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Beste Träumer der Welt gesucht

© Rafa Albarran/World Retail Congress

„Innovate to win“ lautete das Motto des diesjährigen World Retail Congress. Führende Vertreter der globalen Handelsindustrie diskutierten in Madrid, wohin die Reise der zunehmend technologiegetriebenen Branche gehen wird. Eine Erkenntnis: Wer am Markt bestehen will, muss innovativ sein – und zugleich Werte und Orientierung vermitteln. Text: Mirko Hackmann

Obwohl die Sonne ihren Zenit noch nicht erreicht hat, lastet ihre Hitze sichtlich auf den schwer bewaffneten Polizisten und sonnenbebrillten Sicherheitskräften vor dem Hotel Marriott in Madrid. Der Mann, für dessen Sicherheit sie an diesem späten Vormittag Verantwortung tragen, wird im Inneren indes nicht müde, den rund 1 000 Teilnehmern des World Retail Congress zu erklären, wie gut Spanien unter seiner Führung die Wirtschaftskrise gemeistert hat, dass drei Prozent Wachstum ihn sehr erfreuen und Spanien, wie die gesamte übrige Welt, in einer digitalen Revolution begriffen sei.

Mit welcher Wucht diese Dynamik über stolze Unternehmenstraditionen hinwegfegt, erfährt Ministerpräsident Mariano Rajoy nur wenige Minuten später aus erster Hand, als der nächste Redner ans Pult tritt. Im Programmheft noch als CEO der 1880 gegründeten Grupo Cortefiel angekündigt, eröffnet Jaume Miquel der Handelswelt, dass die Brands Cortefiel, Pedro del Hierro, Women’secret, Springfield und Fifty chains fortan unter der neuen Dachmarke Tendam firmieren werden. „Durch die Zentralisierung unserer Struktur werden wir die Zukunftsherausforderungen Internationalisierung, Wachstum und Digitalisierung besser meistern können“, begründet Miquel den Umbau seiner Gruppe, die ein Netzwerk von 2 000 Läden in 90 Ländern unterhält. 140 Jahre nach Gründung ein drastischer Schritt in stürmischen Zeiten.

Jaume Miquel, CEO von Tendam © Rafa Albarran/World Retail Congress

Jaume Miquel, CEO von Tendam
© Rafa Albarran/World Retail Congress

 

 

 

 

 

 

 

Radikaler Wandel mit Augenmaß
„Die Herausforderung für Händler besteht darin, zu ermessen, wie radikal sie sich wandeln müssen“, sagte Ian McGarrigle, Chairman des World Retail Congress, zuvor in seiner Eröffnungsrede und beleuchtete damit die Kehrseite des Kongressmottos „Innovate to win“. Denn auch wenn die Digitalisierung rasant voranschreitet, gilt es, die Kunden nicht zu überfordern und zugleich das eigene Unternehmen hinsichtlich der Wandlungsfähigkeit seiner Mitarbeiter und Strukturen permanent herauszufordern. Als Schrittmacher erweist sich dabei immer deutlicher der asiatische Markt.

Dafür, dass auch europäische Händler am Boom in Asien partizipieren können, steht Alibabas Onlineplattform Tmall, die sich als „Gateway to China“ präsentiert. „Nie zuvor war es für kleine und mittelgroße Unternehmen so einfach, in China Geschäfte zu machen“, wirbt Präsident Jet Jing. Europäische Marken und Produkte sind hoch angesehen im Reich der Mitte. Auf den nachfragestarken, sich schnell wandelnden chinesischen Markt durchzubrechen, steigert die Kompetitivität, verheißt Jing mit Blick auf seine 25,3 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Die restrukturierende Kraft von Big Data auf den Handel bei maximaler Kundenzentrierung wirkt bei Tmall inzwischen auch im Stationären. Jing: „Gegenüber dem Wachstum unseres Online-Flagship-­Stores von 124 Prozent legten wir im vergangenen Jahr offline um 150 Prozent zu.“ Die Menschen in China gieren nach modernen Handelsformaten, attraktiver Lagen bedarf es für den Erfolg auf dem boomenden Markt nicht notwendig, so der Tmall-Präsident.

Ian McGarrigle, Vahirmal des World Retail Congress  © Rafa Albarran/World Retail Congress

Ian McGarrigle, Vahirmal des World Retail Congress
© Rafa Albarran/World Retail Congress

 

 

 

 

 

 

 

Geschwindigkeit macht den Unterschied
Was Lieferzeiten im E-Commerce angeht, sind Chinesen hingegen höchst anspruchsvoll. Sind Europäer bereits zufrieden, wenn ihre Onlinebestellung binnen zwei Tagen eintrifft, wäre ein solches Tempo in China inakzeptabel. „Mehr als sechs Stunden Lieferzeit sind auf unserem Markt ein Desaster“, betont Richard Liu. Der Chef und Gründer von JD.com startete sein Business vor zehn Jahren mit 2 000 von Nachbarn und Freunden geliehenen Dollar. Heute zählt das Unternehmen 292 Millionen aktive Kunden und beliefert Kunden in entlegenen Dörfern per Drohne. „Chinesische Konsumenten gieren nach Innovationen“, sagt Liu. Wer auch nur ein Jahr verharre, sei aus dem Spiel. Seine Erfolgsformel: „Allzeit genau auf den Kunden hören und immer entsprechend seinen Wünschen agieren.“ Mittlerweile investiert JD.com auch stark in stationäre Läden; Liu erwartet, dass diese künftig voll automatisiert von Robotern betrieben werden: „In zehn Jahren sind Kunden und Technik bereit dafür.“

Dieser Einschätzung widerspricht Véronique Laury, CEO der größten europäischen Heimwerkerkette Kingfisher: „Anders als in China, wo die Entwicklung vom kleinen Einzelhandel zum digitalen Handel in einem Zug erfolgte, ist der organisierte Handel in westlichen Märkten über eine lange Zeit gewachsen. Dementsprechend sind die Kunden an hohe Beratungsqualität gewöhnt.“ Technologie könne nicht einfach über die bestehenden Strukturen gelegt werden. Dies gelte insbesondere im DIY-Markt, wo keine Produkte, sondern Projekte verkauft würden. Gleichwohl hat Kingfisher vor drei Jahren begonnen, sein Geschäftsmodell zu digitalisieren; der 1999 zugekaufte Multichannel-Händler Screwfix erzielt bereits 28 Prozent seiner Verkäufe online. Was die Zukunft betrifft, sieht Laury den Handel unter Zugzwang: „Händler müssen mutig und kühn sein, sie müssen testen und dürfen nicht warten, bis sie die Antwort kennen. Denn die Antwort kennt niemand. Was den Unterschied macht, ist die Geschwindigkeit. Wer sich nicht wandelt, wird untergehen.“

Substanz schlägt Stil
Doch um schnell zu sein und sich in die richtige Richtung zu bewegen, bedarf es der richtigen Mitarbeiter. „Das Tempo im digitalen Handel bestimmen die smarten jungen Leute“, betont Mohamed Ali Rashed Alabbar, Chairman von Emaar, einem arabischen Projektentwickler von Shopping-Malls. Er habe realisiert, dass seine Art, Geschäfte zu betreiben, obsolet geworden sei. „Die E-Commerce-Menschen werden die Welt übernehmen. Sie sind schlau und sie sind schnell. Wir müssen uns gut überlegen, wie rasch wir auf Anrufe, E-Mails und WhatsApp-Nachrichten reagieren. Diese Leute haben Betten in ihren Büros.“ Trotz des rasch wachsenden Onlinehandels glaubt Rashed Alabbar an die Zukunft eines parallel stattfindenden Handels, der das Gefühl einer gewachsenen Nachbarschaft widerspiegelt: das traditionelle Leben auf einem Platz, das Zusammenkommen von Menschen in einer Kirche, einer Synagoge oder in einem Park. Sein Rat an Händler lautet gleichwohl: „Verbringe 60 Prozent der Zeit damit, für dein Unternehmen die besten Träumer der Welt zu finden.“

Eine anspruchsvolle Aufgabe, zumal die Erwartungen von jungen Mitarbeitern an ihren Arbeitgeber hoch sind. Ebenso wie die Konsumenten ihrer Generation erwarten sie Werte und Orientierung von Marken und Unternehmen – zumindest jener Teil der den Millennials nachfolgenden Generation Z, den Carla Buzasi „Gen Z We“ nennt. Umgekehrt als bei den ebenfalls acht- bis 23-jährigen Vertretern der „Gen Z Me“ gilt für diese laut der Managing Direktorin des Trendforschungsunternehmens WGSN die Maxime „Substance over style“. Buzasi: „Statt auf Stil setzen diese Jugendlichen auf Überzeugungen, sie sind optimistisch, nicht eskapistisch und fokussieren weit weniger auf kommerzielle Influencer als auf ihre Gefühle.“ Sie äßen und reisten bewusst, seien keine Konsumenten, sondern „Lowsumenten“.

Wer diese jungen Menschen als Mitarbeiter gewinnen will, muss ihre Überzeugungen verkörpern. Buzasi: „Sie erwarten Transparenz, Inklusion, Diversity und an Nachhaltigkeit orientierte Werte.“ Womöglich rührt aus dieser Erkenntnis der Ratschlag von Xavier Romatet, Vizepräsident von Conde Nast International: „Stelle Leute ein, die nicht sind wie du.“

 

World Retail Awards 2018

Seit 2007 zeichnet die Jury des World Retail Awards die besten Retailer und Einzelhandelsinitiativen des jeweiligen Jahres aus. 2018 nahmen Bewerber aus 31 Ländern teil. Ein deutsches Unternehmen errang einen der zwölf Awards, zwei weitere landeten auf der Shortlist. Überdies schaffte es mit Aldi UK ein weiteres deutschstämmiges Unternehmen auf die Shortlist, ebenso wie ein in Berlin ansässiger Store des spanischen Fair-Fashion-Labels Ecoalf.

• Retail Start-up of the: Year About You (Preisträger)
• Retailer of the Year: Lidl (Shortlist)
• Retail Employer of the Year: Aldi UK (Shortlist)
• 2018’s Outstanding Store Design >1.200 m2: Rewe im Weitlingkiez, Berlin (Shortlist)
• 2018’s Outstanding Store Design <1.200 m2: Ecoalf – A Sustainable Lifestyle Experience, Berlin (Shortlist)

Die Übersicht aller Nominierten und Preisträger ist hier einsehbar.

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