Agonie und Avantgarde

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Und auch wenn es für einen ersten Rückblick zu früh sein mag – die grobe Richtung in unserer Branche ist klar: Die ungeheure Dynamik der digitalen und technologischen Veränderungen lässt den traditionellen Einzelhandel ganz schön alt aussehen.

Von Ian McGarrigle 12.11.2018

© BBC

In die Schlagzeilen der internationalen Fachpresse haben es entweder Unternehmen geschafft, die aus dem Wandel gestärkt hervorgingen, oder solche, die daran scheiterten. Besonders Warenhäuser sind unter Druck geraten. Doch während britische Institutionen wie House of Fraser, Debenhams und sogar John Lewis straucheln, profitieren mit Karstadt und Kaufhof zwei große deutsche Unternehmen von erfolgreichen Konsolidierungsbemühungen.

Aber es gibt aus diesem Jahr noch mehr zu berichten. Anfang September verkündete Starbucks, bis 2025 gut 10.000 „grüne“ Filialen zu schaffen. Die kurze Nachricht ließ mich innehalten und darüber nachdenken, was seit Jahresbeginn eigentlich passiert ist. Keine Frage: Das Bewusstsein um die Bedrohung unserer natürlichen Umwelt und die Endlichkeit irdischer Ressourcen ist endlich in den Führungsetagen unserer Wirtschaft angekommen.

2018 ist das Jahr, in dem die Veranstalter des Glastonbury Festivals bekannt gaben, ab 2019 komplett auf Plastik zu verzichten. Auf dem größten Musik- und Kunstfest der Welt soll es künftig weder Plastikstrohhalme noch Wegwerfbecher aus Kunststoff geben. Ich gebe zu, dass anfänglich meine Skepsis überwog. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie das funktionieren soll, und hielt dieses Ziel für utopisch. Der Zufall wollte es, dass die BBC etwa zur gleichen Zeit eine Folge der berühmten Serie „Der Blaue Planet“ von Sir Richard Attenborough ausstrahlte. Der Film zeigte auf schockierend anschauliche Weise, wie Plastikabfälle unsere Ozeane verschmutzen und welche Auswirkungen diese gigantische Vermüllung auf das Leben von Tieren und Pflanzen in den Weltmeeren hat. Für mich war diese Sendung ein Schlüsselerlebnis.

Schon im Frühsommer war die Debatte um die Millionen von Kaffeebechern hochgekocht, die täglich über die Tresen der zahllosen Coffeeshops gehen und sich nicht wiederverwerten lassen. Die Kunden wurden angehalten, wiederverwertbare Kaffeebecher zu nutzen – und siehe da: Die Leute begannen tatsächlich, ihr Verhalten zu ändern. Einige Lebensmittelhändler in Großbritannien, darunter auch Waitrose, haben Wegwerfbecher inzwischen komplett abgeschafft und verkaufen ihren Kaffee nur noch in Mehrwegbecher. Auch Plastikstrohhalme verschwinden allmählich, selbst aus den Fast-Food-Ketten und Imbissbuden. Anstelle von Plastiktüten kommen nun Recyclingprodukte oder Papiertüten zum Einsatz.

Was an diesen plötzlichen und zum Teil radikalen Veränderungen so bemerkenswert ist? Sie fanden einfach statt, ganz ohne Gesetze oder strenge Regeln. Und sie sind auch nicht allein dem wachsenden Druck einer umweltbewussten Kundschaft zu verdanken. In vielen Fällen haben die Händler und Hersteller selbst die Richtung vorgegeben, die Initiative ergriffen oder gehandelt. Und die Kunden begrüßen diesen so unaufhaltsamen wie rasanten Wandel. Er zeigt nicht zuletzt dem Handel auf, dass 2018 mehr steckt als Agonie und Niedergang. Ganz im Gegenteil: 2018 zeigt, dass der Fortschritt einen tatkräftigen und selbstbewussten Handel sehr gut gebrauchen kann.


Ian McGarrigle ist ein international erfahrener Einzelhandelsexperte aus Großbritannien und ist der Branche seit mehr als 30 Jahren verbunden. Der Gründer und Direktor des World Retail Congress hat den Einzelhandel unter anderem als Journalist, Autor und Verleger begleitet und war maßgeblich an der Entwicklung der führenden britischen Branchenpublikation Retail Week beteiligt. Die von ihm initiierten Formate, darunter die Retail Week Conference und der Retail Week Award, zählen mittlerweile zu den wichtigsten Veranstaltungen der Branche.

Schlagworte: Digitalisierung, E-Commerce, Jahresrückblick, Kolumne

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