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© Share Foods/
Viktor Strasse

Die soziale Lebensmittelmarke Share von Sebastian Stricker verbindet Shoppen und Spenden auf beiläufige Weise. Beim Kauf eines Produkts erhält ein Mensch in Not ein gleichwertiges Hilfsgut nach dem Eins-plus-eins-Prinzip. 5.000 Rewe-Märkte und dm-Filialen machen beherzt mit – doch der Erfolg der guten Sache ist ungewiss. Text: Ralf Kalscheur

Fünf Semester Betriebswirtschaft, dann hat Sebastian Stricker genug. Das Studium interessiert ihn einfach nicht sonderlich. „Ich war der schnellste Student Österreichs“, erzählt der gebürtige Wiener mit unvermeidlichem Schmäh, aber doch nicht ohne den Hinweis, dass die Bestnote auf dem in Rekordzeit erworbenen Abschluss steht. Nach der Promotion in Politik und internationalen Beziehungen arbeitet er als Consultant in einer großen Unternehmensberatung. Er hätte dort Karriere machen und gut verdienen können, statt sich heute mit 13 festen und etlichen freien Mitarbeitern zwei von Intensivnutzung gezeichnete Büroräume in Kreuzberg teilen zu müssen. Doch Teilen gehört zum Konzept von Strickers sozialer Lebensmittelmarke Share Foods. Profit allein interessiert ihn nicht.

Der Großgewachsene will lieber für Aufsehen sorgen und die Welt verändern. 2013 gründet Stricker die App Share The Meal (sharethemeal.org), die bis heute über eine Million Mal heruntergeladen wurde. Die Idee: Am Mittagstisch nimmt der Nutzer nicht nur Messer und Gabel, sondern auch kurz sein Smartphone zur Hand, um per Fingerwisch ein Kind in Afrika zum Essen einzuladen. Die Spende entspricht 40 Cent und belohnt die kleine Aufmerksamkeit am gedeckten Tisch mit viel gutem Gewissen. Ein halbes Dutzend renommierter Preise hat die Wisch-Bewegung gewonnen und Stricker eine Einladung ins Weiße Haus eingebracht. „Täglich werden 20.000 Mahlzeiten über die App gespendet, insgesamt schon 23 Millionen“, erzählt er. Mittlerweile hat der Gründer dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen das Ruder im Sozialunternehmen überlassen. Stricker arbeitete von 2011 bis 2017 in verschiedenen Rollen vor allem in Westafrika für die Organisation und involvierte sie auch bei der Finanzierung seiner App. Der, laut Selbstbeschreibung, „Social Entrepreneur aus Leidenschaft“ suchte eine frische Herausforderung – und übertrug das erfolgreiche Eins-plus-eins-Prinzip auf sein neues Hilfsprojekt.

© Gene Glover

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Dr. Sebastian Stricker, 35, ist gebürtiger Wiener. Er hat Wirtschaft studiert und in Politikwissenschaft promoviert. Nach einer dreijährigen Tätigkeit als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group arbeitet er 2011 als Programm-Manager Malaria bei der Clinton-Stiftung in Afrika. Im Anschluss bekleidet er bis 2017 verschiedene Positionen beim Welternährungs­programm der Vereinten Nationen. 2013 gründet der Österreicher die vielfach ausgezeichnete App ShareTheMeal, 2017 schließlich die soziale Lebensmittelmarke Share Foods. Stricker lebt mit seiner Partnerin in Berlin.

Sozialer Konsum als Geschäftsmodell
„Die Idee für Share Foods habe ich schon lange mit mir rumgetragen“, erzählt Stricker. Seine App scheint die Grenzen des Wachstums erreicht zu haben; mit der Übertragung der bequemen Spendenmöglichkeit auf den Handel aber könnten sich größere Skaleneffekte erzielen lassen, so der Gedanke. Als er bei einem Händlerworkshop in Berlin zum Thema Business Model Innovation spricht, lernt der jovial auftretende Österreicher Manager von Rewe und der Drogeriemarktkette dm kennen. „Der Handel ist dem Thema Nachhaltigkeit gegenüber sehr aufgeschlossen“, sagt Stricker. „Rewe und dm haben erkannt, dass Unternehmen nur erfolgreich sein oder bleiben können, wenn sie soziale Verantwortung übernehmen.“ Er schlägt den Unternehmen eine Partnerschaft vor, die eine originelle Antwort auf die Frage bietet, wie sich sozialer Konsum wirtschaftlich darstellen lässt.

Flüssigseife in drei Duftnoten, Bionussriegel in drei Geschmacksrichtungen und Mineralwasser: Das ist das Startangebot von Share, das für die menschlichen Grundbedürfnisse Hygiene, Essen und Trinken steht. Nach dem Eins-plus-eins-Prinzip erhält für jedes gekaufte Produkt ein Mensch in Not gleichwertige Hilfe. Wer also einen Müsliriegel für 1,55 Euro kauft, finanziert damit gleichzeitig eine Portion Essen in einem Entwicklungsland oder auch in Deutschland. Für jede Flüssigseife (2,95 Euro) wird im Rahmen von Hygieneprojekten und -trainings ein Stück Seife etwa im Senegal verteilt. Jeder verkaufte Liter Mineralwasser (55 Cent) entspricht dem Tagesbedarf von Trinkwasser oder 20 Litern Nutzwasser pro Person beispielsweise in Kambodscha. Beim Wasser durchbricht das Konzept die Logik des Eins-plus-eins-Prinzips allerdings, denn es ergibt wenig Sinn, in Gebieten mit schlechter Trinkwasserversorgung lediglich Wasserflaschen zu verteilen. Der durch den Wasserverkauf eingenommene Spendenanteil wird daher für den Bau von Brunnen verwendet.

© handelsjournal

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„Die Zusage von Rewe war die Initialzündung für Share, und Lionel Souque der Treiber“, erinnert sich Stricker an das erste „ganz unkomplizierte“ Treffen mit dem ebenfalls für sein joviales Auftreten bekannten ­Vorstandsvorsitzenden der Rewe Group. „Die Leidenschaft, das Engagement und die Begeisterung von ­Sebastian Stricker haben mich sofort überzeugt, die Idee einer sozialen Lebensmittelmarke in unseren Rewe-­Märkten umzusetzen“, erklärt Souque. Seine Entscheidung, mit Stricker zusammenzuarbeiten, fällt noch am selben Tag, an dem ihm dieser das Sharekonzept vorstellt. ­­Bei ­dm hat Stricker mit seiner überzeugenden Präsentation ebenfalls leichtes Spiel. „Der Marketingchef, Sebastian Bayer, ist auch Österreicher“, sagt Stricker ­lächelnd. Die beiden verstehen und vertrauen sich auf Anhieb.

Premiumprodukt an der Preisschranke
Mitte März startete Share in 3.000 Rewe-Märkten und 2.000 dm-Filialen. Es ist der größte Launch einer sozialen Marke in Deutschland. Schon zehn Tage nach dem Start sind über 100.000 Flaschen Mineralwasser verkauft und finanzieren den Bau der ersten zwei Brunnenprojekte in Liberia und Äthiopien. „Nach knapp zwei Monaten können wir sagen, dass wir mit der Kundenresonanz und den Abverkaufszahlen mehr als zufrieden sind“, zieht ein Unternehmenssprecher von Rewe eine Zwischenbilanz. „Im Einzelhandel entscheidet jedoch letzten Endes der Kunde über den Erfolg eines Produktes.“ Handelsexperten wie Professor Gerrit Heinemann, Leiter des eWeb Research Centers der Hochschule Niederrhein, befürchten, dass das Geschäftsmodell im margenschwachen Lebensmittelhandel nicht aufgehen wird. Denn der Kauf der Premiumprodukte von Share erfordere von preissensiblen Kunden eine gehörige Portion Idealismus.

Tracking-Code macht Hilfe transparent
In einer aktuellen Ipsos-Umfrage stimmten 60 Prozent der Befragten der Aussage zu: „Die Idee von Share ist originell und gefällt mir.“ 55 Prozent gaben an, sich vorstellen zu können, eines der Share-Produkte zu kaufen. 49 Prozent der Umfrageteilnehmer zeigten sich skeptisch, ob das Geld auch bei den richtigen Menschen ankommt. Transparenz ist aber eine Stärke und Teil des Charmes von Share. Auf jedem Produkt ist ein QR-Code abgedruckt, mit dem sich individuell nachverfolgen lässt, wo das Essen oder die Seife anschließend verteilt und wo Brunnen gebaut werden.

„Ich schätze die Erfolgsaussichten von Share hoch ein“, betont Jan Sebastian Friedrich-Rust, Executive Director der Aktion gegen den Hunger. „Es gibt einen wachsenden Trend zu nachhaltigen Marken.“ Der deutsche Ableger der global tätigen Organisation gehört zu den Unterstützern der ersten Stunde und koordiniert zusammen mit der Berliner Tafel und dem UN-Welternährungsprogramm den örtlichen Einsatz der Hilfsgelder. „Wir lösen das Share-Versprechen ein“, sagt Friedrich-Rust. Ausschlaggebend für sein Engagement sei, dass Share ausschließlich Produkte des täglichen Bedarfs vertreibe, die nicht den Konsum beförderten. Die Gefahr, dass Share durch die schnelle Spende im Vorbeigehen andere, substanziellere Spenden ersetzt, sieht Friedrich-Rust wohl, schätzt das Risiko aber „als gering“ ein.

Vorzeigeunternehmer Stricker ist vorsichtig. „Share ist ein Risikoprojekt. Unsere Mittel reichen bis Ende des Jahres.“ Das Startkapital für den Markteintritt in Höhe von 270.000 Euro stammt von drei Investoren aus der Lebensmittelbranche, das Marketing produziert und finanziert Heimat. Die renommierte Werbeagentur hält Anteile an der Share Foods GmbH und stellt auch die Büroräume. Heimat will mithilfe von Share Kontakte und Relevanz im Handel gewinnen, aber sicher kein Geld verlieren. „Das will ich auch nicht“, sagt Stricker. „Wir wollen ein gesundes soziales Unternehmen aufbauen, das aber nur Gewinne machen kann, wenn es auch signifikanten sozialen Nutzen generiert.“ Bis zu 20 Prozent des Umsatzes wende Share für soziale Projekte auf. Um Gewinne überhaupt ins Auge fassen zu können, muss das Unternehmen schnell wachsen und Skaleneffekte erreichen. Rewe und dm kommen Share bei den Margen entgegen und platzieren die Produkte prominent und auf Displays.

Durch den Verkauf von Mineralwasser finanziert Share Brunnenbauprojekte in Entwicklungsländern.  © Share Foods/Vojta Vancura

Durch den Verkauf von Mineralwasser finanziert Share Brunnenbauprojekte in Entwicklungsländern.
© Share Foods/Vojta Vancura

 

 

 

 

 

 

 

 

Bis Ende des Jahres sind 30 Millionen „Shares“ durch Produktverkäufe geplant, 2019 sollen es schon 100 ­Millionen sein. Ob das klappt? „Die Chancen stehen fifty-fifty“, so Stricker. An Expansion denkt der Wahlberliner trotz des starken Starts erst mal nicht, obwohl es zahlreiche Anfragen aus dem Handel gebe. Share konzentriere sich zunächst auf die Weiterentwicklung der ­veganen Bioprodukte. Die Verpackungen müssen umweltfreundlicher werden, um den eigenen Nachhaltigkeitsanspruch zu erfüllen. Eine Ausweitung der Sortimentskategorien erscheint dringend geboten. „Wir führen bereits Gespräche darüber mit unseren Partnern. Denkbar sind etwa Bildungsprodukte wie Stifte und Hefte, Bekleidung oder hochwertige Basics wie Mehl und Reis“, berichtet Stricker. Nicht zuletzt wird auch die Aufstockung des Personals zur Betreuung der 5.000 PoS Geld kosten. Heimat bereitet schon den Umzug in größere Räume vor.

Überzeugungsarbeit per Roadshow
An der Kopfseite zweier sich gegenüberliegender Schreibtische hat Tobias Reiner – Bart, kurze Hose, T-Shirt – sich seinen platzsparenden Arbeitsplatz eingerichtet. Er gehört zum vierköpfigen Gründungsteam, ist für die Bereiche Supply Chain und Sales verantwortlich und zeigt Fotos von dm- und Rewe-Märkten, in denen die Mitarbeiter Share-Produkte in Eigeninitiative besonders liebevoll inszeniert haben. „Es ist wichtig, auch den Kassierer von der guten Sache zu überzeugen und mitzunehmen“, betont Reiner. Darüber habe das Share-Team in einer Roadshow mit vielen Kaufleuten und Marktmanagern gesprochen, bestätigt Rewe.

„Keiner arbeitet bei uns, weil er ans Geldverdienen denkt“, beschreibt Stricker die Beweggründe seiner Truppe aus Überstunden-gestählten Überzeugungstätern als „Herzensangelegenheit“. Als Teilhaber der­ ­Share Foods GmbH wird sich die Mission finanziell auch für ihn nur lohnen, wenn sie gelingt. „Unser gemeinsames Ziel ist es, mit Share beispielhaft zu beweisen, dass erfolgreiches Unternehmertum und gesellschaftliche Verantwortung sich mittelfristig gegenseitig verstärken.“ Immerhin: Sein Gehalt konnte der Share-Chef jüngst von Lokführer- auf Pfarrerniveau anheben.

 

Einkaufen und Gutes tun

Neben Share Foods gibt es weitere empfehlens­werte Initiativen, die nachhaltiges und sozial ­verantwortliches Konsumverhalten belohnen:

Lycka produziert Biolebensmittel wie Riegel, Kaffee und Eis, die in Filialen verschiedener Handelsketten verkauft werden. Mit einem festen Betrag von jedem verkauften ­Produkt unterstützt das Unternehmen Kinder in Burundi mit Schulspeisungen. lycka.bio

Lemonaid ist laut Eigenbeschreibung ein Saftladen aus Sankt Pauli, der Limonade aus fair gehandelten Zutaten herstellt und in 15 Länder verkauft. Fünf Cent pro verkaufter Flasche fließen in unterschiedliche Projekte der Entwicklungszusammenarbeit. lemon-aid.de

Viva con Agua stammt ebenfalls aus Sankt Pauli. Der gemeinnützige Verein setzt sich mit Spendengeldern und Einnahmen aus dem Verkauf von weit über 20 Millionen Flaschen Mineralwasser pro Jahr für Trinkwasserprojekte in verschiedenen Ländern ein. vivaconagua.org

Wertewandel, ein Öko-Start-up aus Bonn, belohnt den Kauf ökologischer Produkte mit geldwerten Punkten. Nutzer fotografieren dazu mit dem Smartphone ihren Kassenbon; die Wertewandel-App schreibt dafür auto­matisch Bonuspunkte gut. Diese können gegen Gutscheine eingetauscht oder gespendet werden. 5.000 Filialen verschiedener Handelsketten nehmen an dem Programm teil. wertewandel.de

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