Logistik

Entscheidend ist an der Rampe

Wann kommt mein Sofa? Was zunächst völlig banal und harmlos nach einer üblichen Kundenfrage im Möbel­handel klingt, beschreibt sehr treffend die aktuelle Situation bei der Auslieferung von Neumöbeln in Deutschland – und beinhaltet erheblichen Sprengstoff.

Von André F. Kunz, Geschäftsführer Handelsverband Möbel und Küchen (BVDM) 08.10.2019

© Getty Images/Monty Rakusen

Schneller liefern: In der Möbel- und Küchenbranche besteht in Sachen Logistik dringender Handlungsbedarf.

Der Kunde bestellt ein Sofa und möchte gerne wissen, wann er es bekommt. Beantwortet werden kann diese Frage momentan leider nur sehr vage mit den üblichen „sechs bis acht Wochen“. In der heutigen Zeit, da bei Onlinebestellungen von Gütern aller Art nicht nur den Liefertag, sondern bisweilen gleich auch die Lieferuhrzeit mitgenannt wird, stellt eine solch vage Antwort eine echte Herausforderung für die gesamte Möbel- und Küchenbranche dar. Kurz: Es besteht dringender Handlungsbedarf.

Bereits vor einigen Jahren hat der Handelsverband Möbel und Küchen (BVDM) zusammen mit dem Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) und dem Bundesverband Möbelspedition und Logistik (AMÖ) erkannt, dass in der Neumöbellogistik große Herausforderungen, aber auch Chancen für die Zukunft liegen. Daher riefen die drei Verbände im Jahr 2015 die Zukunftsinitiative Möbellogistik (ZIMLog) ins Leben. Unter wissenschaftlicher Begleitung von Professor Paul Wittenbrink (Duale Hochschule Baden-Württemberg, Lörrach), der bereits die Bundesregierung beim Aktionsplan Güterverkehr beraten hat, gaben sie eine Untersuchung in Auftrag, um die wesentlichen Herausforderungen zu identifizieren. Rund 30 maßgebliche Unternehmen aus Handel, Industrie und Logistik haben sich unter Federführung der jeweiligen Branchenverbände an der Untersuchung sowohl finanziell wie auch aktiv beteiligt.

Wollen wir, dass die Möbelauslieferung angemessen funktioniert und wir unsere Kunden ordentlich sowie innerhalb angemessener Lieferzeiten beliefern können, muss die Neumöbellogistik in den kommenden Jahren eine Vielzahl von Aufgaben meistern: So werden die Fahrer immer älter und Nachwuchs kommt kaum nach, da die Arbeitsbedingungen bisweilen recht unattraktiv sind. Zudem bestehen Herausforderungen im Austausch von Bestell- und Lieferdaten, da bis heute kein einheitlicher Datenstandard existiert. Die Abläufe an der Handelsrampe und der Warenumschlag im Handelslager bergen ebenfalls noch erhebliche Optimierungspotenziale.

Erhebliches Optimierungspotenzial

Konkretes Ergebnis der genannten Untersuchung war eine Liste von acht Punkten, die unsere „Vision Möbellogistik 2020“ treffend beschreiben:

1. Von der Industrie bis zum Handel hat die Möbelbranche eine gut funktionierende Logistik als zentralen Wettbewerbsfaktor erkannt und arbeitet an einer kontinuierlichen Verbesserung der entsprechenden Prozesse.

2. Um die Kostensenkungs- und Serviceverbesserungspotenziale auszuschöpfen, werden die Warenströme branchenübergreifend und transparent koordiniert.

3. Da diese Koordination nur gelingen kann, wenn die Schnittstellen optimiert sind, gibt es einen einheitlichen Branchenstandard zur Abwicklung papierloser Warenverkehre.

4. Zentraler Erfolgsfaktor für die Ausschöpfung der Optimierungspotenziale sind vertikale und horizontale Kooperationen im Sinne von Wertschöpfungspartnerschaften.

5. Die Transportnetzorganisation beinhaltet sowohl Tourensysteme als auch Netzwerksysteme, wobei Industrie, Möbellogistiker und Möbelhändler eng zusammenarbeiten, um eine optimale Bündelung zu erreichen.

6. Die Branche nutzt ein standardisiertes Corlettensystem, das Tausch- und Rückführung beinhaltet und zudem dank seines Mehrwegcharakters den Verpackungsverbrauch mindert.

7. Obwohl der Anteil von Reklamationen in der Branche vergleichsweise gering ist, besteht ein branchenübergreifend einheitlicher Prozess zur Abwicklung von Reklamationen und Retouren.

8. Für die Schnittstelle Rampe existieren verbindliche soziale Standards und Verhaltensregeln, die Wartezeiten an den Empfängerrampen sind gering und die Aufgaben der Fahrer klar definiert.

 

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In eigens eingesetzten Arbeitsgruppen, bestehend aus den drei federführenden Verbänden sowie Unternehmen der beteiligten Wirtschaftsstufen, entwickelten die beteiligten Experten Lösungsansätze, wie diese Vision umgesetzt werden kann. Nun, da das Jahr 2020 fast vor der Tür steht, ist es Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Einige Lösungen lagen auf der Hand und konnten rasch umgesetzt werden, andere Aufgaben erwiesen sich als echte Langläufer, die wir bislang nicht zufriedenstellend lösen konnten.

Bereits vorweisen können wir:

 

- Empfehlungen zur Rampenkapazitätsplanung

- Verfahrensgrundsätze zum Bestell- und Lieferprozess

- Regelungen zur Meldung von Lieferterminen einen sogenannten „Rampenknigge“

- diverse Standards und Regeln für den Datenaustausch
 

Überdies untersuchen zurzeit verschiedene Händler, Spediteure und Hersteller im Rahmen des Pilotprojekts „Entladehelfer“ gemeinsam, ob der bislang übliche zweite Fahrer auf dem Lkw entfallen könnte, indem vor Ort sogenannte Entladehelfer zum Einsatz kommen. Dadurch kann teures, die meiste Zeit passives Personal auf dem Lkw eingespart und durch günstigeres aktives Personal vor Ort ersetzt werden.

Im Jahr 2018 haben die beteiligten Unternehmen entschieden, aus ZIMLog eine dauerhafte Einrichtung zu machen, also die Themen regelmäßig weiterzubearbeiten und kontinuierlich an der Verbesserung der Prozesse zu arbeiten. Dazu haben sie im Daten Competence Center e. V. (DCC) eine Fachgruppe ZIMLog eingerichtet. Das DCC mit Sitz in Herford ist ein eigenständiger, nicht gewinnorientierter Verein der Holz- und Möbelindustrie, der sich in allen Bereichen der Datenkommunikation für planungsintensive Möbel engagiert. Derzeit sind Unternehmen aus der Küchen-, Bad-, Polster- und Wohnmöbelindustrie, der Softwarebranche und dem Handel sowie Neumöbellogistiker als Mitglieder im DCC organisiert.

Tür steht allen Möbelhändlern offen

Möbelhandelsunternehmen, die sich gerne beteiligen möchten und Lösungen mit erarbeiten wollen, steht die Tür weit offen. Je mehr Unternehmen aus dem Handel bei ZIMLog mitmachen, desto besser können die Notwendigkeiten und Bedürfnisse des Handels in ZIMLog einfließen und Berücksichtigung finden. Der BVDM steht den Möbelhandelsunternehmen für eine erste Kontaktaufnahme gerne zur Verfügung. Die bisherigen Ergebnisse und Lösungen sind im Übrigen nicht geheim, sondern stehen allen Unternehmen der Möbelbranche kostenlos und unverbindlich zur eigenen Nutzung und Implementierung im Unternehmen zur Verfügung. 

Download unter:

dcc-moebel.org/zimlog.html

Eine Übersicht Ihrer Branchenansprechpartner finden Sie unter:

handelsjournal.de/fachverbaende

Schlagworte: Möbellogistik, Möbelhandel, Möbelkauf, Logistik, Agenda, Handelsverband Möbel und Küchen

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