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Triumph der blauen Schwerter

Verbindung von Tradition und Moderne: Die Manufaktur Meissen reagiert mit einer Neuausrichtung auf den Generations- und Wertewechsel im Luxusmarkt.

Der Porzellanindustrie geht es weltweit nicht besonders gut. „Aber wir konnten uns gegen den Trend behaupten”, sagt Christian Kurtzke, Geschäftsführer der Porzellanmanufaktur Meissen. Er wurde im November 2008 engagiert, um das Unternehmen zu sanieren. Seine Ziele: Die drei Geschäftsbereiche Fine Dining, Fine Living und Fine Jewellery — also Inneneinrichtung, Kunst und Schmuck — sollen zur weltweit führenden europäischen Manufaktur ausgebaut werden. Wichtig sei, die bestehenden Kundenkontakte noch besser zu pflegen. Auch neue Zielgruppen will er ansprechen. Die Staatliche Porzellanmanufaktur Meissen ist weltweit in 30 Ländern mit 300 Fachhändlern und eigenen Shops präsent.

Eine entscheidende Rolle auf dem Weg zu neuen Erfolgen sollen vor allem Produktinnovationen spielen: zum Beispiel die neue Schmuck-Kollektion, die sich zu einer tragenden Säule entwickeln soll. Aber auch Arrangements für eine neue Tisch- und Tafelkultur schätzt Kurtzke als vielversprechend ein. „Damit zielen wir auf die veränderten Lebenswelten der heutigen Generation und bieten ideale Geschenke für Sushi, Pasta und Espresso”, sagt er. Wichtig ist ihm jedoch: Der Markenkern bleibe unverändert, schließlich repräsentiert die Manufaktur auch 300 Jahre Tradition. „Meissen steht auch weiterhin für Einzigartigkeit und Wertigkeit.” Unübersehbar sei das bei der Schmuck-Kollektion, die im Rahmen der Design-Messe in Mailand 1.300 geladenen Gästen vorgestellt und begeistert aufgenommen wurde. Das werde aber auch deutlich bei den Wandfliesen, die mit noch nie gesehenen Farben und Dessins hochwertigen Küchen, Bädern, Dielen und Hotels eine ganz besondere Note geben können.

Die Manufaktur Meissen feiert in diesem Jahr ihr 300-jähriges Bestehen. Sie gehört zu den bekanntesten deutschen Luxusmarken, wie jüngst eine Studie des Markenverbandes und der Unternehmensberatung KPMG ergab. Porzellane aus der Manufaktur Meissen, das sind heute wie damals immer Unikate. Jedes Stück ist in Handarbeit gefertigt und bemalt. Wenn gegenwärtig zum Beispiel an einem Auftrag aus Taiwan über 62 Deckelvasen gearbeitet wird, so gleichen diese sich auf den ersten Blick wie ein Ei dem anderen. Doch bei genauerem Hinsehen entdeckt man winzige Unterschiede — etwa, weil der Pinsel beim Malen der kleinen Ornamente auf der einen Vase vielleicht doch ein ganz klein wenig kräftiger oder noch zarter als bei der anderen angesetzt wurde.

Historisch betrachtet, verdankt Deutschland diese einzigartige Porzellankunst, die in Meißen (die Stadt schreibt sich mit „ß”, die Manufaktur mit Doppel-s) bei Dresden seit drei Jahrhunderten gepflegt wird, August dem Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen. Sein Verlangen nach schönem Porzellan soll unersättlich gewesen sein. Um sein Begehren zu stillen, ließ er zunächst Unmengen aus China importieren. Das belastete die Staatskasse jedoch so immens, dass nach einem Ausweg gesucht werden musste. Als sich herumsprach, dass in Dresden ein Apotheker namens Johann Friedrich Böttger auf der Suche nach dem Stein der Weisen war, um mit ihm Gold herzustellen, ließ man den Mann kurzerhand einsperren — mit dem Auftrag, weiter zu experimentieren.

Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: Der Traum von reichlich Gold für weitere größere Porzellaneinkäufe erfüllte sich nicht. Dafür wurde das Geheimnis der Porzellanherstellung selbst entschlüsselt, zunächst in Rotbraun und dann in Weiß. Am 23. Januar 1710 gab die sächsische Hofkanzlei mit einem Dekret in lateinischer, französischer, deutscher und holländischer Sprache die Gründung einer Königlich-Polnischen, Kurfürstlich-Sächsischen Porzellanmanufaktur bekannt. Am 6. Juni 1710 wurde die Manufaktur aus Angst vor Spionage unter größten Sicherheitsvorkehrungen auf der Albrechtsburg in Meißen angesiedelt. Die charakteristische Kennzeichnung der einzelnen Stücke mit den gekreuzten blauen Schwertern gibt es seit 1722.


Für die ungebrochene Erfolgsgeschichte gibt es drei Gründe, sagt Jörg Danielczyk, seit 1994 Künstlerischer Leiter der Manufaktur. Als erstes nennt er die hohe Qualifikation der talentierten und engagierten Mitarbeiter. Ferner verweist er auf das eigene kleine Bergwerk, aus dem der Rohstoff Kaolin mit seinem unübertroffenen Weiß abgebaut wird. Und nicht zuletzt sind es die 10.000 Farben, die im eigenen Labor nach streng geheim gehaltenen Rezepturen hergestellt und gemischt werden. Der weiße Ton des Meissener Porzellans lässt diese Farben besonders schön zur Geltung kommen. Sehr genau beobachten die Manufaktur-Mitarbeiter, wie sich die Tisch- und Tafelkultur verändert. Zu großen Feierlichkeiten, egal ob privat oder geschäftlich, werde heute immer seltener nach Hause eingeladen, sondern man gehe lieber ins Restaurant, heißt es im Unternehmen.

Früher hätte man mit prunkvollen Tischdekorationen gepunktet, heute sei eher das Auto zum Statussymbol avanciert. Deshalb müsse man sich anderen Produktwelten wie Inneneinrichtung und Kunst, Figuren und Accessoires sowie der Architektur zuwenden. Anspruchsvolle Privatkunden und Objekteinrichter im gehobenen Bereich wissen das zu schätzen. Sonderanfertigungen gehören selbstverständlich zum Leistungsangebot der traditionsreichsten Manufaktur Europas. Aus Meißen ist zum Beispiel die Großplastik eines Weißkopfseeadlers, die seit 2008 das Foyer der US-Botschaft in Berlin schmückt. Auch als offizielles Gastgeschenk erfreut sich Meissener Kunst seit eh und je großer Beliebtheit. Bundeskanzlerin Angela Merkel verschenkte anlässlich des G8-Gipfels die Figur des Hofnarren Fröhlich. Und US-Präsident Barack Obama erhielt zur Erinnerung an seinen Besuch im Dresdner Residenzschloss aus der Hand von Sachsens Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich die neuen handgearbeiteten Meissen-Manschettenknöpfe mit dem Markenzeichen der Manufaktur.

Zu ihrem 300. Jahrestag entwickelte die Manufaktur eine Jubiläumskollektion, die bei ihrer Vorstellung im Berliner Hotel Adlon im vergangenen Jahr 1.500 Besucher aus 14 Ländern anzog. Zu den viel beachteten Sondereditionen gehörten: die Uhr Chronus 300 für 100.000 Euro mit einer Auflage von nur zehn Stück; eine Teekanne mit Schneeballblüten, goldenen Blättern und Zweigen (45.000 Euro), limitiert auf 50 Exemplare; und ein indisches Panzernashorn (3.400 Euro) mit einer Auflage von 100 Stück. Alle Stücke waren sofort vielfach überzeichnet. Unter den Gästen: Händler, Liebhaber und Sammler, aber auch Anleger. Meissener Porzellan hat sich bereits vielfach als attraktives Investment bewährt.

Bei einer Studie aus den 1980er-Jahren, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat, landete Meissener Porzellan mit 13,3 Prozent jährlichem Ertrag noch vor Gold (11,5 Prozent), Gemälden Alter Meister (10,9 Prozent) und Diamanten. So versteigert das Auktionshaus Sotheby’s beispielsweise die „Dame mit Mohrknaben” aus den 20er-Jahren (Ladenpreis damals: etwa 400 Mark) heute für 12.000 Euro. Der flache Zwiebelmuster-Essteller, Durchmesser 25 cm, kostete Anfang der 60er-Jahre im Meissen-Spezialgeschäft Unter den Linden 11 Ostmark. Preis heute: 146 Euro. Wobei hinzugefügt werden muss, dass für die DDR-Regierung Meissener Porzellan vor allem für den Export zur Verfügung stehen und für Devisen sorgen sollte. Auch dass internationale Künstler für ihre Auftritte in Ostdeutschland statt in der Landeswährung (was hätten sie damit auch anfangen sollen?) mit Meissener Porzellan (und Antiquitäten) bezahlt wurden, kam durchaus nicht selten vor.

Ganz nebenbei: Um keine Begehrlichkeiten zu wecken, war es Wohnkultur-Zeitschriften in Ostdeutschland untersagt, Meissener Porzellan, zum Beispiel auf gedeckten Tischen, zu zeigen. Das Jubiläumsjahr wird mit vielen Veranstaltungen, Ausstellungen und anderen Events begangen. In der Sonderausstellung „All Nations are Welcome — 300 Jahre Manufaktur Meissen als Brücke zwischen Kulturen, Nationen und Religionen” wird gezeigt, wie die Manufaktur Tradition und Moderne zu vereinen vermag und mit ihren Kunstwerken Kulturgeschichte schreibt. Hier erfährt man auch etwas über die Lieblingsstücke verschiedener Nationen. Englische Kunden lieben zum Beispiel besonders Hundefiguren — vor allem Möpse.

{tab=Veranstaltungen und Ausstellungen 2010}
19. Juni: Lange Nacht der Kunst, Kultur und Architektur

26. September: Großer Festumzug zum Jubiläum „300 Jahre Manufaktur Meissen”

23. Oktober: Tag der offenen Tür

8. Mai bis 29. August: Japanisches Palais in Dresden; Triumph der blauen Schwerter (Ausstellung)

9. Mai bis 29. August: Ephraim-Palais in Berlin; Zauber der Zerbrechlichkeit (Ausstellung).
{tab=Zitat}
„Gegen den Trend behauptet.”
Christian Kurtzke, Meissen
{tab=Bild}
Begehrt: die Sonderausstellung „300 Jahre Meissen” im KaDeWe mit großen und kleinen Stücken.
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