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Siegen gegen den Rest der Welt

© Lokaso

Digitalisierung als Gemeinschaftsprojekt: Der Onlinemarktplatz Lokaso vereint die Angebote lokaler Händler. Das Kooperationsmodell ist ein Feldversuch gegen die Innenstadtverödung – getragen von viel Eigeninitiative und Lokalpatriotismus. Text: Ralf Kalscheur

Persönlicher Service wird bei Lokaso in Siegen großgeschrieben. Unter der Berufsbezeichnung „Die gute Fee“ steht Paula Böhmer den Kunden des regionalen Onlinemarktplatzes bei allen Anliegen hilfreich zur Seite. „Ich gebe Auskünfte zu Lieferzeitpunkten und Bestellungen, werde aber auch nach Geschenktipps gefragt, stelle Präsentkörbe zusammen oder nehme Beschwerden entgegen“, sagt Böhmer. Manchmal nimmt sie sich auch noch die Zeit, um mit den Menschen am Telefon ein wenig zu plaudern oder ihnen einfach nur zuzuhören.

Lokaso ist einer der zahlreichen Versuche, der Verödung der Innenstädte durch ein örtliches Webkaufhaus entgegenzuwirken. Im Unterschied etwa zum erfolgreichen Projekt Ebay in Mönchengladbach oder zur gescheiterten Online City Wuppertal (Atalanda), ist der Fokus des digitalen Händlerkooperationsmodells Lokaso konsequent aufs Lokale gerichtet. Die Zielgruppe lebt vor Ort und wird dort kostenlos am Tag der Bestellung zum Ladenpreis beliefert. Nach gut einem Jahr erweist sich das von Lebensmitteln dominierte Angebot vor allem als Glücksfall für einige Siegener Senioren. Aller Anfang ist schwer.

Das Verhältnis von Lokaso zu Amazon als Kampf eines regionalen Davids gegen den internationalen Goliath zu beschreiben, wäre unangemessen. Dafür ist Lokaso noch viel zu winzig (siehe Kasten). Die Vertriebsziele für die 100.000-Einwohner-Stadt nehmen sich bescheiden aus: eine Bestellung pro Einzelhändler pro Tag. „Wir bauen keine Luftschlösser“, sagt Patrick Schulte.

Patrick Schulte, Initiator und Technologiegeber von Lokaso © privat

Patrick Schulte, Initiator und Technologiegeber von Lokaso © privat

 

 

 

 

 

 

 

Schulte ist Inhaber der Siegener Internetagentur Billiton und Initiator sowie Technologiegeber von Lokaso. Vier seiner rund 20 Mitarbeiter kümmern sich um die Organisation des Plattformgeschäfts, das so funktionieren soll: Teilnehmende Händler schließen sich in einer örtlichen Lokaso-Betreibergesellschaft zusammen und beziehen von Schultes Lokaso GmbH gegen eine Start- und eine monatliche Lizenzgebühr die Marktplatz-Infrastruktur, den Support sowie ein Marketingpaket.

Von der Betreibergesellschaft wird viel Eigeninitiative verlangt: Sie stellt die Fahrer und die Lieferfahrzeuge und muss die Händler vor Ort zum Mitmachen bewegen sowie unter Vertrag nehmen. Von der monatlichen Grundgebühr, die die Betreiber selbst festlegen, sind die Lizenz- und die Logistikkosten zu bestreiten. In Siegen beträgt sie 199 Euro pro Monat. Zudem zahlen die Händler zehn Prozent Provision auf den online generierten Bruttoumsatz. Das reicht, um zwei Fahrzeuge und drei Boten zu finanzieren, die in den Zeitfenstern 13 bis 15 Uhr und 18 bis 20 Uhr Bestellungen ausliefern. Die Gebühren und den Kommissionierungsaufwand holen nicht alle Händler über die Online-Umsätze wieder rein. Doch dank Lokaso könnten die Händler auch
Mehreinnahmen im stationären Geschäft einfahren, deren Höhe aber schwer zu beziffern ist.

Bundesweite Verbreitung geplant
„Die Lokaso GmbH und Lokaso Siegen schreiben schwarze Zahlen“, sagt Schulte. Mit viel Engagement arbeitet er an der bundesweiten Verbreitung seines Konzepts, idealerweise in Form von Netzwerken in benachbarten Regionen. „Die Standorte sollen eigene Lager unterhalten und sich, wie in einem System von angrenzenden Waben, gegenseitig in der Auswahl ergänzen.“ In Siegen zeigten Mode- und Elektrohändler kein Interesse an Lokaso – eine Lücke im Angebot, die eine andere Lokaso-Stadt in der Nähe schließen könnte. Dafür sind in Siegen ein Rewe-Markt und ein Buchhändler mit im Boot und machen ihre umfangreichen Sortimente über die Plattform verfügbar. Mit Schnittstellen kennt sich der Informatiker Schulte aus.

Eine große Herausforderung stellen eher die kleinen Händler dar, die über kein Warenwirtschaftssystem verfügen und für die das Internetgeschäft Neuland ist. Ihnen hat Lokaso viel zu bieten: Der Dienstleister hilft bei der Inventarisierung des Angebots, kümmert sich um die Bebilderung und erfüllt Aktualisierungswünsche in unbegrenzter Zahl.

„Lokaso macht Händler im Netz sichtbarer oder überhaupt erst auffindbar“, hebt Jörg Hamel, Geschäftsführer Handelsverband Nordrhein-Westfalen – Aachen, Düren, Köln, die Stärke des regionalen Onlineverbunds hervor. Schulte investiere einen großen Teil seiner Einnahmen ins Marketing, nicht nur online, sondern auch in Radio-, Print- und Außenwerbung. Hamel ergänzt: „Durch die örtliche Betreibergesellschaft ist das Lokaso-Konzept tief in der Kommune verwurzelt und vereint Händler und Kunden.“ Lokaso kommt dabei ohne Fördergelder aus. Das macht es der Siegener Politik leicht, sich für das Projekt starkzumachen und Hürden, wie die Zulassung der Lieferfahrzeuge in der Fußgängerzone, aus dem Weg zu räumen. „Irgendwann erwarten die Leute von ihrem Händler, dass er dabei ist“, beschreibt Schulte das Marketingziel.

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Ohne den Treibstoff Lokalpatriotismus kommt Lokaso nicht voran. „Ich liebe Arnsberg“, sagt Marcel Kaiser. Im März bringt der junge Geschäftsführer eines Rettungsdienstes Lokaso Arnsberg mit gut 20 Händlern an den Start; einige weitere Regionen wie Bigge und Freiburg arbeiten an Plattformen. Manche der Teilnehmer in Arnsberg führten vor dem Projektstart nicht einmal eine Excel-Liste zu ihren Produkten. Zwei Mitstreiter sammelten vor Ort die Infos und machten gleich selbst die Fotos für den Onlineshop: Graswurzelarbeit. „Das ist karitatives Engagement“, sagt Kaiser lächelnd, „in den nächsten fünf Jahren rechnen wir nicht mit Gewinn.“ Auf rund 65.000 Euro taxiert Kaiser den Finanzbedarf im ersten Jahr, zudem geben die Arnsberger 25.000 Euro für Werbung aus. Er ist nichtsdestotrotz Feuer und Flamme für Lokaso. „Ich will alles daransetzen, dass meine Stadt lebenswert bleibt.“

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