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Modernes Rechnungswesen

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Rechnungskauf und Ratenzahlung sind hierzulande traditionell beliebt. Mit Ratepay sorgt die Fintechpionierin Miriam Wohlfarth dafür, dass auch Onlineshops die Bezahlarten ohne Risiko ­anbieten können. Ein wachsendes Geschäft. Text: Ralf Kalscheur

Aus alten Paletten gezimmerte Möbel sind gerade in Berlin kein seltener Anblick, doch in Miriam Wohlfarths Büro bildet die improvisierte Sitzgruppe einen unerwarteten Mittelpunkt. Das Manager Magazin zählt die Gründerin und Geschäftsführerin des Berliner Zahlungsanbieters Ratepay zu den einflussreichsten Wirtschaftsfrauen Deutschlands. Die 48-Jährige ist eine der wenigen weiblichen Führungskräfte in der von Männern dominierten Paymentbranche und engagiert sich medienwirksam in verschiedenen Netzwerken für die Frauenförderung in digitalen Berufen. „Der Frauenanteil an der Ratepay-Mitarbeiterschaft liegt schon bei 40 Prozent, wir wollen aber 50“, sagt die Seiteneinsteigerin, die durch ihre unverkrampfte Art einen Gegenentwurf zum klassischen Finanzbetrieb bildet. „Strenge Hierarchien und einseitige, vorwiegend männliche Mindsets sind nicht gut für ein modernes Unternehmen.“

Auf den Schaumstoffpolstern der Bretterbänke sitzen CEO Jesper Wahrendorf, COO Urs Bader sowie CTO Luise Linden und konferieren informell. Sie teilen sich das Büro mit Wohlfarth. Die Schreibtische stehen an der Fensterseite eng in einer Reihe, je zwei Platte an Platte. Auf einem Holzschränkchen blicken vier Superhelden-Legofiguren, geschart um Wonder Woman, wie von einem kargen Altar auf die Klausurgemeinschaft. „Das ist für uns jetzt fast schon eine luxuriöse Raumsituation“, erzählen die leger gekleideten Führungskräfte gut gelaunt. Bevor das Unternehmen, das seit April über 150 Mitarbeiter beschäftigt, vor einem halben Jahr in größere Räumlichkeiten in Berlin-Charlottenburg umzog, teilte sich die Ratepay-Spitze sogar ein noch kleineres Büro. Zwischen die vier passt kein Blatt Papier, mag die seit Jahren geteilte Nähe bedeuten. „Wir ergänzen uns optimal“, erzählt Wohlfarth, die im Unternehmen hauptsächlich das Marketing und den Vertrieb sowie den Bereich Innovation verantwortet.

Ratepay bietet Onlinehändlern im DACH-Raum und in den Niederlanden Zahlungslösungen für den Umgang mit den beliebtesten Paylatermodellen, wie Rechnung, Ratenzahlung und Lastschrift. Hiesige Verbraucher sind es gewohnt, zuerst die Ware zu erhalten und später zu bezahlen. Eine Erwartungshaltung, die für den Händler mit einigem Aufwand verbunden ist. Die von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) beaufsichtigte Paymentservicefirma übernimmt für Verkäufer gegen Gebühr die Abwicklung des Zahlungsverkehrs, prüft die Bonität in Echtzeit, kümmert sich um die Finanzierung, das Debitorenmanagement sowie das Inkasso und trägt das Zahlungsausfallrisiko.

Der Shopbetreiber kann die Zahlungsarten über den Technologiegeber Ratepay auch selbst anbieten und bleibt damit Forderungsinhaber. So behält er die Erträge aus Mahnungen und Zinsen. Aber bequemer und sicherer ist die Factoringkomplettlösung, bei der sich der Verkäufer auf sein Geschäft konzentriert, kassiert – und Ratepay die nachgelagerten Bearbeitungsprozesse überlässt. Seit 2016 arbeitet das Unternehmen profitabel (80.000 Euro Überschuss); 2017 konnte es den Außenumsatz auf 1,2 Milliarden Euro verdoppeln und einen Jahresüberschuss von 2,4 Millionen Euro erzielen.

Zur Person
Miriam Wohlfarth, 48, wuchs im Raum Stuttgart auf und ist gelernte Reiseverkehrskauffrau. Im Jahr 2000 wechselte die damalige Vertriebs­leiterin Geschäftskunden bei ­Hapag-Lloyd in die Paymentbranche. Nach Stationen bei Zahlungsdienstleistern gründete sie 2009 Ratepay. Die Mutter einer 13-jährigen Tochter lebt in Berlin und engagiert sich für Netzwerke in der Finanzbranche und Frauenförderung.

Das Fintech Ratepay gründet Wohlfarth 2009, als der Begriff Fintech hierzulande noch kaum gebräuchlich ist. Ihr Karriereweg verzeichnet bis dahin einige Kurven. Sie bricht in Tübingen zwei Studiengänge ab und beginnt eine Lehre zur Reiseverkehrskauffrau. Bei einem Fernreisenveranstalter entdeckt sie später ihre Neigung und ihr Talent für den Vertrieb. „Ich habe viel verkauft, weil ich dafür mit Gratisreisetickets belohnt wurde.“ Hapag-Lloyd, wo sich Wohlfarth 1997 erfolgreich als Key-Account-Managerin für Geschäftsreisen bewirbt, belohnt sie überdies mit einem Gehalt, das ihr fortan das nebenberufliche Kellnern erspart.

Frühe Ahnung vom Durchbruch des E-Commerce
„Zu dieser Zeit hatte bei Hapag-Lloyd noch kaum jemand einen Internetzugang oder eine E-Mail-Adresse. Für meinen Account musste ich richtig kämpfen“, erzählt Wohlfarth. Sie hegt gegenüber Technik keine Berührungsängste. Ihr Vater war Ingenieur bei IBM, „ein Tüftler und Löter“, der die Tochter mit an die Werkbank nimmt, denn ihr Bruder ist neun Jahre jünger. Zur Jahrtausendwende ist es für Wohlfarth mehr als eine Ahnung, dass das Internet die Zukunft des Handels verändern wird – und damit auch die des Zahlungsverkehrs. Sie beschäftigt sich früh und intensiv mit Paymenttechnologien, was in der Branche nicht unbemerkt bleibt. Der Zahlungssystemanbieter Bibit bietet ihr einen Job in Utrecht an. Sie gibt den Firmenwagen ab und wechselt vom Konzern zum Start-up, um Neues zu wagen. Bibit gehört bald zu den ersten Anbietern von Zahlungssystemen für Fluggesellschaften, die ihr Angebot digitalisieren. 2004 kauft die Royal Bank of Scotland die Niederländer und firmiert das Unternehmen um in Worldpay.

2006 verlässt ihr befreundeter Chef Pieter van der Does die Firma und gründet ein Jahr später nach dem Vorbild von Worldpay das Unternehmen Adyen. Adyen gehört heute zu den internationalen Schwergewichten der Paymentbranche. „Pieter ist mein Vorbild“, erzählt Wohlfarth, „der ist auch kein Techi, sondern kommt ursprünglich aus dem Publishingbereich.“ Wohlfarth dachte sich: „Was der kann, kann ich auch!“

 

Miriam Wohlfarth hat sich von dem Gedanken gelöst, dass Ratepay ihr gehören muss. "Es ist trotzdem mein Baby." ©  laif/Andreas Pein

Miriam Wohlfarth hat sich von dem Gedanken gelöst, dass Ratepay ihr gehören muss. “Es ist trotzdem mein Baby.” Anklicken zum Vergrößern. © laif/Andreas Pein

Im Alter von 39 Jahren wagt die Mutter einer damals vierjährigen Tochter zusammen mit drei Mitstreitern den Sprung in die Selbstständigkeit. „Es gab 2009 noch keinen auf den deutschen Markt spezialisierten Dienstleister für Bezahllösungen rund um Lastschrift, Rechnung und Ratenkauf“, beschreibt Wohlfahrth die Nische. Die großen Händler wickelten das selbst ab. Doch der Zeitpunkt ihrer Gründung ist ungünstig. Vor dem Hintergrund der Finanzkrise findet das Start-up keine Geldgeber. Wohlfarths Mitgründer springen ab. Internetunternehmer Oliver Beste, Gründer von Mytoys.de und FoundersLink.com, stellt als Berater und Anteilseigner von Ratepay den Kontakt zu Otto her. Der Konzern ist am Know-how des Rechnungsspezialisten interessiert, weil die meisten seiner Kunden per Rechnung bezahlen. 2010 steigt Otto ein, übernimmt 2011 das Start-up mit 14 Mitarbeitern und stellt Wohlfarth Jesper Wahrendorf, bis dahin Leiter Business Development Neue Medien bei der Otto Group, als Co-Geschäftsführer an die Seite.

Wohlfarth redet nicht drum herum, das macht sie nahbar und ist ein Ausdruck ihres Kommunikationstalents. Die Übernahme durch Otto 2011 empfindet sie anfangs als Scheitern ihrer Selbstständigkeit. Aus Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern habe sie damals ihre Unternehmensanteile abgegeben. „Ich habe mich von dem Gedanken gelöst, dass Ratepay mir gehören muss. Es ist trotzdem mein Baby.“

Laufen gelernt hat das Geschäftsmodell mit dem Konzept, Ratenkäufe unkompliziert im Internet zu ermöglichen. Der Onlineshop gewinnt so Neukunden, die sonst nicht gekauft hätten. Das Risiko trägt Ratepay. Schon beim Bestellvorgang im Internet prüft Ratepay ohne Medienbruch die Bonität des Bestellers und bewertet die Wahrscheinlichkeit des Zahlungsausfalls. Wie hoch das annehmbare Risiko sein soll, kann der Händler bestimmen; danach bemisst sich seine Gebühr an Ratepay. Der Kunde muss sich für die Onlinekreditzusage nicht bei einer Bank oder einer Poststelle ausweisen. Er muss keine persönlichen Fragen zu den Lebensumständen beantworten oder Sicherheiten nachweisen. Die Angabe von Name, Geburtsdatum, Anschrift und E-Mail-Adresse genügt; nach ein paar Klicks werden ihm Zahlungsziele zur Vereinbarung vorgeschlagen.

Mustererkennung mittels Machine Learning
Bei der Bonitätsprüfung geht es längst nicht mehr nur um die Involvierung von Auskunfteien wie der Schufa. Viel wichtiger ist die Mustererkennung mittels Machine Learning. Wenn etwa ein junger Mann mitten in der Nacht erstmals und ohne erkennbares Kostenbewusstsein angesagte Marken bestellt, darf man sich im Maschinenraum von Ratepay ein kleines rotes Lämpchen vorstellen, das hektisch blinkt. Treten in der Wohngegend des Bestellers gehäuft Betrugsfälle auf? Gab es Tippfehler bei der Namensangabe? Passen Name und E-Mail-Adresse zusammen? Wurde der Warenkorb mehrfach geöffnet? All das sind Indizien, die dazu führen können, dass Ratepay die Transaktion nicht kauft. Generell mit spitzen Fingern fasst Ratepay die „Risikogruppe“ Elektronikartikel an, denn teure Handys lassen sich leicht unter der Hand weiterverkaufen, was die Betrugsmotivation erhöht.

Mit zehn bis zwölf Prozent effektivem Jahreszins beim Ratenkauf liegt Ratepays Angebot etwa auf Dispokreditniveau, kommt Konsumenten also recht teuer zu stehen. „Ein Verbraucherkredit ist natürlich deutlich günstiger“, räumt Wohlfarth ein, „aber unser Ratenzahlungsangebot ist auch nicht für größere Anschaffungen gedacht, sondern für Spontankäufe.“ Rund 100 000 Transaktionen bearbeitet der Dienstleister täglich. Das Gros bildet der beliebte Rechnungskauf, abgewickelt für über 350 Händler aus unterschiedlichen Branchen wie Fashion (About You), Lebensmittel (Bringmeister) oder Möbel (Inhofer).

2017 verkauft die Otto Group Ratepay an Advent International und Bain Capital Private Equity. Die Finanzinvestoren hatten kurz zuvor schon Concardis, die ehemalige Gemeinschaftseinrichtung der deutschen Kreditwirtschaft, übernommen. Von Concardis stehen 470 000 Bezahlterminals bei 116 000 Händlern. Unter dem Dach der in diesem April gegründeten Concardis Payment Group GmbH soll Ratepay künftig das Geschäft mit Onlinebezahlungen stärken. Rechnungs- und Ratenkauf an der Ladenkasse anzubieten, ist für Concardis auch eine interessante Option, ließ das Unternehmen bereits verlauten.

Die vielreisende Miriam Wohlfarth blickt der „neuen Flughöhe“ mit dem starken Partner entgegen und konzentriert sich auf ihr Produkt. „Rechnungs- und Ratenkauf, das klingt so altmodisch“, sagt sie. Dabei sei die Zeit der konsumentenfreundlichen Trennung von Konsum und nachgelagertem Bezahlvorgang international erst angebrochen.

 

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Risiko managen lassen
Rund die Hälfte aller E-Commerce-Umsätze wird nach Erhebungen des EHI über Rechnungskauf und Lastschriftverfahren getätigt.

Onlineshopper bezahlen am liebsten per Rechnung (41 Prozent) und via Paypal (32 Prozent), so eine aktuelle ECC-Payment-Studie. Auf den Plätzen der Nutzergunst folgen Lastschrift, Kreditkarte und Sofortüberweisung. Das Ergebnis der Befragung von Verbrauchern im DACH-Raum liegt im Trend der Vorjahre. Sieben von zehn Konsumenten bezahlen im Netz immer mit ihrem präferierten Onlinebezahlverfahren – sofern dies angeboten wird. Aus Händlersicht gewinnt der Ausbau des angebotenen Paymentmixes an Bedeutung. Etwa sieben Bezahlverfahren bieten die vom ECC befragten Shopbetreiber derzeit im Schnitt an; bis 2020 sollen zwei bis drei weitere dazukommen. Am häufigsten werden Paypal, die Kreditkarte und das Online-Überweisungsverfahren Giropay (plus 13 Prozent gegenüber 2016) neu integriert.

Weil hiesige Verbraucher es schätzen, die bestellte Ware erst nach Erhalt und Begutachtung zu bezahlen, setzen Onlinehändler daneben verstärkt auf die Absicherung des Zahlungsausfallrisikos bei Rechnung, Lastschrift und Ratenkauf. So planen 42 Prozent der befragten Verkäufer, die derzeit einen ungesicherten Rechnungskauf anbieten, sich nach einem Dienst­leister umzusehen, der ihnen das Risiko abnimmt.

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