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© Michael Schrenk

Die ökosoziale Textilunternehmerin Sina Trinkwalder beschäftigt Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben. Als Chefin von Manomama verdient sie so viel wie ihre Schneiderinnen und interessiert sich nicht für Gewinnmaximierung. Die Überzeugungstäterin verfolgt andere Ziele. Text: Ralf Kalscheur

Bei Kilometer 65 hat der Großteil der rund 1.000 Läufer längst das Ziel aus den Augen verloren. Sina Trinkwalder macht nur eine Pause, raucht zwei Selbstgedrehte zur Tasse Kaffee, pflegt die wunden Füße und setzt den „Mega-Marsch“ genannten Ultramarathon von München nach Mittenwald fort. „Reine Willenssache. Ich wusste die ganze Zeit, dass ich ankommen werde.“ Auf den Zielfotos präsentiert die Unternehmerin ihre neue Sportkollektion aus Schurwolle und schickt sie der Augsburger Stadtpresse. 2016 wiegt die ökosoziale Textilunternehmerin 130 Kilogramm und beginnt mit dem Joggen. 2017 hat sie die Hälfte ihres Körpergewichts verloren und absolviert den 100-Kilometer-Lauf. „Es waren eigentlich sogar 109 Kilometer, denn ich habe mich verlaufen.“ Trinkwalder geht immer noch die Extrameile.

Das kleine Büro der 40-Jährigen in der Augsburger Textilfabrik Manomama liegt im ersten Stock am Ende eines Ganges, gleich neben einer schweren Tür. Dahinter eröffnet eine Empore den Blick in die Fabrikhalle auf Dutzende Reihen von Nähmaschinen. „Wo ist Ute?“, schaut Trinkwalder sich suchend um. Mit ihrer taubstummen Mitarbeiterin kann die Chefin auch von hier oben aus schnell kommunizieren, ohne gegen den Lärm anrufen zu müssen, denn Ute liest Lippen. „Für eine Jeans kommen bis zu 28 verschiedene Nähmaschinen zum Einsatz“, erzählt Trinkwalder. Um die Nähte an den Hosenschlitzen kümmert sich Tino, denn der ist kleinwüchsig und hat kleine Hände.

Trinkwalder beschäftigt hier 150 Menschen in unbefristeten Arbeitsverhältnissen, die Mode, Accessoires und Einkaufstaschen herstellen. Die Arbeiter verdienen alle mindestens so viel wie die Chefin: zehn Euro pro Stunde. Es sind vor allem ältere oder alleinerziehende Frauen, zudem Ungelernte, Menschen mit Handicaps, mangelnden Sprachkenntnissen oder mit – im Jobcenter-Jargon – multiplen Vermittlungshemmnissen, für die auch die gute Arbeitsmarktsituation kaum Chancen birgt. Bei Manomama können sie ihre Arbeitszeiten flexibel vereinbaren und zwischen sechs und 22 Uhr kommen, wann sie wollen.

Rohstoffe aus der Region
„Effizient ist das natürlich überhaupt nicht“, räumt Trinkwalder ein. Doch ihre „Ladys“ seien dafür tiefenentspannt, das schlage sich in der hohen Qualität der Produkte nieder. Ein Gang durch die Hallen gleicht zuweilen einer Reise in die textilindustrielle Vergangenheit, die gerade in Augsburg früher glorreich war. Mit spöttischem Stolz zeigt Trinkwalder auf eine Mitarbeiterin, die allein in einer Ecke zwischen Holzregalen voller unterschiedlicher Reste mit einer Schere und in aller Seelenruhe Stoff nach einer Pappform zuschneidet.

Die von ihr verhasste Automatisierung, die immer mehr Menschen um eine ihnen entsprechende würdige Beschäftigung und damit um gesellschaftliche Teilhabe bringe, hat in Sina Trinkwalders Welt kaum Platz. Und solange am Ende des Geschäftsjahres unter dem Strich eine schwarze Null steht, gerät diese auch nicht aus den Fugen. Eine Sozialromantikerin ist die resolute Bayerin deshalb nicht. „Es gibt immer wieder Angestellte, die mit der Freiheit nicht umgehen können. Die mahne ich ab oder schmeiße sie raus, denn ein fauler Apfel macht den ganzen Korb madig.“ Nahezu alle verarbeiteten Rohstoffe, wie Schurwolle, Hanf, Leder und Viskose, stammen aus der Region. Nur die Biobaumwolle hat eine längere Anlieferungsreise, denn die wächst nicht in bayrischen Breitengraden. Ökosiegel betrachtet Trinkwalder skeptisch als „kleinsten gemeinsamen Nenner der globalisierten Textilindustrie“. Auch Biotextilien für bewusste Konsumenten würden in vielen Herstellerländern unter Bedingungen gefertigt, die in Deutschland niemand akzeptieren würde.

Produktion bei Manomama © Manomama

Produktion bei Manomama © Manomama

 

 

 

 

 

 

Kinder in China arbeitslos machen
Manomama ist die Zertifizierung etwa durch den Global Organic Textile Standard oder den Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft darum zu wenig. Erdölbasierte Stretchgewebe kommen Trinkwalder nicht in die Fabrik. Pflanzenfarben lehnt sie ab, denn der Anbau der Färberpflanzen erfordere viel urbar gemachtes Land und zur Extraktion der Pigmente kämen schädliche Chemikalien zum Einsatz. Die gesamte wertgeschöpfte Produktion von Manomama erfolgt möglichst im Umkreis von 300 Kilometern und ausschließlich in Deutschland.

Trinkwalder trägt Turnschuhe und eine Laufhose, denn sie ist wie immer zehn Kilometer von ihrer Wohnung zur Arbeit gejoggt. Ihr Schreibtisch gleicht einer Müllhalde, und sie kann offenbar Gedanken lesen. „Das ist kein Müll, sondern kreatives Chaos“, sagt die Unternehmerin lächelnd und schiebt eine kleine Arbeitsfläche frei, um sich ein Zigarettchen zu drehen. Die Mutter eines 13-jährigen Sohnes ist eine elegante Erscheinung, doch merkt man ihr die Freude an, mit Konventionen zu brechen. Deshalb ist sie auch nicht der Typ für falsche Bescheidenheit.

„Ich investiere mein Geld lieber in Menschen und nicht in Media. Ich bin selbst die beste Werbung“, beschreibt sie die Marketingstrategie der Manomama GmbH. Es sind Stoffabfälle aus ihrer Fabrik, die sich auf Trinkwalders Schreibtisch häufen. Sie will die Schurwollfilzstreifen aus heimischer Schafwolle nicht einfach wegwerfen. Also setzt sie sich mit ein paar betagten Handarbeitslehrerinnen zusammen und entwickelt Bastelideen für Dekoartikel. Stoff, Garn, Nadeln und Anleitungen packen Menschen einer Augsburger Behindertenwerkstatt der Caritas in ein hübsches Kästchen.

„Kreativkästchen“ nennt Trinkwalder die dem Upcycling verpflichtete Geschäftsidee und schlägt sie dem Weltbild-Verlag vor. In diesen Tagen kommt das erste „Kreativkästchen“ auf den Markt, danach alle sechs Wochen ein neues mit den aktuellen Abfällen und Bastelideen. Text, Fotos und Illustrationen im Begleitheft: Sina Trinkwalder. „Ein großer Teil der Heimdeko wird von Kindern in China hergestellt. Wir wollen diese Kinder arbeitslos machen“, sagt sie dazu einen typischen Trinkwalder-Satz.

Mensch im Mittelpunkt
Dafür hat Thomas Hinzen demnächst alle Hände voll zu tun. Mit dem Herrenschneidermeister, der im Büro nebenan sitzt, verbindet Trinkwalder eine Freundschaft und das Ziel, aus Makulaturstoffen der Textilindustrie Anzüge in Kleinserie herzustellen. In der Massenproduktion lohnt es sich nicht, die Fehler aus ein paar Hundert Metern Stoff herauszuschneiden. Hinzen und die Schneiderinnen von Manomama machen das per Hand. Die Ressourcenverschwendung der Wegwerfgesellschaft ist Trinkwalder ein Dorn im Auge. „Der Kunde kauft bei uns keine Mangelware, sondern einfach einen schönen Anzug aus gutem Stoff“, sagt Trinkwalder. „Same seam but different“ lautet darum der Slogan der neuen Unternehmung sameseam.de, die jüngst die Prelaunchphase begonnen hat. Interessenten können sich online auf einer Warteliste registrieren. „500 Leute in der ersten Stunde nach Onlinestellung“ hätten von dem Angebot Gebrauch gemacht, beschreibt Trinkwalder einen wahren Ansturm und lässt durchblicken – den gab’s natürlich wegen ihr.

Mit 15 verlässt Trinkwalder im Streit ihr Elternhaus im bayrischen Oettingen und zieht allein nach Augsburg. Sie finanziert sich den Lebensunterhalt als Lokaljournalistin und macht Abitur. Mit 19 gründet sie eine Werbeagentur, kurz darauf lernt sie ihren späteren Ehemann kennen. Der ist Programmierer und tut sich mit der Texterin und selbst geschulten Grafikerin auch beruflich zusammen. Die gemeinsame Agentur konzentriert sich früh aufs Internet und wächst schnell, Vorwerk gehört zu den namhaften Ankerkunden. Trinkwalder bricht ihr BWL- und Politikstudium ab und sammelt als Beraterin für Marketingstrategie und Corporate Design international Flugmeilen. Großes Auto, teure Uhren, Luxusleben: „Das war schön, aber das Geld und das einzige Ziel, immer nur zu wachsen, machten mich irgendwann trotzdem nicht mehr glücklich.“

2009, an einem kalten Novemberabend im unendlich trostlosen Wuppertaler Hauptbahnhof, hat Trinkwalder schließlich einen „Klarheitsmoment“. Ein verwahrloster alter Mann beobachtet sie dabei, wie sie ein paar Belegzeitschriften wegwirft – und fischt sich die Hochglanzmagazine mit den glitzernden Umschlägen anschließend aus dem Eimer. „Ich habe ihn gefragt, was er damit will“, erzählt Trinkwalder. „Meine Frau und ich machen daraus Weihnachtsschmuck.“ „Da hat es Wumm gemacht“, sagt Trinkwalder. „Was mache ich hier eigentlich? Und warum mache ich nicht etwas Sinnvolleres, das relevant für die Gesellschaft ist?“ Ein Jahr später gründet die Mutter und Macherin Manomama (Aus der Hand der Mama), zunächst als kleine Manufaktur, doch schon zu Beginn mit der großen Idee, den Menschen und nicht das Produkt in den Mittelpunkt der Unternehmung zu stellen.

Bei Manomama arbeiten viele ältere Damen und Alleinerziehende. © Manomama

Bei Manomama arbeiten viele ältere Damen und Alleinerziehende. © Manomama

 

 

 

 

 

 

 

Rucksäcke für Obdachlose
2012 zieht das Unternehmen in eine Fabrikhalle und startet die Großproduktion. Eine Million Euro aus ihrem Privatvermögen steckt das Ehepaar in das gewagte Unterfangen. „Zur Startfinanzierung haben wir sogar unsere Wohnung verpfändet“, erzählt Sina Trinkwalder. Anfang dieses Jahres hat sie sich von ihrem Mann Stefan scheiden lassen. Der Platz an ihrer Schattenseite sei auf Dauer sicher nicht einfach gewesen, räumt sie ein. Geschäftsführende Gesellschafterin der gemeinsamen mittelständischen Werbeagentur ist die Öko-Unternehmerin geblieben.

Trinkwalder ist Gast in zahlreichen Fernsehsendungen, hält bundesweit Vorträge über unternehmerische Verantwortung und arbeitet gerade an ihrem vierten erzählenden Sachbuch zum Thema „Faire Gesellschaft“. Darin will die Hochschulrätin der Hochschule Augsburg ihre Erfahrungen als vielfach ausgezeichnete ökosoziale Textilunternehmerin (Bundesverdienstkreuz, Nachhaltigkeitspreis, Deutscher Fairness-Preis) zu einer Vision der nachhaltigen Kehrtwende kristallisieren. Ihre Lesungen sind gut besucht, häufig ausverkauft. Einen großen Teil ihrer Zeit verwendet Trinkwalder zudem auf das 2017 gegründete Sozialprojekt BrichBag. Aus Stoffresten der Sonnenschutzindustrie fertigen ihre Schneiderinnen wasserfeste Rucksäcke für Obdachlose, die Sponsoren mit Hygieneartikeln befüllen. Dass sie nur vier Stunden Schlaf braucht, glaubt man ihr gern.

2016 erwirtschaftete Manomama rund neun Millionen Euro Umsatz und einen kleinen Gewinn von 80.000 Euro. Für 2017 erwartet Trinkwalder ein ähnliches Ergebnis. „Ich interessiere mich nicht für Gewinn, das ist doch nur Geld“, sagt Trinkwalder. Hauptsache, die schwarze Null steht. Dafür sorgen vor allem Aufträge von Edeka Nord und Südwest, Tegut und dm. Die Einzelhandels- und Drogeriemarktketten beziehen Taschen von Manomama, rund 200.000 Stück pro Design. dm, seit 2012 der erste Großkunde von Manomama, ließ 2014 ein Stofftaschendesign der Augsburger in Indien fertigen – ohne Trinkwalders Wissen, sagt sie. Darüber ist sie heute noch empört, denn Manomama lebt nicht nur von sehr kleinen Margen, sondern vor allem auch von Trinkwalders nachhaltig gutem Ruf. Auf den Großabnehmer dm verzichten kann sie jedoch nicht.

Familiäre Strukturen bewahren
Viele der älteren Schneiderinnen, die in den nächsten Jahren in Rente gehen, wird Manomama nicht ersetzen. „Wir wollen auf 100 Mitarbeiter schrumpfen und unsere familiären Strukturen bewahren“, kündigt Trinkwalder an. Ein Versuch, nach dem Thermomix-Prinzip ihres alten Werbekunden Vorwerk mit Außendienstmitarbeiterinnen Manomama-Mode zu verkaufen, schlug fehl und wird dieses Jahr eingestellt. Den Hauptumsatz im Modebereich erzielt das Unternehmen mit dem Onlineshop; es gibt nur einen 37 Quadratmeter großen Laden mitten in Augsburg. Für die stationäre Expansion fehlt das Geld. Faire Wirtschaft, made in Germany – das ist kein einfaches Geschäft. Sina Trinkwalder setzt unbeirrt auf ihr erfolgreichstes Produkt: Sie spricht bei Modeläden vor und überzeugt die Inhaber, Manomama zu listen. In diesem Jahr sollen 50 Standorte im DACH-Raum mit dem Verkauf starten.

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