Allein im Nano-Store

Künstliche Intelligenz treibt den Handel. Die Retailtech-Messe EuroCIS ließ erahnen, welche Einsatzgebiete – von schnellen Check-outs über die Preisoptimierung bis zum Bestandsmanagement mittels Bilderkennung – lernende Maschinen künftig prägen.

Von Ralf Kalscheur 18.03.2019

© AIFI

Shopping-App öffnen, QR-Code laden, Smart­phone an den Scanner halten – und schon öffnen sich die Türen des kleinen Supermarkts auf dem Messestand von Wanzl in Düsseldorf. Verkaufspersonal wäre hier außerhalb der Öffnungszeiten nicht vonnöten, das präsentierte Ladenkonzept ist für den Betrieb rund um die Uhr gedacht. Der Kunde entnimmt die gewünschte Ware aus den Regalen und legt sie am Ausgang auf ein Förderband, das durch einen Scantunnel läuft. Die Warensicherung wird während des Self-Check-outs automatisch deaktiviert und die Ausgangstüren öffnen sich, sobald der Shopper den QR-Code auf seinem Bon scannt. Wer mobil bezahlt, erhält den Code aufs Smartphone.

Der weltweit größte Hersteller von Einkaufswagen ist längst ein Technologieunternehmen. In einer Niederlassung von Würth im schwäbischen Vöhringen können Handwerker dank Retailtech von Wanzl bereits seit fast einem Jahr 24 Stunden am Tag einkaufen. Der Großhändler für Befestigungs- und Montagematerial rollt das in dem Pilotmarkt erprobte Konzept auf weitere Märkte aus. „Die Amortisierung ist schwer zu berechnen“, räumt ein Wanzl-Vertriebsmitarbeiter am Messestand ein. Vielmehr gehe es bei dem 24-Stunden-Laden um Kundenbindung durch Serviceangebote. Für die Masse sei das System nicht ausgelegt. „Dafür dauert der Scanvorgang zu lange.“ Doch könne die Lösung interessant sein für kleinflächige To-go-Konzepte und Lebensmittelhändler auf dem Land. Mit einer deutschen Lebensmittelkette lote Wanzl bereits Experimentierfelder aus, heißt es aus dem Unternehmen.

Grab and go

Auf den Spuren von Amazon Go bewegt sich die technisch aufwendigere, kassenlose Ladenlösung des Start-ups Aifi. Die Kalifornier nutzen künstliche Intelligenz, um – das ist das Besondere im Unterschied zu Amazon – skalierbare Sensor- und Kameranetzwerke für die „Grab-and-go-Shopping-Experience“ auch in bestehenden, größeren Läden zu implementieren. In Düsseldorf stellte Aifi aber seinen neuen unbemannten, vollautomatischen Nano-Store vor, der in einem Standardcontainer unterkommt.

Die Technik ist für alle Formate die gleiche: Ohne Gesichtserkennung lassen sich im Ladennetzwerk Shopperbewegungen verfolgen und analysieren sowie Warenbestände kontrollieren und via API-Schnittstelle automatisch mit der Supply Chain verbinden. Beim Eintritt wird die Mitgliedskarte, Kreditkarte oder Payment-App des Kunden gescannt, der seinen Einkauf erledigt und den Laden einfach wieder verlässt. Seamless Check-out nennt sich das. Aifi erkennt und rechnet automatisch die Waren im Einkaufskorb ab und gibt die Quittung auf Wunsch per E-Mail, App oder auf Papier aus.

Kleine Firmen als Innovatoren

Auch Späteinsteigern in den Onlinehandel und Gründern zeigt die Retailtech-Messe Lösungswege auf. Mit „QuickCommerce“ schnürt VR Payment, Paymentspezialist innerhalb der Genossenschaftlichen FinanzGruppe Volksbanken, ein praktisches E-Commerce-Paket. „Der Webshop lässt sich intuitiv innerhalb weniger Minuten einrichten und individualisieren“, sagt Claudia Johannes, Abteilungsleiterin Produktmanagement. „Die integrierte Paymentfunktion beinhaltet alle gängigen Bezahlverfahren.“ Kunden können „QuickCheckout“ auch in eine bestehende Website integrieren oder über ein weiteres Modul den Rechnungskauf abwickeln.

Auf das Zukunftsgeschäft mit optischen Sensoren und Analyselösungen setzt der schwedische Netzwerk-Video-Spezialist Axis Communications. Das Schwergewicht im Bereich der Videoüberwachung versteht sich als Plattform, die weltweit Technologiepartner integriert und zertifiziert. „Die Innovatoren sind meist kleine Firmen“, erklärt Ralph Siegfried, Berater im Bereich Business Development Retail bei Axis. „Wir ermöglichen auch großen Retailern, mit Start-ups zu arbeiten.“ Auf der EuroCIS präsentierte Axis etwa seine Partnerschaft mit Shelfie. Die Bildanalyseplattform zur Bestandskontrolle liefert mit Axis-Kameras Einblicke in die physischen Regale und automatisiert so mittels erweiterter maschineller Lern- und Bildverarbeitungsalgorithmen den Informationsfluss über fehlende oder verlagerte Produkte. Das Robotikunternehmen MetraLabs präsentiert derweil eine andere Möglichkeit der Inventur: Der Roboter Tory fährt selbsttätig nachts durch die Gänge und zählt die RFID-Tags der Waren oder registriert den Bestand per Bilderkennung.

Ob Schmuckanprobe mithilfe von Augmented Reality, Software für die Preisoptimierung oder elektronische Preisschilder mit eingebauten Kameras, die vor Out-of-Shelf-Situationen warnen: Die Investitionsbereitschaft des Handels in technische Lösungen und Infrastrukturen steigt weiter an, so die aktuelle Studie „IT-Trends im Handel 2019“ des EHI.

Über alle Branchen hinweg liegt demnach das durchschnittliche IT-Budget im Jahr 2019 bei 1,46 Prozent vom Nettoumsatz. Dieser Wert lag 2017 noch bei 1,35 Prozent. Ein Fortschreiten dieser Entwicklung prognostizieren zwei Drittel der befragten Händler. Der Einsatz von KI steht auf der Prioritätenliste ganz oben. Als zukünftige Anwendungsgebiete für KI nennen die Händler vor allem Predictive Analytics (53 Prozent), die standortspezifische Warenallokation (22 Prozent) und Bilderkennungstechnologien (22 Prozent).

Schlagworte: Künstliche Intelligenz, KI, Retail, EuroCis, Maschinen, Messe

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