Raum für urbane Vielfalt

In vielen Städten gibt es Leerstände, die der Handel nicht mehr füllt – selbst in besten Lagen. Den Raum zu nutzen, um die Waren gleich in der Stadt herzustellen, ist naheliegend. Aber wie kann Produktion in der City funktionieren? Das war Thema der Urbanicom-Studientagung in Aachen.

Von Jens Gräber 09.07.2019

© Männer/Georg Oberweger

Produktions­standort City: Wohnhäuser umgeben das Stammwerk des Wiener Waffelherstellers Manner. Im angeschlossenen Laden können Kunden die Produkte kaufen.

Die Lage ist schnell zusammengefasst: Viele Händler leiden angesichts hoher Miete in Innenstädten unter Rentabilitätsproblemen; es trifft nicht nur Mittelständler. Scheitern Verhandlungen über die Höhe der Miete, bleibt nur der Auszug. „Die Konjunktur läuft, die Umsätze wachsen – die Flächen jedoch nicht mehr“, sagt Joachim Stumpf, Geschäftsführer der BBE Handelsberatung aus München. „Das Wachstum findet vor allem online statt.“ Die Folge: Leerstände. Die seien eines der großen Probleme in Innenstädten, sagt Lovro Mandac, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins für Stadtentwicklung und Handel, des Veranstalters der Urbanicom. Mandac wirft Fragen auf: „Was bringen wir zurück in die Städte? Kleinteilige oder großteilige Produktion? Erhalten wir die Genehmigungen dafür? Lassen die Bürger das überhaupt zu?“

Antworten geben die Referenten. Anne-Caroline Erbstößer von der Technologiestiftung Berlin erklärt, die Herstellung von Waren in der Stadt sei möglich und sinnvoll. „Die Produktion verändert sich, Menschen kooperieren heute viel enger mit Maschinen. Schutzräume um Maschinen herum werden nicht mehr gebraucht, Kundennähe ist schon im Fertigungsprozess gewünscht“, so Erbstößer. Als Beispiel nennt sie Prothesen, die mittels 3-D-Druck als Einzelstücke hergestellt werden. Ihre Visionen für die innenstädtische Zukunft: Fabriken auf den Dächern von Handelsgebäuden oder eine vertikale Fabrik, in der die verschiedenen Produktionsschritte nicht über die Grundfläche, sondern über die Stockwerke verteilt sind.

Erbstößer verweist auf die Vorteile innerstädtischer Produktion, die keineswegs nur ein Lückenfüller sei: „Die Nähe schafft Synergieeffekte, wenn Unternehmen beispielsweise beim Holzfräsen anfallende Abfälle gleich zur Produktion von Wärme für die Nachbarschaft nutzen.“ Die Wege zum Kunden seien kurz, in der Stadt gebe es auch die talentiertesten Mitarbeiter, schließlich wolle niemand mehr weite Strecken pendeln oder in einem ungünstigen Umfeld wohnen.

Stefan Gärtner, Direktor des Instituts Arbeit und Technik in Gelsenkirchen, weist darauf hin, dass eine sozial integrative Stadt ohnehin auf Produktion angewiesen sei: „Sonst fehlen Arbeitsplätze für Nichtakademiker.“ Positiv sieht er zudem den Innovationsdruck, den die innerstädtische Fertigung erzeuge. Allein der Lieferverkehr sei eine Herausforderung und fordere Kreativität. Künftig könnte dabei etwa der Einsatz von Elektro- oder Wasserstoff-Lkw notwendig sein, um Emissionen zu reduzieren.

Nutzungskonflikte moderieren

Als gelungenes Beispiel nennt er den Waffelhersteller Manner, der Teile seiner Produktion 2011 zurück in das Wiener Gründerviertel verlagerte und dort eine vertikale Fabrik eingerichtet hat. Den An- und Abtransport regelt Manner mithilfe einer eigens gebauten Verladezone, sodass die Lkw keine Straßen blockieren. Beschwerden von Anrainern gebe es sehr selten, erklärt Karin Steinhart, Kommunikationsverantwortliche bei Manner. Wenn doch, ginge man der Sache nach und finde eine Lösung. Ein guter Weg, sagt Gärtner: Ließen sich Nutzungskonflikte nicht vermeiden, müssten sie moderiert werden.

Flexibilität und Toleranz gefragt

Leicht ist das allerdings nicht immer. Carsten Benke vom Zentralverband des Deutschen Handwerks beklagt wachsende Probleme der Betriebe nicht nur in Städten, sondern auch auf dem Land. „Viele Anwohner akzeptieren selbst den Geruch einer Backstube nicht mehr“, sagt er. Zwar bestehe häufig der Wunsch nach einer gemischten Nutzung von Flächen, die reale Entwicklung verlaufe aber eher in die entgegengesetzte Richtung. Zudem würden bestimmte Betriebe nach Planungsrecht schlicht nicht genehmigt, egal ob sie ihre Emissionen reduziert haben oder nicht.

Benke beklagt eine fehlende Einsicht in den Umstand, dass die Stadt der kurzen Wege allen Flexibilität und Toleranz abverlange, und fordert einen entsprechenden Bewusstseinswandel. Klar ist: Ohne Produktion gibt es keinen Handel – und einkaufen muss schließlich jeder irgendwo. Christoph Meyer, Geschäftsführer der CM Best Retail Properties GmbH in Berlin, kritisiert, dass Anwohner sogar gegen Gewerbebetriebe klagen, die schon vor ihrem Zuzug am Wohnort angesiedelt waren. „Das ist doch abenteuerlich!“

Dass eine gemischte Nutzung frei gewordener Räume durchaus funktionieren kann, beweist die Urbanicom selbst mit der Wahl ihres Tagungsortes, der ehemaligen Kirche St. Elisabeth in Aachen: Wo früher der Altar stand, sprechen heute die Referenten. Und drum herum gehen die Mitarbeiter verschiedener Firmen, die sich im Coworking Space „Digital Church“ eingemietet haben, ihren Geschäften nach. „Ich konnte mir vorher nicht vorstellen, dass wir eine Tagung abhalten und gleichzeitig im selben Raum andere Leute arbeiten“, sagt Michael Reink, Bereichsleiter Standort- und Verkehrspolitik des HDE und Organisator der Urbanicom. „Aber es funktioniert.“

Schlagworte: Urbanicom, Leerstände, Innenstadt

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