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Ob Fahrverbote für Dieselfahrzeuge drohen, beschäftigt nicht nur Handelsketten mit großen Flotten. Auch kleine und mittlere Unternehmen sorgen sich um ihre Erreichbarkeit für Kunden und Lieferverkehr. Der HDE sieht die Lösung nicht allein in der E-Mobilität und fordert eine technologieoffene Verkehrswende. Text: Mirko Hackmann

Sowohl Städte und Gemeinden als auch die angehenden Koalitionäre in Berlin wollen Fahrverbote in Innenstädten unbedingt vermeiden. Doch schon Ende Februar hat das  Bundesverwaltungsgericht Leipzig Fahrverbote dort für rechtens erklärt, wo die EU-Grenz‑werte für Emissionen dauerhaft überschritten werden. Nach Erhebungen des HDE könnten in der Folge bis zu 106 Städte und Großräume in Gefahr geraten, Fahrverbote für rund 16 Millionen Dieselfahrzeuge aussprechen zu müssen. Sollte eine „blaue Plakette“ eingeführt werden, könnten in Umweltzonen immerhin noch Modelle mit Euro-6-Zulassung einfahren.

„Wir sind der Ansicht, dass alles getan werden muss, um Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in Innenstädten zu verhindern“, betont Michael Reink, HDE-Bereichsleiter Standort und Verkehrspolitik. Trotz zahlreicher intensiver Gespräche mit Ministerien, kommunalen Spitzenverbänden und Abstimmungen mit Interessenvertretungen, wie dem Bundesverband Paket und Expresslogistik (BIEK), sei die Gefahr nicht gebannt. „Ein Fahrverbot wirkt sich erheblich auf den Standort Innenstadt aus und gefährdet dort ansässige Handelsunternehmen“, befürchtet Reink.

Fraglicher Mobilitätsfonds
In der Folge drohe ein erheblicher Rückgang der ohnehin rückläufigen Kundenfrequenzen, zudem werde die Belieferung der Geschäfte nachhaltig erschwert. Die bislang im Rahmen des Dieselgipfels diskutierten Vorschläge hält Reink indes für ungeeignet, Emissionen ausreichend schnell zu senken, um Fahrverbote abwenden zu können. Der sogenannte Mobilitätsfonds sieht
vor, dass die Kommunen eine Milliarde Euro Fördergelder erhalten, um Maßnahmen zu finanzieren, die für reinere Luft sorgen sollen. So ist geplant, Dieselbusse nachzurüsten, sodass sie weniger Schadstoffe ausstoßen, und digitalisierte Verkehrsleitsysteme zu installieren, um den Verkehrsfluss zu verbessern. Überdies soll, unter anderem durch den Ankauf von E-Bussen, der öffentliche Verkehr stärker elektrifiziert werden.

Nicht weiter auf Sicht fahren
„Um kurzfristig Erfolg zu erzielen, müssen auch andere Antriebsarten gefördert werden, deren Marktreife weiter fortgeschritten ist“, fordert HDE-Logistikexperte Ulrich Binnebößel mit Verweis auf Erdgas- und Erdgas-Hybrid-Fahrzeuge. Es sei ein Fehler, ausschließlich auf E-Mobilität zu setzen, da die notwendige Ladeinfrastruktur nicht kurzfristig zur Verfügung stehe und zudem ein Mangel an für den gewerblichen Verkehr geeigneten und wirtschaftlich rentabel zu betreibenden Fahrzeugen bestehe. „Selbst mit einer Unterstützung durch Fördermittel kann die Umstellung
nicht binnen kurzer Zeit komplett erfolgen“, sagt Binnebößel. Darum setze sich der HDE für eine weiterreichende Betrachtung der verfügbaren Technologien ein.

„Vor allem in der Logistik können alternative Antriebe, insbesondere mit Erdgas betriebene Fahrzeuge, eine wichtige Rolle spielen, um schon kurzfristig eine deutliche Reduzierung der Belastung von Innenstädten zu erreichen“, unterstreicht Binnebößel. Im Zusammenspiel mit gezielten Aktionen zur Verkehrsvermeidung und -entzerrung könne durch den Einsatz entsprechender Fahrzeuge eine deutliche Entlastung erreicht werden. „Förderungen sollte die Politik daher antriebsunabhängig auf das Ziel emissionsarmer Innenstädte hin ausrichten“, fordert Binnebößel.

Um den Markt für Erdgasmobilität perspektivisch zu stärken, hat der HDE einen Maßnahmenkatalog erarbeitet (siehe Kasten). Zudem empfiehlt der Verband nicht nur Flottenmanagern, sondern auch kleinen und mittleren Händlern, die über die Neuanschaffung von Nutzfahrzeugen nachdenken, für längere Reichweiten erdgasbetriebene und für kürzere Reichweiten Gas-Diesel-Hybrid-Modelle in Betracht zu ziehen (Übersicht aktueller Modelle siehe unten). Der Appell an die Politik lautet indes, nicht mehr länger nur auf Sicht zu fahren. Reink: „Wir brauchen endlich eine ehrliche Diskussion zur Verkehrswende.“

 

Tabelle Erdgasautos

 

 

 

 

 

 

 

Welches Gas für welche Nutzung geeignet ist

Rund 550.000 Fahrzeuge in Deutschland fahren mit Gasantrieb. Der weitaus größere Teil davon, etwa 450.000, wird mit Autogas betrieben, die übrigen mit Erdgas. Im Vergleich zu Dieselfahrzeugen werden bei CNG und LNG die Feinstaubemissionen um 50 Prozent, die Stickoxidemissionen um 80 bis 90 Prozent und der CO2-Ausstoß um bis zu 15 Prozent reduziert. Durch die Beimischung von Biomethan und synthetischem Gas verbessern Erdgasfahrzeuge ihre Ökobilanz zusätzlich – eine Möglichkeit, die Autogas nicht bietet. Ein Überblick:

LPG (Liquefied Petroleum Gas), auch Autogas oder Flüssiggas genannt, ist ein Nebenprodukt der Erdölraffinerie. Das Gemisch aus Propan und Butan wird bei einem Druck von fünf bis zehn Bar flüssig gespeichert. Rund 7.000 Tankstellen in Deutschland bieten dieses Gas an. Autogas wird meist bei Benzin-Pkw nachgerüstet. Bei Nutzfahrzeugen, die in der Regel mit Diesel betrieben werden, besteht die Möglichkeit der Nachrüstung nur bedingt. Das heißt, nur geringe Anteile des Diesels können bei der Verbrennung im Motor durch Autogas ersetzt werden. Nachteilig ist der Verlust des Gewährleistungsanspruchs gegenüber den Fahrzeugherstellern.

CNG (Compressed Natural Gas), auch Erdgas genannt, wird unter hohem Druck von 200 Bar gasförmig gespeichert. Deshalb müssen die Tanks stabiler sein als jene für LPG-betriebene Fahrzeuge. Der Oktanwert von CNG beträgt 130. Rund 900 Tankstellen in Deutschland bieten CNG an. Im Gegensatz zu LPG werden Erdgasantriebe heute nicht mehr nachgerüstet, sondern von den Herstellern direkt ab Werk angeboten. Dadurch ist sichergestellt, dass die Verbrennungseigenschaften von Erdgas durch entsprechende Werkstoffe und Konstruktionen berücksichtigt werden und die Haltbarkeit der Fahrzeuge und Motoren der von Benzinern oder Dieselfahrzeugen entspricht.

LNG (Liquefied Natural Gas) ist verflüssigtes Erdgas, das durch Herabkühlen auf minus 163 Grad Celsius entsteht. LNG-Tanks benötigen jedoch keine Kühlanlage, da die Tanks entsprechend isoliert sind. Vorteil der Verflüssigung: Das Volumen von Erdgas reduziert sich, ohne unter Druck zu stehen, um den Faktor 600, wodurch sich der Energiegehalt entsprechend verdichtet. Durch die höhere Energiespeichermenge eignet sich LNG insbesondere für Nutzfahrzeuge mit langen Reichweiten. Für eine Grundversorgung des internationalen Straßengüterverkehrs mit LNG benötigt Deutschland in etwa sechs Tankstellen an strategisch wichtigen Standorten.
Quellen: FGW, Zukunft Erdgas

 

„Zuverlässig und günstig“

Peter Meyer, Leiter der Außenbeziehungen der Initiative "Zukunft Erdgas e.V." © Zukunft Erdgas

Peter Meyer, Leiter der Außenbeziehungen der Initiative “Zukunft Erdgas e.V.”
© Zukunft Erdgas

Drei Fragen an Peter Meyer, Leiter Außenbeziehungen der Initiative „Zukunft ERDGAS e. V.“

Herr Meyer, warum beträgt trotz ihrer geringen Emissionen der Anteil von Erdgasfahrzeugen am Kraftstoffmix lediglich 0,3 Prozent?
Das liegt sicherlich daran, dass die Vorzüge von CNG-betriebenen Fahrzeugen nur wenig bekannt sind. Erdgasfahrzeuge sind sauber, leise und vor allem ist das Tanken deutlich billiger. Erst 2016 hat der Staat die Förderung von Erdgas als Kraftstoff verlängert und damit gute Voraussetzungen für eine positive Marktentwicklung geschaffen. Zudem wird durch den ausschließlichen politischen Fokus und die umfassende mediale Berichterstattung zur Elektromobilität den Nutzern suggeriert, dass dies die einzige Antriebsalternative der Zukunft sei und die Marktentwicklung in großen Schritten voranschreite. Beides ist nicht der Fall.

Wieso sollte sich ein Händler ein erdgasgetriebenes Nutzfahrzeug anschaffen?
Händler wollen eine zuverlässige und günstige Logistik. Das bieten Erdgasfahrzeuge. Die Technologie ist ausgereift und geeignet, lange Strecken zu bewältigen und schwere Lasten zu transportieren. Letztendlich führt der Einsatz von Erdgasfahrzeugen zu einer Kostenreduktion im Fuhrpark. Die Gefahr, von Einfahrverboten in Innenstädten betroffen zu sein, besteht nicht. Bewusster, nachhaltiger Handel ist somit nicht nur mit entsprechenden Produkten möglich, sondern auch mit deren Transport. Nicht zu vergessen ist auch, dass Erdgasfahrzeuge gegenüber Dieselfahrzeugen um die Hälfte leiser sind. Das trägt zur gesellschaftlichen Akzeptanz des steigenden Güterverkehrs bei.

Für wie aussichtsreich halten Sie es, dass die künftige Regierung erdgasbetriebene Fahrzeuge in ähnlicher Weise fördert wie Elektrofahrzeuge?
Das sollte man so nicht vergleichen. Erdgasfahrzeuge mit CNG bieten schon heute wirtschaftliche Vorteile für die Betreiber – auch ohne massive staatliche Förderung. Anders sieht es heute noch
beim Thema LNG für den Straßengüterverkehr aus. Dort benötigen wir Förderung, weil wir zunächst die Infrastruktur entwickeln müssen und eine kritische Mindestmenge von Fahrzeugen brauchen, damit die Kosten sinken. Aber da sind gute Ansätze zu beobachten: 2018 werden weitere LNG-Tankstellen hinzukommen.

 

 

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