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Jahr für Jahr steigt die Zahl schwerer Ladendiebstähle – ​doch die Behörden verfolgen das Delikt meist nachlässig. Was Einzelhändler selbst gegen Diebe unternehmen können, weiß der Experte für Inventurdifferenzen Manfred Sendatzki. Zehn wichtige Tipps für die Praxis. Text: Manfred Sendatzki

Auf satte 2,26 Milliarden Euro taxierte das EHI Retail Institute in seiner Analyse der Inventurdifferenzen das Schadensvolumen durch Ladendiebstähle im Jahr 2016. Die Zahl der schweren Ladendiebstähle erhöhte sich in jenem Jahr auf 22.500 Fälle, was einem Anstieg um 2,5 Prozent zum Vorjahr entspricht. Gegenüber 2013 ergibt sich daraus eine Zunahme der angezeigten Taten dieses Typs von knapp 30 Prozent. Durch die hohe Dunkelziffer von über 98 Prozent hat die Statistik jedoch nur eingeschränkte Aussagekraft. Zudem unterscheidet sich der Anteil des Ladendiebstahls an den Inventurdifferenzen je nach Unternehmensgröße: Beträgt er bei Filialisten im Durchschnitt 54 Prozent, sind es bei den Einzelbetrieben bis zu 70 Prozent. Kleinere Unternehmen sind daher gut beraten, dieser Situation durch professionelles Handeln entgegenzuwirken.

Hier die zehn wichtigsten Handlungsfelder zur Reduktion von Ladendiebstählen und die damit verbundenen Praxismaßnahmen:

1. Risikomanagement
In einem ersten Schritt ist es ratsam, mittels einer standortspezifischen Analyse die gegebenen Risiken und ihre Eintrittswahrscheinlichkeit zu quantifizieren. Maßnahmen zur Verhinderung und Aufdeckung müssen konkret geplant sein. Entsprechend ist detailliert festzulegen, welche Aufgabe wer, wie und bis wann erledigt.

2. Warenwirtschaft und Inventur
Für die Datenanalyse sowie die Festlegung von Kennzahlen ist es nicht allein wichtig, Kosten und Nutzen der geplanten Präventionsmaßnahmen gegeneinander abzuwägen, sondern auch die Inventurdaten miteinzubeziehen. Zu wissen, was, wo und von welcher Tätergruppe (Kunden, Mitarbeiter, Lieferanten) gestohlen wurde, spielt für die Schulung des Verkaufsteams eine entscheidende Rolle.

3. Videoüberwachung und Datenschutz
Zum Schutz der Kunden und Mitarbeiter muss die Videoüberwachung den rechtlichen Anforderungen genügen. Investitionen in wirkungsvolle Schnittstellenlösungen zur Waren- und Objektsicherung sind ebenso ratsam wie die konsequente Nutzung der Überwachungsergebnisse zur Beweismittelerstellung gegen Straftäter oder Anzeigen gegen unbekannt. Hinweisschilder und Piktogramme am Eingang sollten auf die vorgesehenen Sanktionen für Ladendiebstahl hinweisen.

4. Warensicherung
Die Aussicht, dass ein Ladendiebstahl mit hoher Wahrscheinlichkeit aufgedeckt wird, wirkt naturgemäß abschreckend und sollte entsprechend in den Mittelpunkt der Maßnahmen rücken. Dazu zählt ebenso die Sicherung der Ware mit elektronischen Systemen wie das Verhalten der Mitarbeiter bei der Signalauslösung im Ausgangsbereich. Die effektive Sicherung der Ware muss, unabhängig von der favorisierten Technologie, immer unter aktiver Einbeziehung der Mitarbeiter erfolgen.

5. Einsatz von Detektiven und Sicherheitsfachkräften (SFK) im Einzelhandel
Der Einsatz von Detektiven lohnt sich erst auf Verkaufsflächen ab einer Größe von 2 000 Quadratmetern. Kleinere Einzelhändler sollten polizeiseitig durch mehr Überführungen und damit verbundenen Strafanträgen unterstützt werden. Zur Vereinfachung der Prozesse im Handel und in der Justiz könnte eine elektronische Strafanzeige beitragen.

6. Schulung und Training
Maßnahmen zur Verhinderung und Aufdeckung von Ladendiebstahl sind Chefsache. Dieser muss durch die systematische Implementierung von Lösungen, die Organisation und Technik sinnvoll kombinieren, die Grundlagen für die Schulung der Mitarbeiter schaffen. Entscheidend dabei ist konkrete Quantifizierung und Terminierung der Ziele. Teil der Schulungs- und Trainingsprogramme sollte neben Trainingstestkäufen die klare Regelung möglicher Sanktionen bei Fehlverhalten sein.

7. Sanktionen und Datenschutz
Mit der konsequenten Verfolgung eines erkannten Diebstahls oder Betrugs mittels Strafantrag und Hausverbot sind die Sanktionsmöglichkeiten nicht ausgeschöpft. Eine entsprechende Beschilderung im Eingangsbereich vorausgesetzt, kann zudem von jedem überführten Täter eine Vertragsstrafe in Höhe von 100 Euro eingefordert werden.

8. Test-/Trainingskäufe und Mystery-Shopping
Ob Test- und Trainingskäufe vor oder nach einer Schulung durchgeführt werden, kann individuell entschieden werden. Das Szenario für die Testkäufe orientiert sich am gegebenen Trainingsbedarf und an der Wirksamkeit der Übungen. Grundsätzlich gilt: Eine höhere Kundenorientierung reduziert die Risiken. Mystery-Shopping-Maßnahmen können auf das Verhalten der Verkäufer zusätzlich disziplinierend wirken.

9. Kassenprozesse
Zu den Inhalten des Schulungsprogramms für Kassenteams zählt nicht allein die Vermittlung von Kassenfunktionen und Organisationsanweisungen, sondern auch die Kontrolle der Ver‑
packungsinhalte. Durch die Analyse der Kassendaten soll unter anderem die Einschätzung der Verursacheranteile präzisiert werden. Ebenso Teil der Prävention ist es, dass die Mitarbeiter die Kenntnis der Organisationsanweisungen samt den enthaltenen Hinweisen, welche Verstöße gegen diese Anweisungen zu arbeitsrechtlichen Maßnahmen führen können, per Unterschrift bestätigen.

10. Internes Kontrollsystem und externe Revision
Aus den dargestellten Maßnahmen sollte ein internes Kontrollsystem (IKS) entwickelt werden. Die konsequente Befolgung des Vieraugenprinzips und der Funktionstrennung gehört ebenso dazu wie eine Checkliste der Kontrollrhythmen. In Abhängigkeit von der Größe des Unternehmens und der Anzahl seiner Filialen sollte eine interne oder externe Einzelhandelsrevision implementiert werden. Zu den Mindeststandards des Revisionsprogramms zählen die Prüfung des Risikomanagements, der Dokumentation und Datenanalyse sowie die Überwachung IKS-Maßnahmen.

 

Manfred Sendatzki, Geschäftsführer m.b.s. + Managementberatung. Anklicken zum Vergrößern. © privat

Manfred Sendatzki Der ehemalige Revisionsleiter einer Unternehmensgruppe und frühere Vorsitzende des EHI Arbeitskreises Inventurdifferenzen, Manfred Sendatzki, ist Geschäftsführer der m.b.s. + Management Beratung und kooperiert als Coach, Berater und Trainer mit zahlreichen Handelsverbänden tätig. Er berät kleinere und mittlere Betriebe bei der Prävention und Aufdeckung von Ladendiebstählen.

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