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© Thyssenkrupp Elevator AG

Obwohl mittlerweile 125 Jahre alt, stehen Fahrtreppen bis heute für Urbanität und Fortschritt. Die meisten finden sich nach wie vor in Warenhäusern. Eine Hommage.
Text: Christine Mattauch

Der Popsänger Achim Reichel sang ihr schon 1991 eine Hymne. In dem Schlager „Auf der Rolltreppe“ schweben ein Mann und eine Frau im Kaufhaus aneinander vorbei, „du nach unten, ich nach oben“. Es funkt zwischen den beiden und er will die Richtung wechseln, vergebens: „Es gibt kein Zurück“ – auf der Rolltreppe und auch sonst im Leben.

Das Thyssenkrupp-Modell aus dem Jahre 1903 galt als ingenieurwissenschaftliches Wunderwerk. Anklicken zum Vergrößern. © Thyssenkrupp Elevator AG

Das Thyssenkrupp-Modell aus dem Jahre 1903 galt als ingenieurwissenschaftliches Wunderwerk. Anklicken zum Vergrößern. © Thyssenkrupp Elevator AG

Ob aus dem Flirt vielleicht doch noch etwas wurde, bleibt offen. Sicher ist dagegen die enge Beziehung zwischen Rolltreppe und Einzelhandel. Ohne das Endlosband, mit dem Kunden komfortabel zwischen Etagen hin- und herwechseln können, gäbe es das Kaufhaus moderner Prägung wohl nicht. In diesem Jahr feiert die Rolltreppe, die korrekt Fahrtreppe heißt, ihr 125-jähriges Jubiläum.

Die erste Rolltreppe Deutschlands sorgte kurz vor 1900 im Leipziger Kaufhaus Polich für Aufsehen. Anklicken zum Vergrößern. © Stadtgeschichtliches Museum Leipzig/August Polich

Die erste Rolltreppe Deutschlands sorgte kurz vor 1900 im Leipziger Kaufhaus Polich für Aufsehen. Anklicken zum Vergrößern. © Stadtgeschichtliches Museum Leipzig/August Polich

Trotz ihres eindrucksvollen Alters ist sie bis heute ein Symbol für Urbanität und Fortschritt: Wenn in einer Provinzstadt wie dem bayerischen Gilching der Discounter Lidl die erste Fahrtreppe des Ortes einrichtet, berichtet die Lokalzeitung. Tatsächlich hat sich technisch viel getan, auch wenn das Grundprinzip der bewegten Treppen weitgehend unverändert blieb. Antrieb, Design und Sicherheit haben sich ebenso verbessert wie die Energiebilanz – einige Modelle erzeugen im Abwärtsbetrieb sogar Strom. Das Angebot hat sich diversifiziert: Neben dem in Serie gefertigten Standardmodell für ein paar Zehntausend Euro gibt es gewagte frei schwebende Konstruktionen und mobile Rolltreppen für Superreiche zum Ausstieg aus dem Privatflugzeug, gekühlter Handlauf inklusive.

Kunst der Treppe: Seit 2006 führt auf Zeche Zollverein in Essen eine illuminierte Roll­­treppe ins Ruhr-Museum, das Gedächtnis der Metropole Ruhr. Anklicken zum Vergrößern. © Thyssenkrupp Elevator AG

Kunst der Treppe: Seit 2006 führt auf Zeche Zollverein in Essen eine illuminierte Roll­­treppe ins Ruhr-Museum, das Gedächtnis der Metropole Ruhr. Anklicken zum Vergrößern. © Thyssenkrupp Elevator AG

Es war Jesse Wilford Reno, ein amerikanischer Ingenieur, der die Fahrtreppe erfand, weil er in der New Yorker U-Bahn mehrere Bahnsteige miteinander verbinden wollte. Am 16. Januar 1893 transportierte sein Schrägaufzug – ein Laufband mit einem Neigungswinkel von 25 Grad – in der Station Cortlandt Street erstmals Passagiere. Die Sensation zog innerhalb von nur zwei Wochen rund 75 000 Schaulustige an. Es dauerte nicht lange, bis Rolltreppen im öffentlichen Nahverkehr unverzichtbar wurden, weil sie in kurzer Zeit viel mehr Menschen transportieren als Aufzüge.

Gewöhnungsbedürftige Innovation
Im Einzelhandel läuteten sie ebenfalls eine neue Ära ein. Sie erlaubten es, Kunden auf mehreren Etagen Waren zu präsentieren, ohne sie der Unbequemlichkeit des Treppensteigens auszusetzen. Das Warenhaus sei bis heute der größte Einsatzbereich, sagt Harald Goessl, als Senior Vice President Escalator Operations der Chefexperte für Fahrtreppen bei Thyssenkrupp Elevator: „Vier Fünftel unserer Fahrtreppen sind Kaufhaustreppen.“ Auch der Siegeszug des E-Commerce scheint daran vorerst nichts zu ändern.

Modell von Rem Koolhaas für die neuen Fahrtreppen im Berliner KaDeWe. Anklicken zum Vergrößern. © OMA

Modell von Rem Koolhaas für die neuen Fahrtreppen im Berliner KaDeWe. Anklicken zum Vergrößern. © OMA

Insgesamt gibt es hierzulande rund 36.000 Fahrtreppen, die sich mit durchschnittlich einem halben Meter pro Sekunde bewegen. Produziert werden sie meist im Ausland – Thyssenkrupp ist der einzige Hersteller, der Fahrtreppen noch heute in Deutschland produziert, in einem Werk in Hamburg. Zwischen vier und sechs Tonnen wiegt eine Kaufhaustreppe. Fahrtreppen im öffentlichen Raum sind doppelt so schwer, weil sie stärker beansprucht werden. Was auch der Grund dafür ist, weshalb Verkehrsfahrtreppen, trotz kürzerer Wartungsintervalle, häufiger kaputt sind.

2020 sollen Kunden des Berliner Kaufhauses auf den holzverschalten Treppen in die Höhe gleiten. Anklicken zum Vergrößern. © Frans Parthesius

2020 sollen Kunden des Berliner Kaufhauses auf den holzverschalten Treppen in die Höhe gleiten. Anklicken zum Vergrößern. © Frans Parthesius

Die erste deutsche Rolltreppe installierte 1899 der Leipziger Kaufmann August Polich, als er für sein Modehaus einen fünfstöckigen Neubau errichten ließ und mit modernster Technik ausstattete. Das Beispiel machte Schule, obwohl die Innovation für Zeitgenossen durchaus gewöhnungsbedürftig war – im Londoner Kaufhaus Harrods wurde Kundinnen nach erfolgreich absolvierter Fahrt Riechsalz verabreicht. Herren erhielten Brandy. Alsbald wurde die neue Technik auch zur bewussten Führung der Käufer eingesetzt: Als 1929 der neue Karstadt am Berliner Hermannplatz eröffnete, gab es dort neben einer Badeanstalt, einem Karussell und Turngeräten auch 24 Rolltreppen, die alle aufwärtsfuhren. Erst eine Stunde vor Ladenschluss wurde die Laufrichtung umgedreht.

Begehbare Skulpturen
Heute ist die Planung von Laufwegen eine hohe Kunst und einer der Gründe dafür, weshalb Kaufhaus-Fahrtreppen meist Unikate sind, deren Standorte sorgfältig ausgewählt werden. Die Besucher sollen ohne langes Warten transportiert, dabei aber durchaus zum Kaufen verführt werden. Das lässt sich etwa durch Zwischenwege bei der Fahrt nach oben erreichen oder durch die Kombination von Expressfahrtreppe und etappenweiser Fahrt nach unten, wie im Einkaufszentrum MyZeil in Frankfurt am Main, wo es vom Erdgeschoss zunächst direkt ins vierte Obergeschoss geht. Seitenwände eignen sich als Schaufenster, Auf- und Abgänge zur Platzierung von Mitnahmeware.

Futuristisches Fahrtreppenensemble im Einkaufszentrum MyZeil in Frankfurt/Main. Anklicken zum Vergrößern. © Thyssenkrupp Elevators

Futuristisches Fahrtreppenensemble im Einkaufszentrum MyZeil in Frankfurt/Main. Anklicken zum Vergrößern. © Thyssenkrupp Elevators

Im Luxusbereich steigen die Ansprüche ans Design. „Dort steht die Ästhetik im Vordergrund, die Treppe muss sich einfügen“, erklärt Experte Goessl. Es geht um den stimmigen Gesamtauftritt – ob messingverkleidet und in Anlehnung an den Jugendstil wie bei Harrods oder futuristisch im neuen Berliner KaDeWe: Dort unterteilt das Rotterdamer Planungsbüro OMA mit Stararchitekt Rem Koolhaas das Gebäude in vier Quadranten und setzt in deren Mitte Roll­treppen, spektakulär gestaltet als begehbare Skulpturen. Längst ist auch Licht ein Thema: Effektvoll beleuchtete Sockel und Balustraden dienen als Attraktion und Hingucker, um Ware angemessen in Szene zu setzen. „Die Lichtfarbe kann heute frei definiert werden, bis hin zum Regenbogen“, sagt Goessl.

Als längste Rolltreppen der Welt übrigens gelten, mit jeweils 137 Metern, die vier in der Metrostation Admiralteiskaja im russischen St. Petersburg. Die nach Meinung vieler Fans schönsten Fahrtreppen allerdings finden sich im New Yorker Flagship Store der US-Kaufhauskette Macy’s am Herald Square. Sie stammen aus den 1920er-Jahren und sind größtenteils aus Holz – Eiche und Esche. Als vor wenigen Jahren eine groß angelegte, 400 Millionen Dollar teure Renovierung des Kaufhauses anstand, erkundigte sich die New York Times sogleich, ob die Holzrolltreppen überleben würden. Die beruhigende Antwort: „Sie sind Kult.“ Und wurden lediglich behutsam aufgefrischt. Manchmal gibt es im Leben eben doch ein Zurück.

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