Payment

Bargeld lacht

Trotz Hygienebedenken in der Coronakrise und neuen Payment-Trends zahlen viele Kunden immer noch am liebsten bar. Nachteil: Das Wechselgeld sammelt sich in den Geldbörsen. Münzzählautomaten schaffen auf bequemem Weg Abhilfe.

Von Jens Gräber 12.10.2020

© Coindrum

Händler könnten wählen, ob sie die Automaten selbst leeren und die Münzen als Wechselgeld in ihren Kassen verwenden oder ob sie Coindrum mit der Leerung beauftragen.

Die Deutschen lieben ihr Bargeld. Zahlungsexperten der Unternehmensberatung Oliver Wyman schätzen, dass im vergangenen Jahr rund 50 Prozent des Umsatzes im Handel per Barzahlung abgewickelt wurden – Online- und Stationärhandel zusammengenommen, wohlgemerkt. Weil vor allem kleine Münzen, die Verbraucher als Wechselgeld erhalten, oft nicht wieder ausgegeben werden, schwellen die Geldbörsen mit der Zeit an. Einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Splendid Research zufolge betrachten 71 Prozent der Deutschen zu viele Kupfermünzen im Portemonnaie als ein Problem.

Viele Bankfilialen aber akzeptieren kein ungerolltes Kleingeld zur Einzahlung beziehungsweise zum Wechsel in größere Münzen und Scheine. Dienstleister für den Einzelhandel sehen hier ein Geschäftsmodell: Sie stellen in stationären Läden Automaten auf, die Münzgeld zählen und im Gegenzug Einkaufsgutscheine für das jeweilige Geschäft ausgeben. Vorteile für den Händler: Er kann einen weiteren Service anbieten, der Kunden bindet und zusätzlichen Umsatz in den Laden bringt.

Das amerikanische Unternehmen Coinstar hat jahrzehntelange Erfahrung im Münzautomatengeschäft, ist aber erst seit 2018 auch auf dem deutschen Markt aktiv. Nach Angaben von Andreas Spinkler, verantwortlich für das Deutschlandgeschäft, stehen hierzulande rund 700 Automaten in Real-, Edeka- und Rewe-Märkten bereit. Den Umsatz in Deutschland beziffert das Unternehmen für 2019 auf 52 Millionen Euro.

„Für die Händler entstehen keine Kosten“, betont Spinkler. Seinen Gewinn erzielt Coinstar, indem es von den gezählten Münzen eine Gebühr von 9,9 Prozent einbehält – der Kunde bekommt also nur einen Gutschein über 90,1 Prozent des Münzwertes. Ist der Automat voll, werden die Münzen abgeholt und zur Bundesbank gebracht. Eine direkte Wiedereinspeisung in die Kassen der Händler bietet Coinstar nicht an. Es falle mehr Kupfergeld an, als diese bräuchten, erklärt Spinkler. Zudem müssten die Münzen zuvor gereinigt werden.

Beim britischen Start-up Coindrum gestaltet sich das Angebot variabler als beim Konkurrenten: Das Unternehmen vermietet die Automaten an Händler, der Preis ist laut CEO Lukas Decker Verhandlungssache. „Das hängt von Faktoren wie Vertragslänge, Zahl der aufgestellten Geräte und Serviceumfang ab“, führt er aus.

Wechselgeld für eigene Kassen nutzen

Händler könnten etwa wählen, ob sie die Automaten selbst leeren und die Münzen als Wechselgeld in ihren Kassen verwenden oder ob sie Coindrum mit der Leerung beauftragen. Auf einem großen Bildschirm am Wechselautomaten hat der Händler zudem die Möglichkeit, eigene Angebote zu bewerben. Das Modell der Konkurrenz – statt des Händlers zahlt der Kunde für den Service – sei ebenfalls realisierbar, so Decker. Er empfehle das allerdings nicht. „Eine Gebühr dafür wird in Deutschland von Endkunden nicht gut akzeptiert“, ist der aus Hamburg stammende CEO überzeugt.

2012 gegründet, stellte Coindrum die Automaten anfangs nur an Flughäfen auf, wo Reisende übrig gebliebenes Bargeld in der Landeswährung gegen Gutscheine für den Duty-free-Shop tauschen können. Kein Wunder, dass Ryanair-Mitgründer Declan Ryan zu den Investoren gehört, von denen das Start-up 2016 umgerechnet rund 1,8 Millionen Euro Kapital eingesammelt hat.

Mit der Idee, die Automaten auch im Einzelhandel aufzustellen, hat das Unternehmen am Accelerator-Programm des Münchner Retailtech Hubs teilgenommen, das für Retailer interessante Start-ups fördert. Neben MediaMarktSaturn und dem Plug and Play Tech Center aus dem Silicon Valley sind auch weitere Partner aus der Welt des Handels am Programm beteiligt.

Wettbewerbsvorteil dank Bargeldautomat

Rund zehn Automaten sind bislang bei deutschen Händlern zu finden, zum Beispiel in einigen Rewe-Märkten. Es handele sich um einen zeitlich befristeten Test, teilt das Unternehmen mit. „Die interne Bewertung des Angebots ist noch nicht abgeschlossen“, erklärt Sprecher Thomas Bonrath.

Dass die Coronakrise die Liebe der Deutschen zum Bargeld nachhaltig abkühlen und damit ihr Geschäftsmodell beschädigen könnte, glauben weder der Coinstar-Verantwortliche Spinkler noch Coindrum-CEO Decker. Tatsächlich zeigt eine aktuelle Studie der Zahlungsplattform Paysafe, dass in der Coronakrise eine Mehrheit der Deutschen (52 Prozent) Bargeld noch immer für das zuverlässigste Zahlungsmittel hält. Mittelfristig prognostizieren die Berater von Oliver Wyman zwar ein moderates Absinken des Bargeldanteils am Handelsumsatz auf 32 Prozent bis 2025, bei kleinen Summen soll er aber auch dann noch bei rund 50 Prozent liegen.

Maik Thaut, Betreiber eines Edeka-Marktes im Berliner Stadtteil Friedrichshain, beobachtet jedenfalls auch während der Coronapandemie kein nachlassendes Interesse am Coinstar-Automaten in seinem Laden. Und er ist überzeugt, dass der sich für ihn lohnt: „Die Leute wissen, hier gibt es so einen Automaten – deshalb kommen sie eher zu mir als zur Konkurrenz.“

Schlagworte: Bargeld, Payment

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