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Operation Ding Dong

© Christoph Papsch / Flaschenpost

Der Getränkefachhandel ist eine der letzten Branchen, in die der E-Commerce Bewegung bringt. Mit skalierbaren Bringdiensten mischen Start-ups jetzt den Markt auf – und auch eine Brauerei interessiert sich fürs B2C-Geschäft.
Text: Christine Mattauch

Sie heißen „Flaschenpost“, „Durststrecke“ und „Durstexpress“, und ihre Webseiten sind so poppig wie die Namen. „Du so: Getränke? Wir so: Ding Dong!“, wirbt ein Anbieter im Jugendslang. Dabei erscheint das Geschäftsmodell zunächst simpel: ein Haustürservice für Mineralwasser, Limonade und Bier. Statt Kisten zu schleppen, sollen es sich die Kunden bequem machen.

Eigentlich gibt es das längst – viele Getränkemärkte liefern gegen Aufgeld nach Hause. Was die Start-ups unterscheidet: Sie wickeln den Bestellvorgang digital ab, auch die Bezahlung. Sie sprechen eine neue Zielgruppe an: junge Leute statt Senioren. Zudem sind ihre Konzepte von vornherein auf Expansion ausgelegt.

Flotte Flotte: Hinter Durstexpress steht Getränke Hoffmann, eine Tochter der Radeberger Gruppe. Die Lieferung erfolgt binnen zwei Stunden. Anklicken zum Vergrößern. © Durstexpress

Flotte Flotte: Hinter Durstexpress steht Getränke Hoffmann, eine Tochter der Radeberger Gruppe. Die Lieferung erfolgt binnen zwei Stunden. Anklicken zum Vergrößern. © Durstexpress

Es ist eine Revolution in einem Segment, das von Onlinekonkurrenz lange verschont blieb. Die Branche gilt als margenschwach, sie ist fragmentiert, und die Tätigkeit des Kistenschleppens birgt auf den ersten Blick wenig Raum für Innovation. Mit den drei Neulingen jedoch, die – teils innerhalb, teils außerhalb etablierter Strukturen – skalierbare Geschäftsmodelle entwickelt haben, wird aus einem Nischengeschäft ein umkämpfter Markt. Zumal vermehrt auch Internet-Supermärkte Getränkelieferung anbieten und lokale Getränkehändler mit eigenen Onlineshops aufrüsten. „Die Branche ist im Aufbruch. Es wird viel investiert“, sagt Günther Guder, geschäftsführender Vorstand des Bundesverbands des Deutschen Getränkefachgroßhandels.

Kein kurzfristiger Trend
Ausgelöst wurde die Revolution von Flaschenpost, 2016 in Münster gestartet. Gründer Dieter Büchl, der zuvor Druckerpatronen online vertrieben hatte, erreichte in der Studentenstadt binnen Kurzem einen Marktanteil von mehr als 20 Prozent. Ausgestattet mit Risikokapital von 20 Millionen Euro der Investoren Vorwerk, Cherry Ventures und der portugiesischen SFMS, rollt er das Konzept seither in Großstädten aus: Köln, Düsseldorf, Hamburg, Mannheim. Rund 40 Städte soll das Start-up im Visier haben. Andreas Vogel, Vorsitzender des Verbands des Deutschen Getränke-Einzelhandels, glaubt: „Das ist kein Trend, der kurzfristiger Natur sein wird.“

Möglich wurde der Erfolg durch die Kombination von Onlinebestellung, sehr kurzen Lieferfristen, Preisen nur knapp über Supermarktniveau und exklusiven Sonderaktionen. Die kann Flaschenpost bieten, weil das Unternehmen direkt von den Herstellern kauft und unmittelbar ab Lager liefert. Überdies setzt Büchl den Mindestbestellwert sehr niedrig an und verzichtet auf Sondergebühren und Erschwerniszulagen („Treppengeld“), die den Heimservice traditioneller Getränkemärkte aus Kundensicht oft intransparent und teuer machen.

Beim Start-up Flaschenpost müssen (v.l.n.r) Christopher Huesmann, Muhsin Cinar, Niklas Plath und Stephen Weich abliefern. © Jochen Rolfes / Flaschenpost

Beim Start-up Flaschenpost müssen (v.l.n.r) Christopher Huesmann, Muhsin Cinar, Niklas Plath und Stephen Weich abliefern. © Jochen Rolfes / Flaschenpost

Für die mittelständisch geprägte Branche ist das eine Kampfansage. „Flaschenpost mag für sich genommen einen guten Job machen, ist aber destruktiv für die bisherigen Strukturen“, findet Vogel. Das will Durststrecke vermeiden. Das Mitte 2017 gegründete Kölner Start-up, zu dessen Machern der frühere Bitburger-Geschäftsführer Werner Wolf gehört, setzt auf Kooperation. Investoren sind drei Fachgroßhändler: Beckröge aus Bremen, K&K Getränke aus Offenbach und Getränke Pfeifer aus Chemnitz.

Bier auf Knopfdruck: Mit der App von Durststrecke können auch kleinere Händler ihren Bestellservice digitalisieren. Anklicken zum Vergrößern. © Anna Siggelkow / Durststrecke

Bier auf Knopfdruck: Mit der App von Durststrecke können auch kleinere Händler ihren Bestellservice digitalisieren. Anklicken zum Vergrößern. © Anna Siggelkow / Durststrecke

Mitgründer Matthias Steinforth formuliert es so: „Die Händler haben die Infrastruktur, wir setzen uns digital drauf.“ Seit Mitte 2018 können sie ihren Bestellservice mithilfe der Durst-App digitalisieren – interessant vor allem für diejenigen, die noch keinen eigenen Onlineshop betreiben. Liefer- und Preiskonditionen definiert jeder Händler individuell. Ein Investitionsrisiko gibt es nicht, Durststrecke stellt für jedes über die App bestellte Gebinde 15 Cent in Rechnung. Trotzdem machten zum Jahreswechsel erst 30 Händler mit. „Die Branche ist konservativ“, sagt Verbandschef Vogel.

Zentrale Plattform
Die App ist aber nur der erste Schritt. Ein weiteres Angebot – und damit greift Durststrecke Flaschenpost direkt an – soll Anfang 2019 in mehreren Großstädten an den Start gehen: eine zentrale Plattform von Großhändlern, die alle Prozesse digitalisiert, von Bestellung über Tourenplanung bis zu Bezahlung und Pfandverrechnung. Mit diesem Modell, argumentiert Steinforth, könnten die Händler zudem geschlossen gegenüber den Brauereien auftreten und bessere Konditionen aushandeln. Die dürften über diese Aussicht wenig erfreut sein.

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Vielmehr werfen einzelne Hersteller selbst ein Auge aufs B2C-Geschäft. Hinter dem dritten Neuling, Durstexpress, steht Getränke Hoffmann – eine Tochter der Radeberger Gruppe. Niels Lorenz, Sprecher der Geschäftsführung von Radeberger, sieht Durstexpress als „ideales Fundament im wachsenden Onlinebestell- und Express-Liefergeschäft, das uns den Zugang zu unseren Konsumenten sichern wird“. Gestartet in Berlin, ist Durstexpress bereits nach Leipzig expandiert.

Es gibt noch andere Initiativen, die aufhorchen lassen. Seit Januar wird die Deutsche Getränke Logistik aufgebaut, ein Gemeinschaftsunternehmen, in dem die Brauereien Radeberger und Veltins ihre Voll- und Leergutlogistik bündeln. Das Ziel, so Radeberger-Chef Lorenz: „Alle Leistungen aus einer Hand – entlang einer weiter digitalisierten, smarten Supply Chain.“ Und bereits im September startete Kollex, eine digitale Plattform, die Getränkefachgroßhändler und Gastronomen verbinden will. Initiatoren sind Coca Cola, Krombacher und Bitburger. Wohin die Suche nach Allianzen führen wird, ist selbst für einen Brancheninsider wie Guder schwer zu beurteilen. „Im Moment bewegt sich unheimlich viel.“

Die gute Nachricht für traditionelle Getränkehändler: Online-Supermärkte zeigen bisher wenig Neigung, ihnen Marktanteile streitig zu machen. Edekas Bringmeister etwa rechnet alkoholfreie Getränke und Bier auf den Mindestbestellwert von 40 Euro gar nicht erst an und liefert maximal sechs Kisten. Aggressive Kundenwerbung sieht anders aus.

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