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„Wir brauchen ein Gesamtpaket“

© National Geographic / Getty Images

Mit ihren Plänen zur Reduzierung von Einwegplastikabfällen hat die EU den Nerv vieler Verbraucher getroffen. Der HDE-Geschäftsführer Kommunikation und Nachhaltigkeit, Kai Falk, erklärt, warum er das Vorhaben der Kommission für wenig effektiv hält. Interview: Mirko Hackmann

„Wenn wir nicht die Art und Weise ändern, wie wir Kunststoffe herstellen und verwenden, wird 2050 in unseren Ozeanen mehr Plastik schwimmen als Fische“, mahnte der Erste Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, bei der Vorstellung des EU-Richtlinienentwurfs zum Einwegplastik. Teilen Sie diese Sorge?
Der Appell ist keineswegs übertrieben. Dass der Kunststoffverbrauch massiv ansteigt, lässt sich weltweit beobachten. Immer mehr Menschen erlangen Anschluss an die Konsumgewohnheiten der westlichen Welt. So schön das für den Einzelnen ist, so verheerend sind die Folgen für die Umwelt. Denn in vielen Ländern der Welt wird der Müll einfach ins Meer gekippt. Das Problem auf den Konsum von Kunststoff zu verkürzen, ist folglich nicht zielführend.

Kai Falk, HDE-Geschäftsführer Kommunikation und Nachhaltigkeit. Anklicken zum Vergrößern. © Die Hoffotografen

Kai Falk, HDE-Geschäftsführer Kommunikation und Nachhaltigkeit. Anklicken zum Vergrößern. © Die Hoffotografen

Der Brüsseler Entwurf sieht vor, die Nutzung von Plastik-Einwegprodukten, wie Wattestäbchen, Luftballonstangen, Strohhalmen, Cocktailrührstäben und Plastikgeschirr, europaweit zu verbieten. Aus Ihrer Sicht ist das also keine sinnvolle Maßnahme?
Wir brauchen ein schlüssiges Gesamtkonzept. Ein Ziel muss natürlich sein, den Ressourcenverbrauch einzudämmen. Um dies zu erreichen, ist es sinnvoll, Alternativen zu Kunststoffprodukten durchzusetzen – so es sie denn gibt. Bei Verpackungen im medizinischen Bereich oder bei Lebensmitteln gestaltet sich das nicht so einfach. Wichtig ist es, Recyclingsysteme weiterzuentwickeln und den Markt für Recyclingkunststoff weiter auszubauen.

700 Kilogramm Plastik landen weltweit in jeder Sekunde in der Meeresumwelt; insgesamt sollen aktuell rund 142 Millionen Tonnen in den Weltmeeren treiben. Doch von den acht Millionen Tonnen Plastikteilen, die pro Jahr neu in den Ozeanen landen, stammt nur ein Bruchteil aus Europa.

Rewe und seine Töchter Penny und Toom sowie die Schwarz Gruppe haben schon damit begonnen, einige der genannten Produkte auszulisten. Der Entwurf scheint bereits zu wirken, bevor er Gesetz wird …
Natürlich haben Strohhalme und Einweggeschirr auch eine gewisse Symbolik. Und zu ihnen gibt es ja bereits Alternativen, wie Mehrweggeschirr oder Strohhalme aus Papier, Weizengras oder Edelstahl. Gleichwohl sollte man realistisch bleiben, was den tatsächlichen Effekt solcher Maßnahmen auf die Umwelt anbelangt: Am Ende werden die Weltmeere dadurch nicht sauber. Deswegen sage ich: Die Strategie der EU allein wird keine Lösung liefern für das Problem der Meeresverschmutzung, das Herr Timmermans zu Recht aufgezeigt hat.

Zeitgleich mit dem Verbot will die EU auch eine erweiterte Herstellerverantwortung für Einwegplastik einführen, wie sie bislang nur für Verpackungen gilt. Sollen Produzenten über den Verkauf hinaus für ihre Produkte verantwortlich sein?
Definitiv ja. Genau aus diesem Grund haben wir bereits im Zuge der Diskussion um das deutsche Verpackungsgesetz die Bundesregierung gedrängt, die Gelbe Tonne, die ja bisher allein der Entsorgung von Verpackungen dient, durch eine Wertstofftonne zu ersetzen. Auf dieser Basis könnte man das gesamte Entsorgungs- und Recyclingsystem viel effizienter betreiben, schlicht, weil viel mehr Kunststoff erfasst und recycelt würde. Das würde auch den Markt für Recyclingkunststoffe beflügeln. Wir befürworten daher nach wie vor die erweiterte Produktverantwortung, die über die Verpackung hinausreicht, also alle Kunststoffprodukte umfasst. Allerdings gehört aus unserer Sicht zu einer Herstellerverantwortung nicht, dass Hersteller zum Beispiel für Kosten von Säuberungsaktionen an Stränden aufkommen müssen, wie es der Richtlinienentwurf vorsieht.

26 Millionen Tonnen Plastikmüll entstehen nach Angaben der EU-Kommission jedes Jahr allein in der Europäischen Union. Nur 30 Prozent werden zur Wiederverwertung gesammelt, der Rest landet auf Müllkippen, in Verbrennungs­anlagen oder in der Umwelt. Die Recyclingzahlen in Deutschland sind aber weitaus höher.

Zunächst tritt aber zum Januar das angesprochene deutsche Verpackungsgesetz in Kraft (siehe Informationen dazu unten). Wird es in seiner aktuellen Form Bestand haben können, wenn die EU Hersteller verpflichtet, über Verpackungen hinaus für alle Kunststoffartikel Produktverantwortung zu übernehmen?

Das Verpackungsgesetz gilt, wie der Name schon sagt, zunächst einmal nur für Verpackungen. Damit, aber auch mit dem Pfandsystem für Einweg- und Mehrweggetränkeverpackungen, verfügen wir in Deutschland bereits über im Markt etablierte Lösungen. Handel und Industrie haben in diese Systeme viel Geld investiert, daher erwarten wir, dass die Europäische Union solche Systeme in den einzelnen Mitgliedsstaaten anerkennt und akzeptiert.

Die von Ihnen erwähnten Einweggetränkeverpackungen aus Plastik sind ebenfalls in den Fokus der EU gerückt: Bis 2025 sollen die Mitgliedsstaaten dazu verpflichtet werden, 90 Prozent des Aufkommens zu sammeln und wiederzuverwerten. Was bedeutet dies für das deutsche Entsorgungssystem?
Das genannte Ziel zeugt von einem sehr hohen Anspruch. Im deutschen Pfandsystem für Einweg- und Mehrweggetränkeverpackungen haben wir bereits heute sehr hohe Rücknahmequoten für diese Verpackungen. Das deutsche Verpackungsgesetz sieht zusätzlich vor, dass wir für Kunststoffverpackungen bis 2022 eine Recyclingquote von 63 Prozent erreichen müssen. Um dahin zu kommen, müssen Handel und Industrie, aber auch die Entsorger, noch einige Hausaufgaben erledigen. Ideen für ein verbessertes Ökodesign sind gefragt, aber auch technische Lösungen, die qualitativ hochwertigere Recyclingkunststoffe hervorbringen. Um dies zu erreichen, werden sich Hersteller, Entsorger, Recycler und auch Kommunen zusammensetzen müssen.

Noch langfristiger, nämlich bis 2030, zielt Brüssel darauf ab, alles anfallende Plastik zu recyceln, das heißt, alle Kunststoffe müssen wiederverwertbar sein. Das geht aber nur, wenn sich bezahlbare Technologien für eine sortenreine Sammlung etablieren. Wer soll dafür aufkommen?
Es ist auf alle Fälle im Interesse der Wirtschaft, die Recyclingprozesse weiterzuentwickeln, sodass möglichst viel Kunststoff wiederverwendet werden kann. Dazu bedarf es verschiedener Schritte. So werden nach dem Verpackungsgesetz Kunststoffverpackungen, die gut recycelt werden können, für die Unternehmen günstiger. Die Entsorger müssten darüber hinaus entsprechende Anlagen anschaffen, aber daran hapert es im Moment noch. Bislang existiert in Europa noch kein Markt, der groß genug wäre, dass sich diese Investitionen lohnen. Bislang wurden deshalb viele Kunststoffabfälle nach Asien verschifft, doch diese Märkte sind zunehmend verschlossen. Insofern muss Europa Interesse daran haben, einen Recyclingbinnenmarkt zu etablieren.

In diesem Zusammenhang diskutiert Brüssel über eine Plastiksteuer. Was halten Sie davon?
Ich bin der Auffassung, dass es andere Wege geben kann und geben muss. Wir sehen am Beispiel der symbolträchtigen Kunststofftragetasche, dass auch freiwillige Lösungen sehr erfolgreich funktionieren. Wir verzeichnen eine drastische Reduzierung des Verbrauchs; das kann Vorbild für andere Bereiche sein. Steuern und Abgaben sind kein Allheilmittel, freiwillige Lösungen wirken mitunter effizienter. Die Erfolge des deutschen Recyclings sollten in anderen Ländern Schule machen.

37 Kilogramm Verpackungsmüll aus Plastik fallen pro Kopf und Jahr in Deutschland an. Nur rund die Hälfte davon wird in der Gelben Tonne gesammelt. Weil es viele unterschiedliche Kunststoffe gibt, von denen einige bislang nicht automatisiert zu unterscheiden sind, kann nur ein geringer Teil als neuer Rohstoff wiederaufbereitet werden.

Kritiker des Richtlinienentwurfs verorten die Urheber der Meeresverschmutzung vor allem außerhalb Europas und werfen der Kommission daher Aktionismus vor. Zu Recht?
Ich sehe hier in der Tat viel Aktionismus. Denn wie gesagt: Die Nichtexistenz von Abfall- und Recyclingwirtschaft in vielen Ländern ist angesichts des aufstrebenden Konsums ein Riesenproblem. Und betrachtet man, welche Einträge welchen Beitrag zur Verschmutzung leisten, entfällt das Gros allein auf Fischfangnetze.

Auch bei den Fischfanggeräten sollen laut Richtlinienentwurf künftig die Hersteller – zumindest in Europa – die Kosten für das Einsammeln, den Transport und die Behandlung der Abfälle tragen …
Die größten Verursacher der Meeresverschmutzung sind in Asien und Afrika zu finden. Darum ergibt es wenig Sinn, mit Einzelmaßnahmen, wie sie die EU vorsieht, nach vorn zu gehen. Es braucht ein Gesamtpaket. Viel wichtiger wäre es, auch in Europa zu schauen, wie es um die Entsorgung und die Abfallwirtschaftssysteme in den einzelnen Ländern bestellt ist. Wird ins Meer entsorgt? Lässt sich die Recyclingwirtschaft ankurbeln? Wo machen Pfandsysteme Sinn, wo nicht? Das sind weitaus vielversprechendere Ansätze, als Verbote auszusprechen.

Der Richtlinienentwurf der EU-Kommission zur Reduzierung von Einwegplastik steht hier als PDF zum Download. 

 

Verpackungsregister: Neue Pflichten für Händler

Ab 2019 sind Meldungen an das „Duale System“ im neuen Verpackungsregister mit dem Namen LUCID öffentlich einsehbar. Sämtliche Unternehmen, die Verkaufsverpackungen, Umverpackungen, Versandverpackungen (samt Füllmaterial) und Serviceverpackungen in Verkehr bringen, die typischerweise beim privaten Endverbraucher im Abfall landen, müssen sich an dem System beteiligen und sich vorher bei der Zentralen Stelle für LUCID registrieren lassen.

Neu ist, dass auch „Erstinverkehrbringer“, zumeist Hersteller, die Marken registrieren lassen müssen, die sie vertreiben. So sollen Transparenz und eine gerechtere Verteilung der Entsorgungskosten im Markt etabliert werden. Sind Verpackungen nicht gemeldet, dürfen Händler die Waren nicht verkaufen.

Das sollten Händler beachten:
• Ein Compliance-System implementieren, über das gesichert ist, dass ab 1. Januar 2019 keine Waren verkauft werden, die einem Vertriebsverbot unterliegen. Es drohen Bußgelder von bis zu 200.000 Euro pro Fall. Kontrolle ist über einen automatisierten Datenabgleich mit der Zentralen Stelle möglich.
• Ob bestimmte Verpackungen grundsätzlich systembeteiligungspflichtig sind, können Händler auf der Webseite der Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister einsehen. Im Zweifelsfall stuft die Zentrale Stelle Verpackungen auf Antrag ein.
• Für Händler, die selbst Verpackungen in Verkehr bringen, etwa als Hersteller einer Handelsmarke, als Onlinehändler oder Importeur, gelten die Regelungen für Hersteller/Erstinverkehrbringer.

Das gilt für Hersteller/Erstinverkehrbringer:
• Ab Ende August 2018 bis 1. Januar 2019 bei LUCID registrieren lassen. Alle Meldungen von Daten an die Systeme sind jeweils gleichlautend auch LUCID zu melden. Die Möglichkeit dazu besteht voraussichtlich ab Mitte Oktober.
• Das Gesamtgewicht der Verpackungen und die Materialart sind einmal jährlich zu melden, die tatsächlich verkaufte Menge der Verpackungen spätestens nach Ablauf des Kalenderjahres. Bei Überschreiten einer Bagatellgrenze sind Hersteller bis zum 15. Mai des Folgejahres verpflichtet, darüber eine Vollständigkeitserklärung abzugeben.
• Große Unternehmen sind verpflichtet, diese Erklärung ab 2019 (für die Daten des Vorjahres) nicht mehr bei den IHKs, sondern bei der Zentralen Stelle zu hinterlegen.

Ausführliche Informationen finden Sie unter: verpackungsregister.org

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