Porträt

Enkeltauglich

Das Wachstum der Bio-Branche nimmt infolge der Corona-Pandemie zusätzlich Fahrt auf. Michael Radau, Chef des Vollsortimenters SuperBioMarkt, muss mitwachsen. Denn von der steigenden Ausgabenbereitschaft für Öko-Produkte wollen alle Handelsformate profitieren.

Von Ralf Kalscheur 23.06.2020

© Carsten Behler

Michael Radau: „Wir wollen unser Sortiment vergrößern und weiter expandieren“

Vor der Zentrale der SuperBioMarkt AG, gelegen in einem modernen Holz-Hybrid-Bau im Münsteraner Hafenviertel, parkt ein E-Lastenrad und spiegelt sich in den bodentiefen Fenstern und der Fassadenhaut aus tiefgrün glasierten Terrakotta-Tafeln. Unter dem Motto "SuperBioBringt’s" liefert das Start-up Leezen Heroes im Auftrag des Bio-Vollsortimenters wöchentlich Obst aus kontrolliert biologischem Anbau an etwa hundert Firmenkunden in der Stadt.

Die Vitamine sind seit Ausbruch des Virus besonders wertvoll. Gerissene Lieferketten sowie der Mangel an Erntehelfern und Regen haben die Preise explodieren lassen. Gleichzeitig stieg die Nachfrage nach Obst und Gemüse, denn die Schließung von Gaststätten, Schulen und Kitas zwang die Menschen dazu, wieder mehr zu kochen.

„Wir prüfen gerade, den Lieferservice per Lastenrad auf andere Städte auszuweiten“, sagt Michael Radau. Sein Unternehmen will Erfahrungswerte auf der letzten Meile sammeln. Der Gründer und Chef des Öko-Lebensmittelfilialisten erwartet, dass die Corona-Pandemie die Nutzung des Services Click and Deliver in den nächsten eineinhalb Jahren kräftig anschiebt.

Darum hat der erfahrene Manager, ein Pionier der Bio-Branche in Deutschland, bereits „erste Gespräche“ mit dem im nördlichen Münsterland sitzenden Nachbarn Fiege geführt. Der familiengeführte Logistikkonzern übernimmt als Plattformpartner für Marktplatzbetreiber, Handels- und Lebensmittelunternehmen Dienstleistungen rund um Warenlagerung, Absatzlogistik und Fulfillment.

Radau schwebt ein Modell vor, mit dem Picnic und Edeka Rhein-Ruhr bereits erfolgreich sind: Der Food-Spezialist liefert die Waren, während Logistik-Spezialisten das Problem der letzten Meile lösen – unter anderem auch per E-Lastenrad. „Die Intelligenz der Systeme nimmt zu, Kunden werden künftig komfortabel in Echtzeit Einfluss auf die Lieferzeit haben“, sagt Radau.

Der fortschreitende Niedergang des stationären Handels in den Kleinstädten vergrößere insbesondere dort die Nachfrage nach Lieferlösungen. Der Mittelständler behält die Entwicklung im Auge, doch: „Ich will um Qualität und Service konkurrieren und keinen Wettbewerb um den kleinsten Lieferpreis.“ Man dürfe den Kunden nicht suggerieren, dass die Lieferung nichts kostet. „Wir brauchen eine andere Wertschätzung für Lebensmittel in Deutschland, das gilt auch für den Liefervorgang“, betont Radau.

Bricks statt Clicks

Mit E-Food lässt sich in Deutschland auch im Bio-Segment noch kein Geld verdienen. Keine der großen Bio-Fachhandelsketten, wie Alnatura, Denn’s, Bio Company oder Basic, betreibt einen eigenen Onlineshop. Bio boomt stationär. Laut „Covid-19 Consumer Sentiment Survey“ der Unternehmensberatung Boston Consulting Group will rund jeder dritte deutsche Verbraucher künftig mehr Geld für Bio-Artikel ausgeben.

Ende 2019 gab es in Deutschland laut Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) 2 270 Bio-Fachhandelsgeschäfte. Die Strukturen veränderten sich ähnlich wie in den Vorjahren: Der Anteil der filialisierten Läden stieg, die Großflächen legten zu, 70 kleine Läden mussten schließen. „Für den Fachhandel ist entscheidend, auch weiterhin sein konsequentes und beständiges Engagement für Bio-Lebensmittel authentisch und glaubwürdig zu vermitteln“, heißt es im Branchenreport 2020 des BÖLW.

Doch die Unterscheidungsmerkmale zum konventionellen Handel schwinden: Lidl kooperiert mit Bioland, Kaufland mit Demeter-Herstellern, Edeka brachte im vergangenen Herbst zwei erste Bio-Fachmärkte der Marke Naturkind an den Start, Rewe pflegt eine starke Bio-Eigenmarken-Politik und Aldi ist Bio-Marktführer. Um sich auch künftig gegen die wachsenden Bio-Sortimente der Supermärkte, Discounter und Drogeriemärkte behaupten zu können, müssen die Fachhändler neue Filialen eröffnen. Ihr Wettbewerbsvorteil liegt in der Auswahl, also sind sie bestrebt, die Sortimente noch weiter zu vergrößern.

Boomender Bio-Kapitalismus

SuperBioMarkt führt rund 7 500 Bio-Produkte auf durchschnittlich 600 Quadratmetern Verkaufsfläche. 60 Prozent des Umsatzes entfallen auf Frischware. „Sehr lukrativ“, so Radau, sei zudem das margenstarke Naturkosmetik-Segment, dem er eigene Abteilungen einräumt. Die einladend gestalteten Bistros in den Märkten tragen hingegen nur einen kleinen Teil zum Ergebnis bei, steigern aber die Aufenthaltsqualitität und inspirieren Gäste, Mahlzeiten mit exotischen Zutaten nachzukochen.

„Wir wollen unser Sortiment vergrößern und weiter expandieren“, sagt Radau. Das Wachstumskapital kommt von der Bio Development AG, die vor zwei Jahren 38 Prozent der SuperBioMarkt AG übernahm. Die auf Bio-Lebensmittel (Produktion und Handel) spezialisierte Schweizer Holding ist im deutschen Bio-Lebensmittelhandel zudem mit 47 Prozent an der Berliner Bio Company GmbH beteiligt und besitzt den hessischen Bio-Großhändler Phönix GmbH.

Die Öffnung der Bio-Branche in Richtung konventioneller Handelskanäle, zulasten kleiner Fachhändler, provoziert in der Öko-Szene Vorwürfe eines neuen „Bio-Kapitalismus“. „Das ist ein zweischneidiges Schwert“, räumt Radau ein. Denn möglichst viele Menschen mit Bio in großer Auswahl zu erreichen, ist seine Grundidee, als er 1993 den ersten SuperBioMarkt eröffnet.

„Bis in die 90er-Jahre hinein war die landläufige Meinung, dass Ökologie und Ökonomie nicht zusammengehören. Das eine ist knallharte Wirtschaft, das andere ist Gutmenschentum“, erinnert sich der Bio-­Vorreiter der ersten Stunde.

„Meine Motivation war es immer, das Gegenteil zu beweisen. Wenn wir zukunftsfähig agieren wollen – ich liebe den Begriff ‚enkeltauglich‘ –, müssen wir ökologisches und soziales Wirtschaften dauerhaft profitabel gestalten.“

Eine Reise nach Kalifornien Anfang der 80er-Jahre bringt Radau den organischen Whole-Food-Gedanken näher. Zurück in Münster, arbeitet er im Bioladen Kornblume mit. Er ist kein Langhaariger, trägt keine lila Latzhose, doch eine Ausbildung zum Lebensmittelkaufmann erscheint ihm gleichwohl zu konventionell. Vielmehr treibt ihn das Interesse an gesunder Ernährung. Er bildet sich zum Gesundheitsberater weiter und gibt Kurse. Mit 25 kauft er den Bioladen und eröffnet kurze Zeit später, 1986, dem Jahr der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, eine Filiale. „Plötzlich machten sich mehr Menschen intensiv Gedanken über Lebensmittel: Womit wurden die behandelt, was ich nicht sehen, nicht riechen, nicht schmecken kann?“

Er bewundert den eng mit der Bioland-Bewegung verbundenen Unternehmer Claus Hipp, der schon in den 80er-Jahren medienwirksam damit wirbt, nur Bio-Rohstoffe für seine Babynahrung zu verwenden. „Das war für mich eine Initialzündung, auch anderen Bevölkerungsschichten den Bio-Gedanken über ein Format näherzubringen, das sie kennen: den Supermarkt.“ Radau nennt sein Unternehmen darum SuperBioMarkt, und nicht BioSupermarkt. „Wir sind ein Supermarkt mit Bio drin.“

Supermarkt mit Bio drin

Der Vizepräsident des Handelsverbands Deutschland hat sich im Vorstand früh für eine Selbstverpflichtung des Handels zum Plastiktütenverzicht ausgesprochen. Er profitiere gern von dem „spannenden und wertschätzenden Austausch“ mit Vorstandskollegen wie Klaus Gehrig (Schwarz Gruppe) oder Markus Mosa (Edeka) sowie von der Möglichkeit, gestaltend an der Zukunft des Handels mitzuwirken. Geht es darum, in seiner Branche einen Preiswettkampf zu vermeiden, ist Radau allerdings entschieden öko. „Es ist ein Fehler, zu suggerieren, dass sich jeder in unserer Gesellschaft zu jeder Zeit alles leisten können muss. Muss man sieben Tage in der Woche ‚bezahlbares‘ Fleisch essen können?“

Er erinnert an die Lage unterbezahlter und elend untergebrachter rumänischer Leiharbeiter, die sich in großen Schlachthöfen verdingen, und formuliert diplomatisch: „Es ist legitim, auf die Bezahlbarkeit zu achten.“ Doch verbilligte Bio-Produkte dürften kein Nachhaltigkeits-Feigenblatt sein, um Kunden mit etwas höheren Bons in konventionelle Märkte zu locken. Dann griffen früher oder später die gleichen Mechanismen des Preiswettbewerbs und die Zeche zahlten die Landwirte.

SuperBioMarkt bezieht sein Fleisch von etwa hundert regionalen Betrieben, die in der Genossenschaft Biofleisch NRW ­organisiert sind. Viele der Bauern kennt Radau persönlich, seine Mitarbeiter schickt er auf die Höfe. Der Skandal um die Häufung von Coronafällen in der Fleischindustrie ist Wasser auf die Mühlen der Bio-Branche. Radau verkauft so viel Fleisch wie nie, die Rechnung geht auf: Vertrauen zahlt sich aus.

Michael Radau, geboren 1960 in Münster, gehört zu den Pionieren der Bio-Branche in Deutschland. Nach dem Abitur und einem USA-Aufenthalt arbeitet er ab 1983 im Bioladen Kornblume in Münster, den er 1985 übernimmt. Im Jahr darauf eröffnet Radau eine Filiale. 1992 fusioniert der Manager sein Unternehmen mit dem lokalen Wettbewerber Biogarten und leitet vier Läden. Ein Jahr später eröffnet er den ersten SuperBioMarkt und entwickelt ein Filial­konzept. Radau ist Vorstands­vorsitzender des Unternehmens, das 2001 in die SuperBioMarkt AG umfirmiert wurde. Er engagiert sich seit rund 20 Jahren ehrenamtlich für den Handelsverband Deutschland (HDE): seit 2013 als Präsident des Handelsverbands Nordrhein-Westfalen und seit 2014 als Vizepräsident des HDE.

Das Unternehmen

Die SuperBioMarkt AG mit Sitz in Münster betreibt 25 Märkte, davon 21 in Nordrhein-Westfalen und vier in Niedersachsen. Mehrheitsaktionär der nicht börsennotierten Aktiengesellschaft ist Gründer und Vorstandsvorsitzender Michael Radau. 38 Prozent der Anteile hält die Schweizer Bio Development AG. SuperBioMarkt, mit Gründung im Jahr 1993 einer der ersten Bio-Supermärkte in Deutschland und der erste in Nordrhein-Westfalen, beschäftigt rund 600 Mitarbeiter. Das Bio-Einzelhandelsunternehmen konnte seine Umsätze in den Jahren von 2011 bis 2018 von 31 Millionen auf 60 Millionen Euro fast verdoppeln und erwirtschaftete 2019 rund 65 Millionen Euro Umsatz. SuperBioMarkt will expandieren und hat sich zum Ziel gesetzt, in diesem Jahr etwa 75 Millionen Euro zu erlösen.

 

Die Branche

Der Marktanteil von Bio-Lebensmitteln in Deutschland lag im Jahr 2019 nach Angabe von Statista bei rund 5,68 Prozent (2018: 5,31 Prozent). Verbraucher in Deutschland gaben im Vorjahr 11,97 Milliarden Euro für Bio-Lebensmittel und -Getränke aus, das entspricht einer Steigerung von knapp zehn Prozent gegenüber 2018 über alle Vertriebswege hinweg. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln verdoppelt. Nach Erhebungen des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft erwirtschaftete der Lebensmitteleinzelhandel mit insgesamt 7,13 Milliarden Euro rund 60 Prozent des gesamten Bio-Umsatzes. Lebensmittelvollsortimenter und Discounter entwickelten sich dabei nahezu gleichauf. Die Bio-Fachhändler steigerten ihren Umsatz im Vorjahr deutlich um 8,4 Prozent auf 3,18 Milliarden Euro (inklusive Non-Food: 3,76 Milliarden Euro) und hielten damit einen Marktanteil von knapp 27 Prozent. Bis auf Brot gaben die Verbraucher für Bio-Lebensmittel über alle Produktgruppen hinweg deutlich mehr aus, so die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI). Während der Einzelhandel insgesamt laut Statista im März 2020 die stärksten Umsatzeinbußen gegenüber einem Vormonat seit Mai 2007 (minus vier Prozent) hinnehmen musste, stieg der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in allen Einkaufsstätten infolge der Corona-Pandemie im ersten Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum deutlich, zeigt eine Auswertung der AMI von Daten aus dem GfK-Haushalts­panel. Im Naturkostfachhandel betrug die Umsatzsteigerung im März 2020 gegenüber März 2019 demnach gut 18 Prozent, im April, nach den Hamsterkäufen, noch bis zu 15 Prozent.

Schlagworte: Coronakrise, Coronavirus, Bio-Markt, Bio-Produkte, Biosupermarkt

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