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Beflügelter Gründergeist

© Sulapac

Durchstarten: Mit Accelerator-Programmen suchen Handelsunternehmen verstärkt nach Innovationstreibern für den Multichannel-Retail. Sieben besonders interessante Start-ups aus verschiedenen Bereichen im Überblick. Text: Ralf Kalscheur

Der Druck zur digitalen Transformation zwingt die Branche, über neue Themen nachzudenken, kreativen Input von außen einzuholen und innovativen Entwicklern eine Chance zu geben. Die Zeit der Experimente ist angebrochen. Die Zukunft gehört den Mutigen. Doch welche frischen Strategien und Technologien haben das Potenzial, den Handel auf der Fläche und im Netz weiterzubringen?

Auf diese Frage suchen immer mehr Unternehmen mit auf den Handel zugeschnittenen Accelerator-Programmen Antworten. So startete Europas größter Elektronikhändler MediaMarktSaturn im Herbst seinen „RetailTech Hub“ in München. In der ersten Auswahl nehmen zehn Start-ups an einem dreimonatigen Programm teil, bei dem sie gemeinsam mit dem Konzern Pilotprojekte umsetzen und so ihre Geschäftsideen zur Marktreife entwickeln können.

Gemeinsam suchen die Konkurrenten Aldi Süd und Lidl mit der Innovationsplattform „Starbuzz“ nach vielversprechenden Start-ups. Auch Fressnapf und Tengelmann unterstützen die in Mülheim an der Ruhr jüngst ins Leben gerufene Initiative. GS1 Germany bringt auf dem „Innovation Day“ Gründer und Handelsunternehmer zusammen und die HSH Nordbank und ihre Partner helfen künftig in Hamburg Start-ups dabei, Konzepte für den E-Commerce von morgen zu entwickeln.

Metro und Real haben nach dem Start im Vorjahr bereits die zweite Runde ihres Beschleunigerprogramms für den Handel eröffnet. Start-ups mit innovativen digitalen Anwendungen für unabhängige Einzelhändler sowie für den Lebensmitteleinzelhandel können sich bis zum 2. Februar 2018 hier um einen Platz im Accelerator bewerben.

 

Die Shopping-Nanny
Das FinTech-Start-up Okiko aus Mönchengladbach will dem E-Commerce einen Milliardenmarkt eröffnen. Dabei ist allerdings Fingerspitzengefühl gefragt, denn Okiko hat sich mit seiner Lösung auf das Familien- und Kindersegment des Finanzmarkts spezialisiert. „In Deutschland leben rund neun Millionen Kinder und Jugendliche im Alter von sieben bis 17 Jahren, denen es bisher nicht möglich ist, sicher im Internet zu shoppen“, erklärt CEO Erik Winterberg. Okiko bietet der jungen Generation der Digital Natives ein kostenloses Onlinekonto auf Guthabenbasis, mit dem sie ihr Taschengeld online verwalten, ansparen und investieren können. Eltern behalten durch individuelle Budget-Einstellungen und intelligente Contentfilter die Kontrolle über die Transaktionen ihrer Kinder. So ist sichergestellt, dass die Nachwuchsverbraucher ausschließlich altersgemäße Artikel in zertifizierten Shops kaufen können. Der Zahlungsprozess läuft, ähnlich wie bei PayPal, über Express-Check-out, sodass keine zusätzliche Registrierung in jedem Webshop notwendig ist und der Zahlungsverkehr ohne Kreditkarte funktioniert. „Mit Okiko lernen Kids und Teens, in einer sicheren Umgebung schrittweise Verantwortung für ihre Finanzen zu übernehmen, und entwickeln eine nachhaltige Geldkompetenz“, verspricht Winterberg. Einen Platz im „Retailtech Hub“ konnte das Start-up mit seiner Idee bereits ergattern.

Okiko-Chef Erik Winterberg. Anklicken zum Vergrößern. © Mirza Oezoglu/Okiko

Okiko-Chef Erik Winterberg. Anklicken zum Vergrößern. © Mirza Oezoglu/Okiko

 

Freundliche Chatbots
Chatbots sind in aller Munde. Mit den intelligenten Sprachassistenten kann der Handel den Personaleinsatz für Kundenservice, Beratung und Verkauf reduzieren und diese Dienstleistungen zugleich rund um die Uhr anbieten. Zu den innovativsten Entwicklern freundlicher künstlicher Intelligenz gehört das Düsseldorfer Start-up Kauz. „Chatbots haben das Potenzial, den E-Commerce zu verändern“, sagt Gründer Thomas Rüdel (M.). „Pro Kundenaktion können sie die Kosten um 80 bis 90 Prozent senken.“ Kauz arbeitet an Technologien zur Extraktion von Informationen aus Datenbanken und Texten. Zudem kann die sprachverarbeitende Software Fragen interpretieren und Antworten formulieren. An dieser „semantischen Modellierung“ arbeiten im Team Linguisten, Computerlinguisten und Programmierer zusammen. Rüdel ist überzeugt, über die „beste Sprachtechnologie in Deutschland“ zu verfügen. Das vor einem Jahr gegründete Unternehmen hat sich jedoch zunächst auf die Versicherungsbranche spezialisiert und sucht nun Pilotkunden aus dem Handel. Beim Start-up-Pitch im Rahmen des ersten „Innovation Day“ von GS1 Germany in Köln wählte das Publikum Kauz mit Abstand zum Sieger.

Thomas Rüdel (M.) und sein Kauz-Team. Anklicken zum Vergrößern. © Kauz

Thomas Rüdel (M.) und sein Kauz-Team. Anklicken zum Vergrößern. © Kauz

 

Shopping ohne Warteschlange
Rapitag hat ein intelligentes Sicherheitsetikett für Produkte im Stationärhandel entwickelt. Mit ihrer patentierten Technologie für eine intelligente Diebstahlsicherung ermöglichen die Gründer Alexander ­Schneider und Sebastian Müller (v. l.) Händlern, die mit Rapitag gekennzeichneten Waren zu einem Point of Sale zu machen. Der Kunde zahlt beispielsweise die ausgesuchte Hose direkt am Regal per App mit dem Smartphone.

Gründerteam aus München: Alexander Schneider und Sebastian Müller (v.l.). Anklicken zum Vergrößern. © Rapitag

Gründerteam aus München: Alexander Schneider und Sebastian Müller (v.l.). Anklicken zum Vergrößern. © Rapitag

Das Etikett wird nach Abschluss des Bezahlvorgangs entsichert und der Käufer kann, ohne sich an der Kasse in die Warteschlange einreihen zu müssen, sofort das Geschäft verlassen. Das ist bequem und verspricht Kunden darum einen echten Mehrwert für das Einkaufserlebnis. Studien zeigen, dass das Angebot der Self-Check-out-Lösungen von Konsumenten begrüßt wird, doch bislang zeigt sich der deutsche Einzelhandel zögerlich. Die Lösung stoße zwar auf breites Interesse, „doch niemand möchte der Erste im Live-Test sein“, bedauern die Gründer. Die Münchner hoffen nun über die Teilnahme am RetailTech-Hub Anfang nächsten Jahres den ersten Pilotstore ausstatten zu können. Ein Erfolgserlebnis macht Rapitag Mut: Im Oktober gewannen sie den Wettbewerb „Handel im Wandel“ von der Rid Stiftung und UnternehmerTUM.

Intelligentes Sicherheitsetikett. Anklicken zum Vergrößern. © Rapitag

Intelligentes Sicherheitsetikett. Anklicken zum Vergrößern. © Rapitag

 

Pakete einfach steuern
Unterstützt von der Deutschen Telekom, hat sich das vierköpfige Gründungsteam des Münchener Start-ups PaketChef nicht weniger vorgenommen, als die urbane Logistik zu revolutionieren. Der Fokus der cloudbasierten Software-as-a-Service-Lösung liegt darauf, die Effizienz der letzten Meile im Bereich Versand und Logistik zu verbessern. Im Vordergrund stehen dabei eine dynamische Routenoptimierung in Echtzeit, eine intelligente Fahrer­navigation und die direkte Kommunikation zwischen Endkunde und Zusteller. Die unabhängige IT-Plattform koordiniert die Zustellung zwischen Onlinehändlern, Dienstleistern und Kunden. Diese können ihre vorfrankierten Pakete auch zur Wunschzeit abholen lassen. PaketChef übergibt die Sendungen dann dem Dienstleister. Das Start-up gehört zu den ersten vier jungen Unternehmen, die in den neuen Accelerator Starbuzz aufgenommen wurden, der unter anderem von Aldi Süd und der Schwarz Gruppe unterstützt wird. „Starbuzz stellt für uns eine tolle Möglichkeit dar, in den kommenden Monaten unseren Businessplan zu festigen und Wachstum zu generieren“, sagt Anton Schäfer, Last-Mile-Experte bei PaketChef.

Last-Mile-Experte und Gründer Anton Schäfer. Anklicken zum Vergrößern. © PaketChef

Last-Mile-Experte und Gründer Anton Schäfer. Anklicken zum Vergrößern. © PaketChef

 

Nachwachsendes Verpackungsmaterial
Das finnische Start-up Sulapac designt und produziert nachhaltige ­Verpackungslösungen aus Holz und natürlichen Klebstoffen. Das Material ist biologisch abbaubar, wasser- und öldicht sowie sauerstoffundurchlässig.

Nachhaltig hübsch: eine Alternative zum Plastiktöpfchen. Anklicken zum Vergrößern. © Sulapac

Nachhaltig hübsch: eine Alternative zum Plastiktöpfchen. Anklicken zum Vergrößern. © Sulapac

Die Gründerinnen Suvi Haimi und Laura Kyllönen (v. l.) spezialisieren sich mit der edlen Holzoptik ihrer Verpackungen auf Kosmetik- und Luxusprodukte. Doch mit wachsender Bekanntheit und größeren Produktionsmengen sind für die ökologische Alternative zur herkömmlichen Kunststoffverpackung weitere Einsatzgebiete denkbar. „Unsere Vision ist es, Sulapac zum bevorzugten nachhaltigen Verpackungsmaterial auf der ganzen Welt zu machen“, verkünden die Expertinnen für Biomaterie und Gewebeherstellung vollmundig. Europas ersten Gründerpreis für Start-ups der Kreislaufwirtschaft, den Green Alley Award, konnten die Finninnen in diesem Jahr schon erobern.

Dynamisches Duo: Suvi Haimi und Laura Kyllönen aus Finnland. Anklicken zum Vergrößern. © Sulapac

Dynamisches Duo: Suvi Haimi und Laura Kyllönen aus Finnland. Anklicken zum Vergrößern. © Sulapac

 

Connected Shopping
Oriient hat eine innovative Indoor-Navigationslösung entwickelt, die durch das Magnetfeld der Erde gesteuert wird. Ohne, wie bei anderen Systemen, in technologische Infrastruktur investieren zu müssen, können stationäre Händler ihren Kunden beim Einkaufen die gleichen Vorteile anbieten wie Onlineplattformen, verspricht Mickey Balter, der sein Unternehmen 2016 in Tel Aviv gründete. Während Beacons oder WLAN insbesondere in großen Gebäudekomplexen zu Übertragungsproblemen führen können, wird Oriients Technologie in bestehende Apps von Einkaufszentren oder Supermärkten integriert. Der Navigationsassistent bietet Kunden eine Zielgenauigkeit von unter einem Meter, um bestimmte Produkte, Angebote und Aktionen ohne Umwege anlaufen zu können. Oriient entwickelt seine hochinteressante Technik für den Handel im Metro Accelerator weiter.

Gründer Mickey Balter schafft auf innovative Weise Orientierung im Geschäft. Anklicken zum Vergrößern. © Oriient

Gründer Mickey Balter schafft auf innovative Weise Orientierung im Geschäft. Anklicken zum Vergrößern. © Oriient

 

Gekauft wie gesehen
WeView verbindet Video und Shopping. Auf der Onlineplattform für Produktrezensionen kann jeder Nutzer seine Erfahrungen mit Artikeln und Testprodukten in Filmform vorstellen. WeView möchte so Kunden Kaufentscheidungen durch visuelle Erfahrungsberichte erleichtern. Die kurzen Videos geben Auskunft über Vor- und Nachteile, technische Details, Ratings und den Preis. Der Clou: Mit einem Klick können Zuschauer ein Produkt, das ihnen gefällt, direkt „aus dem Video heraus“ in einem der 100 000 Partnershops kaufen. Videorezensenten, die Zuschauer durch gekonnte neutrale Empfehlungen zu überzeugen verstehen, verdienen mit WeView deutlich mehr als mit Konkurrenzkanälen wie YouTube, versprechen die Gründer Jakob von Egidy, Leopold von Waldthausen und Christoph Pröschel (v. l.). Das Unternehmen mit Sitz in München vergleicht sich mit Yelp oder Tripadvisor in Videoform. Als Teilnehmer des RetailTech Hub können die Gründer nun ihre Geschäftsidee ausarbeiten.

Wollen YouTube und anderen Kanälen Konkurrenz machen: die Gründer Jakob von Egidy, Leopold von Waldthausen und Christoph Pröschel. Anklicken zum Vergrößern. © WeView

Wollen YouTube und anderen Kanälen Konkurrenz machen: die Gründer Jakob von Egidy, Leopold von Waldthausen und Christoph Pröschel. Anklicken zum Vergrößern. © WeView

 

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