Alle Informationen für den Handel

Unternehmen

Mobil machen

© AdobeStock/
leungchopan

Einzelhändler stellen sich immer mehr auf das kontaktlose Bezahlen via NFC-Technik ein. Fast jedes zweite Terminal ist bereits umgestellt. Welche Entwicklungen sich aktuell abzeichnen. Text: Eva Neuthinger

Das war eine Ente: Anfang Februar kursierte das Gerücht, ab März dieses Jahres würde der Startschuss für Apple-Pay in Deutschland fallen. Die These ist vom Tisch, seit Tim Cook, CEO des Konzerns, die aktuellen Quartalszahlen seines Hauses vorgestellt hat. Bei dem Termin erklärte er, dass Apple-Pay demnächst in Brasilien an den Start geht.

Spekulationen um Apple-Pay finden viel Beachtung – sowohl bei den Verbrauchern als auch beim Handel. „Dabei erscheint der große Hype nicht ganz verständlich. Im Prinzip handelt es sich um ein gewöhnliches kontaktloses Bezahlverfahren per Smartphone“, sagt Ulrich Binnebößel, Zahlungsexperte beim Handelsverband Deutschland (HDE). Der Kunde hält sein iPhone vor das Zahlungsterminal – und fertig. Revolutionäres oder Mystisches ist nicht daran. „Wenn Einzelhändler kontaktloses Bezahlen per NFC-Technik anbieten, können sie den Entwicklungen gelassen entgegensehen. Sie sind auf dem derzeit aktuellen Stand, um auf alle Kundenbedürfnisse einzugehen. Und zwar ganz unabhängig davon, ob Apple-Pay nun kommt oder nicht“, erklärt Binnebößel.

Nach Angaben des EHI Institute in Köln können bereits zwei Drittel der größeren Händler kontaktlose Zahlungen verarbeiten, egal ob per Smartphone oder per Karte. In diesem Umfeld findet die Girocard kontaktlos zunehmend mehr Freunde – sowohl aufseiten der Kunden als auch bei den Einzelhändlern. Bis 2020 soll es etwa 75 Millionen Bank- und Sparkassenkarten mit  Kontaktlosfunktion geben. Der Kaufbetrag wird hier durch Vorhalten der Karte an das Lesegerät vom Girokonto abgebucht. Rund 35 Millionen solcher Girocards gibt es schon. „Die Deutsche Kreditwirtschaft hat hierzulande mit der Girokarte ein erstklassiges Zahlungsinstrument und eine ausgezeichnete Marktstellung, die auch beibehalten und gestärkt werden muss – und da ist sie dran“, sagt Horst Rüter, Zahlungsexperte und Mitglied der Geschäftsleitung im EHI.

Doppelt so schneller Check-out möglich
„Händler, die noch nicht freigeschaltet sind, ziehen vermutlich kurz- bis mittelfristig nach“, glaubt Binnebößel. Sein Tipp für Händler: die Terminals besser mieten statt kaufen – und zwar mit einer möglichst kurzen Vertragslaufzeit, bestenfalls von einem Jahr. „Die Technik entwickelt sich dynamisch. Es zeichnet sich heute schon ab, dass künftig mehr und mehr Geräte zum Einsatz kommen, die Apps, wie beispielsweise Kundenbindungsprogramme oder Couponaktionen, integrieren können oder die mit einem großen Touchscreen-Display arbeiten“, erläutert Binnebößel. Es ergebe keinen Sinn, sich jetzt für mehrere Hundert Euro ein Terminal zu kaufen, das schon bald nicht mehr „State of the Art“ ist.

© Die Hoffotografen

Ulrich Binnebößel, Experte für Zahlungsverkehr beim HDE  © Die Hoffotografen

 

 

 

 

 

 

 

In der Regel erweist sich Mieten als eine gute Lösung. Investitionen in moderne Terminals können sich andererseits schnell rechnen. Schließlich funktioniert das Bezahlen kontaktlos viel schneller. Im Schnitt dauert der Check-out an der Kasse laut EHI deutlich mehr als 20 Sekunden, kontaktlos indes nur zehn bis zwölf Sekunden. Wie rasch Einzelhändler hier mitziehen sollten, hängt allerdings auch stark von ihrer Zielgruppe ab. Man muss wissen: Das größte Geschäft läuft im stationären Handel in Deutschland noch immer in bar. Benedikt Sütterlin führt zwei Hit-Märkte in Aachen. „In unseren Geschäften erzielen wir noch rund 40 Prozent unseres Umsatzes mit Barzahlungen, 60 Prozent mit Kartenzahlungen. Die kontaktlose Variante bieten wir ebenfalls an, sie wird aber fast nie genutzt“, so der Lebensmitteleinzelhändler.

Deutschland hinkt hinterher. Ein Vorreiter des bargeldlosen Bezahlens scheint Schweden zu sein. Selbst auf Wochenmärkten sind die Händler bargeldlos unterwegs. Das läuft über das mobile Zahlungssystem Swish – ein Angebot der größten Banken des Landes. Der Kunde gibt einfach die Telefonnummer seines Händlers in eine App ein. Der Betrag seines Einkaufs wird automatisch von seinem Konto abgebucht, parallel dazu dem Händler gutgeschrieben. Während der Anteil des Bargeldumlaufs am Bruttoinlandsprodukt in Schweden nur noch etwa 1,5 Prozent beträgt, bewegt er sich in Deutschland bei etwa acht Prozent.

Die Tendenz ist aber ebenso in der Bundesrepublik abnehmend – wohl auch deshalb, weil der Onlinehandel stetig Marktanteile gewinnt. Hier geben die neuen Europaregeln zum Zahlungsverkehr durch die sogenannte PSD-2-Richtlinie (Payment Service Directive) momentan den Kurs vor. Diese sind zum 13. Januar dieses Jahres in Kraft getreten (siehe unten „Was sich mit der PSD-2-Richtlinie ändert“). Die Direktive sieht beispielsweise vor, dass Händler für viele Zahlungsarten keine Extragebühren mehr verlangen dürfen. „Das sollten inzwischen alle Shops so umgesetzt haben. Alles andere wäre ein Gesetzesverstoß“, warnt Binnebößel.

 

Was sich mit der PSD-2-Richtlinie ändert

Einzelhändler müssen beim Zahlungsverkehr diese neuen Regelungen beachten:

■ Gutscheine: Vorsicht ist bei unternehmensübergreifenden Gutscheinsystemen geboten. Sie müssen künftig über einen professionellen Emittenten – also etwa eine Bank – abgewickelt werden. Der Händler braucht also einen starken Kooperationspartner. Das betrifft aber nur elektronische Gutschein- respektive Geschenkkarten oder Apps – also etwa Karten, auf denen Geldbeträge gespeichert sind – und nur solche, die im Verbund von mehreren Unternehmen angeboten werden. Ausnahmen könnten greifen, wenn der Gutschein oder die Geschenkkarte nur begrenzt verwendbar ist. Wer seine eigenen elektronischen Gutscheine herausgibt oder nur Papiergutscheine akzeptiert, kann sich zurücklehnen. Weitere Informationen unter www.einzelhandel.de – Stichwort „Gesetz zur Umsetzung der zweiten Zahlungsdiensterichtlinie“ sowie bei den regionalen Handelsverbänden.

■ Zuschläge: Onlinehändler dürfen für bestimmte Zahlungsarten keine Aufpreise mehr verlangen. SEPA-Lastschriften, Überweisungen und Zahlungen mit den meisten Karten müssen für Kunden kostenlos sein. Ausnahmen gelten für die Bezahlung mit Firmenkreditkarten oder jenen, bei denen nur eine Bank zwischengeschaltet ist – wie etwa bei American Express. Es handelt sich um die sogenannten Dreiparteiensysteme.

Lesen Sie weiter


Agenda

Endlich verständlich

Storytelling statt grauer Theorie: Eine neue Medienreihe vermittelt die ökonomische Bildung im Handel anhand praktischer Beispiele aus dem Alltag einer Wohngemeinschaft. mehr...

Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>