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Sicherheitskette für die Schmuckbranche

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Lange waren Blockchains vor allem als Technologie hinter Kryptowährungen bekannt. Einsetzbar sind sie aber überall, wo es um den sicheren Austausch vertraulicher Informationen geht. Mittlerweile beschäftigen sich auch Handelsunternehmen mit dem System. Als Treiber agiert die bislang als konservativ geltende Schmuckbranche. Text: Mirko Hackmann

Als Bruce Cleaver, Chef des weltweit größten Diamantenproduzenten und -händlers De Beers, Anfang Dezember vergangenen Jahres den Einstieg seines Unternehmens in die Blockchain-Technologie verkündete, ging ein Raunen durch die Branche. „Bahnbrechendes Potenzial“ erkannte beispielsweise Gaetano Cavalieri, Präsident der World Jewellery Confederation (CIBJO), darin. Die neue Technologie biete Lösungen für eine Herausforderung, die bekanntermaßen bislang schwer zu meistern gewesen sei. Die etwas verklausulierte Formulierung zielt auf die Achillesferse der Branche: den sicheren Nachweis, dass im Handel befindliche Diamanten nicht nur echt und keine Hehlerware sind, sondern zugleich aus sauberen, konfliktfreien Quellen stammen.

Diamanten gelten zwar als beste Freunde der Frau und stehen zudem für Luxus, Schönheit und Reinheit. Doch über lange Zeit klebte an den Steinen bisweilen das Blut jener, die unter widrigen Bedingungen in den zumeist auf dem afrikanischen Kontinent gelegenen Minen schuften oder anderweitig in das für jede Art von Kriminellen und Bürgerkriegstreibern attraktive  Milliardengeschäft verstrickt sind. Der Film „Blood Diamond“ mit Leonardo DiCaprio hat das Problem im Jahr 2006 in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. In Zeiten fair gehandelter Textilien und biozertifizierter Tiernahrung fürchtete der saubere Teil der Schmuckbranche das im Film transportierte Negativimage und forcierte den 2003 in Kraft getretenen Kimberley-Prozess.

Unvergänglich wie ein Diamant
Dabei handelt es sich um ein komplexes System, das über staatliche Herkunftszertifikate den Handel mit Blutdiamanten verhindern soll. Inzwischen beteiligen sich daran neben den Ländern der Europäischen Union mehr als 50 weitere Staaten, darunter sämtliche afrikanischen Länder, die über Diamantenvorkommen verfügen. Mit der freiwilligen Selbstverpflichtung sind allerdings keinerlei Sanktionsmöglichkeiten verknüpft; für die Sicherstellung der Regelungen tragen die Staaten selbst Verantwortung. Simbabwe und die Elfenbeinküste beispielsweise gelten in dieser Hinsicht als wenig verlässlich, Venezuela ist ganz aus dem Prozess ausgestiegen.

Konfliktdiamanten finden also weiterhin ihren Weg auf die großen Börsen in Antwerpen, Mumbay, London, New York und Tel Aviv. Doch bei den Juwelieren fragt die betuchte Kundschaft immer häufiger nach, wie es denn um die Herkunft des ins Auge gefassten Objekts bestellt sei. Mithilfe ihrer Blockchain-Initiative will die in Luxemburg ansässige De Beers Group ein einheitliches, manipulationssicheres und die gesamte Wertschöpfungskette abbildendes Digitalzertifikat etablieren.

„Indem wir uns die Blockchain-Technologie zunutze machen, schaffen wir eine zusätzliche Sicherheitsebene für Konsumenten und Branchenbeteiligte, die gewährleistet, dass der Nachweis jedes auf der Plattform registrierten Diamanten so unvergänglich ist wie der Diamant selbst“, erklärt CEO Bruce Cleaver.

Virtuelles Kassenbuch
Das funktioniert, weil in einer Blockchain Daten wie Perlen an einer Kette verschlüsselt und als digitale Datenblöcke dezentral gespeichert werden (siehe Grafik). Alle Teilnehmer sehen die Daten sämtlicher bislang vollzogenen Transaktionen. Kommen neue Daten hinzu, wird die Kette um einen neuen Block erweitert und vom Netzwerk beglaubigt. Somit gleicht die Blockchain einem virtuellen Kassenbuch, in dem jede Veränderung an zahlreichen Stellen im Netzwerk vermerkt wird, wodurch Manipulationen ausgeschlossen sein sollen.

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Um sicherzustellen, die Anliegen und Bedürfnisse aller Industriebeteiligten angemessen abzubilden, bindet De Beers Vertreter aus allen Stufen der Wertschöpfungskette in die Erprobungsphase
der Branchen-Blockchain ein: von den Minengesellschaften über Händler, Schleifer, gemmologische Labore und Großhändler bis hin zu den Detailhändlern und Juwelieren. Am Ende soll ein offenes System stehen, an dem alle Industriepartner teilhaben können und das von einer unabhängigen Stiftung gesteuert wird, die die Interessen aller Beteiligten repräsentieren soll.

Dass die Technologie nicht auf den Diamanthandel beschränkt bleiben wird, belegt die Initiative des Schmuck- und Uhrenhändlers Gübelin. Bereits im vergangenen Jahr hat das Unternehmen aus Luzern mit dem „Emerald Paternity Test“ ein Verfahren entwickelt, mit dem sich Farbedelsteinen ein nicht sichtbares Etikett anhängen lässt, anhand dessen sich überprüfen lässt, aus welcher Mine ein Stein stammt. Um den Weg der Edelsteine künftig vollständig abbilden zu können, will Daniel Nyfeler, Leiter des 1929 gegründeten gemmologischen Labors von Gübelin, das Verfahren
mit der Blockchain-Technologie kombinieren. Gemeinsam mit dem in London ansässigen Start-up Everledger baut Nyfeler aktuell einen Piloten auf.

Verkürzte Wertschöpfungskette
Mehr als 1,5 Millionen Diamanten hat Everledger bereits registriert, die anhand von 40 Attributen individuell identifizierbar sind – nun kommen die Farbedelsteine hinzu. Mitte des Jahres will Nyfeler so weit sein, dass seine Blockchain live gehen kann. Den entscheidenden Vorteil für Juweliere sieht er darin, dass sie ihren Kunden künftig ein Narrativ mitverkaufen können.

„Die Geschichte jedes Steines lässt sich von der Mine über die diversen Verarbeitungsstufen lückenlos erzählen, wömöglich sogar anhand von Bildern oder Videos“, schwärmt Nyfeler. Zudem werde sich die Branche deutlich wandeln: „Bislang lebten wir alle von der Intransparenz. Sobald alles offenliegt, verkürzt sich die Wertschöpfungskette, viele Zwischenhändler werden verschwinden.“

Dieses Schicksal teilen die Akteure des Schmuckfachs mit anderen Branchen. Denn die disruptive Kraft der Blockchain liegt nach Ansicht zahlreicher Experten darin, dass es sich um ein selbstregulierendes System handelt. Dieses beschleunigt und vereinfacht Prozesse, indem es zahlreiche Intermediäre, aber auch Prüfinstitutionen, die bislang die Echtheit von Transaktionen beglaubigten, obsolet macht. Verkürzt sich die Wertschöpfungskette, könnte sich das in günstigeren Preisen spiegeln. So können Frauen ihre besten Freunde bald nicht nur ohne schlechtes Gewissen tragen, sondern sie womöglich zudem noch preisgünstiger erstehen.

 

 

„Transparenz schafft Vertrauen“

Joachim Dünkelmann, Geschäftsführer Handelsverband Juweliere (BVJ), über Standards, stabile Lieferketten und weniger Papierkram

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Herr Dünkelmann, welche Folgen erwarten Sie für den internationalen Handel mit Diamanten und Edelsteinen, wenn sich die Blockchain-Technologie in der Branche durchsetzt?

In erster Linie noch mehr Transparenz für alle Beteiligten und einen verbesserten Zugriff auf relevante Informationen. Außerdem könnte die Blockchain-Technologie dazu führen, dass die Prozesse effizienter und schneller werden. Mit Partnern wie De Beers Group und dem Weltschmuckverband CIBJO im Boot besteht das Potenzial, ein weltweit offenes, einheitliches System und
damit einen Standard zu schaffen. Nebenbei bemerkt: Dass eine so traditionsbehaftete Branche hier zu einem der Vorreiter beim Einsatz neuer Technologien wird, ist für das Image sicherlich nicht schädlich.

Welche Vorteile sehen Sie für die Einzelhändler in der Schmuckbranche?

Der Kunde will gerade bei einem so persönlichen Produkt wie Schmuck genau wissen, was er kauft. Je qualifizierter und genauer die Angaben sind, die der Verkäufer geben kann, desto mehr Sicherheit für den Käufer. Deshalb kaufen Juweliere schon heute nur bei Lieferanten, die Nachweise liefern und den Kimberley-Prozess unterstützen. Wenn die Herkunft über die diversen
Verarbeitungsstufen lückenlos für jeden transparent ist, schafft das Vertrauen. Ganz nebenbei könnten wir eine Menge Papierkram sparen.

Erwarten Sie, dass künftig im deutschen Schmuckhandel ausnahmslos konfliktfreie Steine zu erwerben sein werden?

Das ist dank dem Kimberley-Prozess ja heute schon der Fall. Durch die von der UN sanktionierten Kontrollverfahren konnte der Anteil von konfliktbehaftetem Material am Welthandel bereits auf unter 0,4 Prozent gesenkt werden. Wir gehen aufgrund der hierzulande etablierten Lieferketten sogar davon aus, dass die Herkunft generell nachweisbar ist. Alles andere wäre auch kontraproduktiv. Denn das Vertrauen seiner Kunden will keiner aufs Spiel setzen.

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