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Moderne Videotechnik hilft nicht nur im Einsatz gegen Ladendiebstahl, sondern kann sogar zur Umsatzsteigerung beitragen. Doch die unklare Rechtslage lässt manchen Händler zögern.

André Hanekamp hat es erlebt. Ein Auto mit vier Männern fährt vor, der Fahrer wartet mit laufendem Motor, einer sichert den Ausgang, zwei stürmen in den Laden und räumen die Regale: Spirituosen, Kosmetika, Kaffee. „Das dauert eine Minute, dann sind die wieder draußen“, sagt der Prokurist von Edeka Lustfeld, der in Norddeutschland vier Fachmärkte betreibt. Die Konsequenz: Hanekamp rüstete auf. Ein Markt in Nienburg, zuvor ohne Kamera, erhielt eine moderne Videoüberwachung. In einem anderen Markt tauschte der Prokurist die analoge gegen digitale Kameratechnik. „Wenn ich dadurch nur zwei Diebstähle im Jahr weniger habe, zahlt sich das über zehn Jahre hinweg aus“, zeigt sich Hanekamp überzeugt.

Das Problem Ladendiebstahl ist so alt wie der Handel selbst. Zur Vorbeugung setzen immer mehr Händler auf Videotechnik, vernetzt mit Software, Fernzugriff und Zubehör. Eine repräsentative Studie des EHI Retail Institute ergab: 87 Prozent der Einzelhandelsunternehmen haben Kameras installiert oder wollen dies künftig tun. Kein unbedeutender Nebenaspekt: Die neue Gerätegeneration eignet sich auch fürs Marketing – und wenn 2018 eine neue, großzügigere Datenschutzverordnung in Kraft tritt, bekommt der Handel hier mehr Spielraum. Laut polizeilicher Kriminalstatistik wurden im vergangenen Jahr 345 773 Fälle einfachen Ladendiebstahls registriert. Das waren rund 30 Prozent weniger als vor zehn Jahren, als die Statistik 501 433 Fälle verzeichnete.

Doch im gleichen Zeitraum schnellte die Zahl der schweren Ladendiebstähle um 150 Prozent auf 19 600 Fälle hoch. Diese professionellen, organisierten Täter fürchten die Einzelhändler am meisten, denn sie verursachen überproportional hohen Schaden. Auf 2,1 Milliarden Euro beziffert EHI-Experte Frank Horst den Verlust durch Ladendiebstahl insgesamt – ein Viertel davon verursachen gewerbsmäßig handelnde Banden. „Wenn dieser Anteil nicht so gestiegen wäre, hätten die Gegenmaßnahmen des Handels gewirkt“, sagt er.

„Kameras sind kein Allheilmittel. Der beste Schutz gegen Diebstahl ist geschultes Personal.“ Andreas Mayer, Experte für Kriminalprävention

Kameras sind zwar nicht das einzige Mittel, um Diebe abzuschrecken, doch sie signalisieren potenziellen Tätern: Hier wird aufgepasst. Mitarbeiter können Wiederholungstäter leichter erkennen und reagieren deutlich selbstbewusster, weil sich die Behauptung eines gestellten Täters, es sei zu Übergriffen gekommen, mit Aufzeichnungen leicht widerlegen lässt. Profis wissen das – und suchen sich im Zweifel ein weniger gesichertes Objekt. „Diebe wählen den leichteren Weg“, bestätigt Andreas Mayer, Geschäftsführer der „Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes“ in Stuttgart. Er warnt jedoch vor zu hohen Erwartungen an Videoüberwachung: „Ein Allheilmittel ist das nicht.“ Der beste Schutz sei geschultes Personal. Kurse für Mitarbeiter veranstalten zum Beispiel die Kammern oder professionelle Detektive; in einigen Regionen kommt auch die Polizei für Vorträge ins Haus. Kameras sind nach Mayers Einschätzung aber eine gute Ergänzung. Am wirksamsten seien sie, wenn ein Mitarbeiter die Aufnahmen live kontrolliere und die Diebe so auf frischer Tat ertappe.

Profis allerdings stellen sich darauf ein und setzen Mäntel, Kinderwagen oder Regenschirme ein, um den Griff ins Regal zu verdecken. Die Kamerahersteller kontern das zum Beispiel mit Domekameras in getönten Kuppelaufsätzen, bei denen sich von außen nicht erkennen lässt, in welche Richtung die Linse zielt. Oder mittels Mikrokameras, deren Pinhole-Objektive sich in Regalen und Rohren verstecken lassen.

Die bessere Qualität der digitalen Geräte ermöglicht es oft, die Zahl der Kameras zu reduzieren. Bei Edeka Lustfeld etwa kommt heutzutage rechnerisch auf je 50 Quadratmeter eine digitale Kamera zum Einsatz – die analogen Vorgänger deckten weniger als 30 Quadratmeter ab. Zudem können sie mit akustischen Warnsystemen gekoppelt werden. In Hanekamps Vorzeigemarkt in Nienburg wird zum Beispiel Alarm ausgelöst, wenn Kunden mit einem vollen Einkaufswagen durch den Eingang entwischen wollen, statt durch den Kassenausgang zu gehen. Schon im ersten Jahr habe er dadurch Diebstähle im Wert von 3 300 Euro verhindern können, schätzt Hanekamp.

Auflagen wirken abschreckend

Obwohl Videoüberwachung in Deutschland generell eher negativ betrachtet wird, ist der Diebstahlschutz in Geschäften offenbar weithin akzeptiert. Laut EHI-Umfrage berichten rund vier Prozent der Händler von negativen Erfahrungen; 84 Prozent der Kunden geben sich gleichgültig, zwölf Prozent äußern sich sogar positiv.

Wer Kameras anbringt, muss Vorschriften beachten: So ist der konkrete Zweck der Überwachung schriftlich festzuhalten, und es muss begründet werden, warum es zu der Maßnahme keine Alternative gibt. Die Aufzeichnungen sind nach 48 Stunden zu löschen, am Geschäftseingang müssen Hinweisschilder die Kunden über den Kameraeinsatz informieren.

„Gerade kleine Händler schrecken die Auflagen oft ab“, weiß Romy Ziegler von der Betriebsberatung Handel der IHK Erfurt. Sie rät dann, den Laden gut auszuleuchten und übersichtlich zu gestalten sowie die Umkleidekabinen im Blick zu behalten. Die IHK Erfurt hat dazu ein Merkblatt herausgegeben, das man auch online abrufen kann. Über Diebstahlprävention hinaus kann Videotechnologie bei Organisation und Marketing helfen. „Wir sehen da sehr viel Potenzial“, sagt Ralph Siegfried, Business Development Manager beim Kamerahersteller Axis Communications. Vorstellbar und technisch möglich ist heutzutage vieles: etwa eine blitzschnelle Auswertung von Bildern nach Geschlecht oder Alter, die eine zielgruppengerecht aufbereitete Werbung auf elektronischen Displays auslöst.

„Was personenbezogen geschieht, ist datenschutzrechtlich relevant“

Auch Warteschlangenmanagement, Laufweganalyse oder die Erfassung der Verweildauer von Kunden sind im Kommen. Laut EHI-Umfrage kennen mehr als drei Viertel der Händler diese Einsatzfelder – aber nicht einmal jeder Fünfte macht davon Gebrauch, auch weil vielen unklar ist, was rechtlich zulässig ist und was nicht. Thomas Kranig, Präsident des Bayerischen Landesamts für Datenschutzaufsicht, gibt als Richtschnur aus: „Wenn etwas personenbezogen geschieht, ist es datenschutzrechtlich relevant“ – und häufig nur mit Einverständnis der Betroffenen zulässig.

In anderen Ländern wird das weniger streng gesehen. Im kommenden Jahr will die Europäische Kommission eine Datenschutz- Grundverordnung verabschieden, die für einheitliche Standards sorgen und 2018 die Datenschutz-Richtlinie aus dem Jahr 1995 ablösen wird. Für Kranig steht jetzt schon fest: „Wir Datenschützer werden dann vieles ganz anders und, bezogen auf die Videoüberwachung, vielleicht lockerer sehen müssen.“ Für viele Händler ist das eine gute Nachricht.

 

Kameraeinsatz: Was erlaubt ist – und was nicht
Antworten von Thomas Kranig, Präsident des Bayerischen Landesamts für Datenschutzaufsicht in Ansbach. Im Einzelfall können die Vorschriften in anderen Bundesländern abweichend ausgelegt werden.

DARF ICH …

… so viele Kameras aufhängen, wie ich will?
Nein. Nur so viele wie erforderlich sind, um das Ziel der Überwachung zu erreichen. Das heißt: Jede Kamera will gut überlegt sein. Schließlich greift Videoüberwachung in das Persönlichkeitsrecht ein. In einem sehr kleinen, übersichtlichen Laden hätte ich generell gegen Kameras Bedenken.

… Kamerabilder von verdächtigen Personen ausdrucken und an Mitarbeiter verteilen, damit sie wachsam sind?
Wenn die Fotos innerhalb der Belegschaft bleiben, würde ich es als zulässig ansehen, denn es dient dem Ziel, Ladendiebstahl zu verhindern. Sie dürfen aber nicht ans Schwarze Brett gehängt werden oder anderswohin, wo Betriebsfremde Zugang haben könnten. Außerdem müssen sie nach gegebener Zeit wieder eingesammelt und vernichtet werden.

…das Video zurückdrehen, wenn mich eine Kundin bittet, zu prüfen, ob sich ihr dementer Ehemann im Laden aufgehalten hat?
Nein. Kamerabilder dürfen nur für den Zweck verwendet werden, für den sie gemacht worden sind, also die Verhinderung und Aufdeckung von Diebstahl.

… die Anlage zur Analyse von Kaufverhalten einsetzen, indem ich die Laufwege konkreter Kunden nachverfolge?
Ganz sicher nicht! Videoüberwachung im öffentlichen Raum zu Marketingzwecken ist nicht erlaubt, wenn Daten personenbezogen erfasst werden. Möglich wäre eine ausschließlich numerische Zählung, etwa, wie viele Personen ein Geschäft betreten.

… Schaufensterpuppen mit intelligenten Kameras ausstatten, die erkennen, ob mehr Männer oder Frauen durch die Scheibe sehen, und entsprechende Bildschirmwerbung auslösen?
Ja, wenn die Daten sofort und technisch richtig anonymisiert werden und es keine Möglichkeit gibt, Bewegungsprofile zu erstellen oder sonstige Rückschlüsse auf einzelne Personen zu ziehen.

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