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Dauerhaft temporär

© Getty Images / Achim Thomae

Als Stadt der Moderne mit Mut zum Experiment gleicht Rotterdam einem Labor der Baukultur: Ob kleinteilige, kreative Stadtraumentwicklungen oder komplette Neugestaltungen großer Areale – die niederländische Hafenstadt eröffnete den Delegationsreisenden des Handelsdialogs Baukultur mannigfaltige Entdeckungsräume.
Text: Mirko Hackmann

Nach den Zerstörungen durch deutsche Bomben im Zweiten Weltkrieg prägt der autogerechte Städtebau mit seiner Entflechtung von Handel, Arbeiten und Wohnen die weltoffene Hafenstadt. Doch als der Hafenbetrieb sich mehr und mehr zur Nordsee verlagert und zugleich immer weniger Menschen Arbeit bietet, liegen weite Teile der Stadt brach. „Im Jahr 2000 entschied sich die Gemeinde, einzuschreiten, mit dem Ziel, der Stadt ihr Herz zurückzugeben“, erklärt Stadtplaner Mattijs van Ruijven. Seither investiert Rotterdam viel Geld. „Die Stadt hat deutlich an Attraktivität gewonnen, sie zieht junge, gut ausgebildete Menschen an und Investoren, die Arbeitsplätze schaffen“, sagt van Ruijven. Wie dies im Detail gelang, davon konnten sich die Delegationsreisenden anhand der vier Beispiele auf den Folgeseiten ein Bild machen.

Belebender Einkaufsbogen
Zu einem Publikumsmagneten hat sich die 2014 fertiggestellte Markthal (Markthalle) des ortsansässigen Architektur­büros MVRDV im historischen Zentrum entwickelt. Acht Millionen Menschen pro Jahr besuchen laut Architekt Jan Knikker das als „de Koopboog“ („der Einkaufsbogen“) bekannte Gebäude. Rund 100 Marktstände, teils mit Restaurants auf dem Dach, finden im 5.500 Quadratmeter großen Erdgeschoss Platz. Über der 120 Meter langen und 70 Meter breiten Grundfläche spannt sich ein am Scheitelpunkt 40 Meter hoher Stahlbetonbogen, dessen erste beiden Geschosse Geschäften und Lokalen Raum bieten. In den zehn Etagen darüber sind rund 230 Wohnungen angesiedelt. Die kompakte Nutzungsmischung – Handel, Freizeit, Wohnen und Arbeit – funktioniert für alle Beteiligten.

„Bei einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 45 Minuten beträgt der Geschäftsumsatz 63 Millionen Euro, wovon rund 50 Prozent allein auf den Markt entfallen“, sagt Knikker. Vor dem Bau der Markthalle war das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Areal mit seiner unwirtlichen Pflasterung ein sozialer Brennpunkt. „Seither hat sich die Aufenthaltsqualität deutlich verbessert, wovon auch der traditionelle Wochenmarkt auf dem Vorplatz profitiert“, erklärt der Architekt.

Neues Wahrzeichen: Dank der Markthalle hat sich die Aufenthaltsqualität in der Umgebung verbessert. Aus einem sozialen Brennpunkt im Stadtzentrum erwuchs ein lebendiges Areal. Anklicken zum Vergrößern. © Chanachai Panichpattanakij / pidjoe

Neues Wahrzeichen: Dank der Markthalle hat sich die Aufenthaltsqualität in der Umgebung verbessert. Aus einem sozialen Brennpunkt im Stadtzentrum erwuchs ein lebendiges Areal. Anklicken zum Vergrößern. © Chanachai Panichpattanakij / pidjoe

 

Ein blinder Fleck erblüht
Einen anderen Ansatz verfolgt das Architekturbüro ZUS am Hofplein. Obwohl gleich hinter dem im Jahr 2014 vom Architektenbüro Benthem Crouwel neu gestalteten Hauptbahnhof gelegen, gilt das Areal mit verwahrlosten Freiflächen und leer stehenden Hochhäusern als blinder Fleck im Herzen Rotterdams. „Noch vor wenigen Jahren plante die Stadt den Abriss“, berichtet ZUS-Chef Kristian Koreman. Weil Investoren ausblieben, bekam eine Initiative ansässiger Kreativunternehmen die Chance, die Stadtbrache frei zu nutzen. Ihr Herz ist das ausgemusterte Bürogebäude Schieblock, in dem zahlreiche Start-ups günstige Räume gemietet haben. Im Erdgeschoss befindet sich das lokale Kunst- und Designkaufhaus Groos, ganz oben das Restaurant Op het dak (Auf dem Dach), dessen Dachgarten einem Acker gleicht, auf dem Kräuter und Zutaten für die Gastronomen aus dem Viertel sprießen.

Auch die Belebung der Umgebung folgt dem Graswurzelprinzip. Sie vollzieht sich entlang der Luchtsingel (Luftgracht) genannten Holzbrücke, die sich in drei Richtungen verzweigt: zum Schieblock, zum stillgelegten Bahnhof Hofplein, in dessen Bögen Designläden und Cafés residieren, sowie zum Bahnhof Rotterdam Centraal mit jährlich 29 Millionen Reisenden. „Die Brücke haben wir mittels Crowdfunding finanziert“, erzählt Architekt Koreman. Einen Masterplan für das Vorhaben gibt es nicht. „Mittels temporäre Projekte erzeugen wir permanenten Wandel.“

Stadtverbindung: Die mittels Crowdfunding finanzierte Brücke Luchtsingel verknüpft den bisherigen Blind Spot Hofplein mit der Umgebung. Davon profitiert auch das Designkaufhaus Groos. Anklicken zum Vergrößern. © Mauritius/Alamy/Sjoerd van der Huch

Stadtverbindung: Die mittels Crowdfunding finanzierte Brücke Luchtsingel verknüpft den bisherigen Blind Spot Hofplein mit der Umgebung. Davon profitiert auch das Designkaufhaus Groos. Anklicken zum Vergrößern. © Mauritius/Alamy/Sjoerd van der Huch

 

Kap der guten Hoffnung
Bis in die 1980er-Jahre war Katendrecht ein Hafenarbeiterviertel mit lebendigem Nachtleben. Doch mit dem Aufkommen der Automatisierung und der Containerwirtschaft ging es mit der zwischen Maashafen im Süden sowie Rheinhafen und Neuer Maas im Norden gelegenen Halbinsel bergab. Arbeitslosigkeit, Drogenhandel und organisierte Banden­kriminalität nahmen überhand. „Katendrecht galt als rechtsfreier Raum und wurde darum zur No-go-Area“, erinnert sich der Rotterdamer Stadtplaner Maurice Boumans. Der Masterplan De Kaap sieht jetzt vor, den abgehängten Stadtteil durch Sanierung und Neubau in eine attraktive Nachbarschaft für junge Kreative zu verwandeln. Dafür hat Boumans zusammen mit seinem Kollegen Sander Geenen einen flexiblen Bebauungsplan aufgelegt, der auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Ideen der Akteure reagieren kann.

Auch die Kommune selbst ist dabei. „In weiten Teilen des Viertels befinden sich die Untergeschosse in Besitz der Gemeinde, die sie zu günstigen Preisen an Existenzgründer vermietet”, erklärt Geenen. So haben auch kleine, weniger finanzstarke Betriebe eine Chance. Denn sie sollen für die Mischung aus Handel, Gastronomie, kleinen Büros und Manufakturen sorgen. So vereint beispielsweise das ehemalige Lagerhaus Fenix Fitnessstudio, Zirkusschule, Fahrradladen, Galerie und Food Factory unter einem Dach. Noch im Umbau befindet sich das nahe gelegene frühere Kaffeedepot Santos; dort richtet Stilwerk auf 8 000 Quadratmetern 20 Designstores ein.

Phönix aus der Asche: Das frühere Rotlichtviertel Katendrecht ist heute sehr beliebt. Junge Leute schätzen Food Factory, Fine-Arts-Store van Oosterom sowie das Ein-Tisch-Restaurant Posse. Anklicken zum Vergrößern. © Shutterstock/Iris van den Broek

Phönix aus der Asche: Das frühere Rotlichtviertel Katendrecht ist heute sehr beliebt. Junge Leute schätzen Food Factory, Fine-Arts-Store van Oosterom sowie das Ein-Tisch-Restaurant Posse. Anklicken zum Vergrößern. © Shutterstock/Iris van den Broek

 

Schöne neue Welt
An Kundschaft wird es Stilwerk nicht mangeln: Gleich auf der anderen Seite des Rheinhafens liegt Kop van Zuid, ein neuer, 120 Hektar großer Stadtteil, der über die eigens errichtete Erasmusbrücke mit dem Stadtzentrum verbunden ist. Über die wesentlich kleinere Rheinhafenbrücke ist es nur ein Katzensprung von Kartendrecht zum dort gelegenen Wilhelminapier, dessen Masterplan Norman Foster entworfen hat. In den von Architekten wie Bolles+Wilson, Norman Foster, Rem Koolhaas und Renzo Piano entworfenen Gebäuden lebt und arbeitet eine kaufkräftige Bewohnerschaft, die die neuen Angebote im benachbarten De Kaap schätzen dürfte.

Architekturmeile: Nach dem Masterplan von Norman Foster entstand auf Kop van Zuid der Wilhelminapier, auf dem sich zahlreiche Größen der internationalen Architektur verewigt haben. Anklicken zum Vergrößern. © Getty Images / Horst Gerlach

Architekturmeile: Nach dem Masterplan von Norman Foster entstand auf Kop van Zuid der Wilhelminapier, auf dem sich zahlreiche Größen der internationalen Architektur verewigt haben. Anklicken zum Vergrößern. © Getty Images / Horst Gerlach

 

Handelsdialog Baukultur – die Reise
Nach einem ersten erkenntnisreichen Ausflug ins österreichische Innsbruck setzten der Handels­verband Deutschland, der Deutsche Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung und die Bundesstiftung Baukultur das Format „Handelsdialog Baukultur – die Reise“ im Jahr 2018 fort. Rund 50 verantwortliche Akteure aus Handel, Politik und Verwaltung sowie Stadtplaner, Architekten, Projektentwickler und Vertreter der Immobilienwirtschaft informierten sich im niederländischen Rotterdam über Entwicklungen in der Baukultur des Handels.

„Die drei Veranstalter vermochten ein hoch­karätiges Netzwerk von Entscheidern der
unterschiedlichen Berufsgruppen für die Reise zu gewinnen“, resümiert der HDE-Bereichsleiter für Standort- und Verkehrspolitik, Michael Reink. Für das Jahr 2020 ist eine Fortsetzung des Formats geplant. „Die Stadt ist ein analoges Netzwerk im digitalen Zeitalter. Für uns ist es eminent wichtig, zu erfahren, welche Erwartungen künftige Generationen an den urbanen Handel haben“, erklärt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth die Intention der Delegationsreisen.

Weitere Informationen finden Sie hier: handelsdialog-baukultur.de

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