort helfen, wo Hilfe am nötigsten gebraucht wird, oder ihre Ressourcen und Fähigkeiten für die Bereitstellung von dringend erforderlichen Produkten wie Schutzausrüstungen und Desinfektionsmitteln einsetzen.

Wir alle sehnen uns nach der Normalität von früher zurück. Doch es ist sehr unwahrscheinlich, dass unser Leben jemals wieder so sein wird wie vor dem Ausbruch der Pandemie. Es wäre schön, wenn zu den Veränderungen auch ein neues, von höherer Wertschätzung geprägtes Bewusstsein für die Bedeutung eines zuverlässigen und gut funktionierenden Einzelhandels gehörte – und zwar sowohl bei den Kunden als auch unter den politischen Entscheidungsträgern.

Ian McGarrigle

ist ein international erfahrener Einzelhandelsexperte aus Großbritannien und der Branche seit mehr als 30 Jahren verbunden. Der Gründer und Direktor des World Retail Congress hat den Einzelhandel unter anderem als Journalist, Autor und Verleger begleitet und war maßgeblich an der Entwicklung der führenden britischen Branchenpublikation Retail Week beteiligt. Die von ihm initiierten Formate, darunter die Retail Week Conference und der Retail Week Award, zählen mittlerweile zu den wichtigsten Veranstaltungen der Branche.

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