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Schwarm der Anleger

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Immer mehr Handelsunternehmen bedienen sich spezieller Internetplattformen, um ihre Projekte zu finanzieren. Wie sich der Markt entwickelt, welche Argumente für und welche gegen diese Variante der Geldbeschaffung sprechen. Text: Eva Neuthinger

Schuhe online kaufen – große Auswahl an Topmarken: Damit wirbt der Onlinehandel Schuhe24.de, eine Kooperation von 500 lokalen Fachgeschäften. „Das Wachstum von Schuhe24.de ist signifikant und nachhaltig. Allein im Jahr 2016 wurden Verkäufe in zweistelliger Millionenhöhe generiert; für 2017 rechnen wir mit einer Verdoppelung“, erklärt Dominik Benner, Geschäftsführer des Onlinehändlers, der gleichzeitig selbst zehn Schuhfachgeschäfte betreibt.

Im vergangenen Jahr besorgte sich das Unternehmen mit Unterstützung der Plattform Compeon einen Kontokorrentkredit. Ziel war es, den hohen kurzfristigen Kapitalbedarf möglichst günstig zu decken. Compeon arbeitet mit mehr als 220 Banken, Sparkassen und anderen Finanzierungspartnern zusammen. Neben Krediten, Darlehen und Leasingverträgen werden auch Factoring und eigenkapitalsichernde Finanzierungen wie Mezzanine-Kapital geboten.

Das funktioniert so: Ein Unternehmen schreibt kostenlos auf dem Portal seinen Finanzierungsbedarf aus. Die teilnehmenden Geldinstitute sichten die Anfrage und geben ein Angebot ab. „Es ist sehr aufwendig, mit mehreren Banken zu sprechen und Unterlagen einzureichen. Compeon reduzierte unseren Arbeitsaufwand und verschaffte uns zudem durch eine schnelle Ausschreibung sowie durch die gute Vergleichbarkeit einen signifikanten Zinsvorteil“, sagt Benner.

Kein Einzelfall: Wie Schuhe24.de sichern sich zahlreiche Handelsunternehmen eine Finanzierung über das Internet. In der Regel arbeiten die Portale zwar nicht mit finanzkräftigen Geldhäusern oder institutionellen Investoren zusammen, sondern mit privaten Anlegern. Doch die Idee ist immer gleich: Der Unternehmer schreibt sein Projekt im Internet aus – mit dem Ziel, sich wie Benner besonders günstige Konditionen zu sichern, oder aber, um sich unabhängig von der eigenen Hausbank zu finanzieren. Es melden sich Anleger und Investoren, die sich für wenige Monate oder mehrere Jahre engagieren wollen.

Der Markt für diese Schwarmfinanzierung entwickelt sich dynamisch, wie die Plattform Portals Crowdfunding ermittelt hat. Getrieben wird das Wachstum von fast 40 Prozent allein im Jahr 2016 gegenüber dem Vorjahr zwar insbesondere von Immobilien. Doch sammelten auch Unternehmen bei den sechs größten Portalen fast 19 Millionen Euro für ihre Projekte ein, rund 0,4 Prozent mehr als im Vorjahr.

Crowdinvesting vs. Crowdlending
Die sogenannte Crowdfinanzierung – Crowd steht im Englischen für Menge – zielt zumeist darauf ab, Kleinanleger für ein bestimmtes Projekt zu gewinnen. Zu unterscheiden sind zwei Konzepte. Beim Crowdlending vergeben die Anleger Kredite. Dafür erhalten sie während der festgelegten Laufzeit jeden Monat Zins und Tilgung in Form einer Annuität. Das Volumen pro Ausschreibung variiert zwischen 50.000 und 250.000 Euro. Beim Crowdinvesting hingegen stärkt das Geld der Investoren in der Regel die Eigenkapitalposition der Firma. Oft wird hier das Modell eines partiarischen Nachrangdarlehens gewählt, mit variabler oder fester Verzinsung. Die Laufzeit beträgt zumeist bis Beim Konkurrenten Seedmatch beteiligen sich Anleger bereits seit Längerem mit Beträgen ab 250 Euro.

Innovative Firmen erhalten auch hier Wagniskapital in Form von Direktinvestments. Die privaten Kleinanleger kassieren eine Festverzinsung von acht Prozent pro Jahr mit halbjährlicher Ausschüttung, gegebenenfalls einen umsatzabhängigen Bonuszins oder eine Exit- Beteiligung mit gewinnabhängigen jährlichen Bonuszinsen, wenn ein Break-even erreicht ist.

Einzelhändler Michael Reinfrank, der mitten in Mainz das Fachgeschäft Weinraumwohnung führt, realisierte für die Gründung des Onlineshops Geileweine.de eine Finanzierung über Seedmatch. Vor drei Jahren konnten er und andere Geschäftsführer des Webhandels über die Plattform Seedmatch 200.000 Euro von knapp 300 Investoren einsammeln. Das Geld floss in den Aufbau des Weinsortiments sowie in Marketingmaßnahmen, um den Umsatz des Onlinehandels anzukurbeln. „Wir wollen keine Altherren-Weinhandlung und auch kein Yuppieladen sein. Bei uns darf jeder einkaufen – unabhängig vom Alter oder von seinem Weinwissen“, umschreibt Reinfrank die Geschäftsidee. Die Zielgruppe des Onlinegeschäfts sind internetaffine Verbraucher – also solche, die womöglich selbst ihr Geld in einer Crowdfinanzierung anlegen wollen.

Die Konditionen bestimmt bei Seedmatch jede Firma selbst – in Form eines Basiszinses plus gewinnabhängiger Komponente. Im Exit-Fall oder bei Vertragsende kann eine erfolgsabhängige Ausschüttung hinzukommen.

Beim Portal Finnest.com läuft es andersherum: Die Anleger geben an, wie viel Ertrag sie anstreben. Ende 2017 lief dort das Projekt der Storck Bicycle GmbH, bei der die Geldgeber einen Renditekorridor von drei bis fünf Prozent im Jahr avisierten. Nach Ablauf der Bieterfrist wählte Storck die günstigsten Angebote der Anleger aus. Das Unternehmen betreibt stationäre Fahrradfachgeschäfte in München, Düsseldorf und Idstein, dem Hauptsitz der Firma. „Mit diesem Crowdinvestment können unsere Kunden und alle Bike-Fans Teil unserer Erfolgsgeschichte werden. Die innovative Finanzierungsform passt zum technologisch hohen Anspruch unserer Marke“, erläutert Gründer und Geschäftsführer Markus Storck seine Entscheidung für die Schwarmfinanzierung.

Präsentation auf eigener Webseite
Unterm Strich können Einzelhändler also diverse Portale nutzen, um sich via Crowd zu finanzieren. Doch gleich, welche Plattform sie wählen: Die Herausforderung liegt darin, die Investoren zu überzeugen (siehe auch unten: „Was für und was gegen private Geldgeber spricht“). „Wir stellen das Vorhaben zwar ausführlich auf unserem Portal vor. Im Idealfall informiert der Einzelhändler aber auch auf seiner eigenen Internetseite über sein Projekt“, rät Joerg Bartussek, Mitbegründer von Finnest.com. Einzelhändler sollten Marketingmaßnahmen starten, um für sich und ihr Projekt zu werben. Es geht weniger darum, mit Daten und Fakten zu überzeugen. Die wenigsten Privatanleger wollen sich intensiv mit Kennzahlen auseinandersetzen. Vielmehr wird es entscheidend sein, das Geschäftskonzept verständlich zu beschreiben, um so das Interesse der potenziellen Investoren zu wecken. Erläuterungen  zum Jahresabschluss sowie zur Unternehmensplanung sollten deshalb immer leicht verständlich und knapp präsentiert sein.

Es sei denn, die Banken selbst bilden die Crowd – wie bei der Finanzierung des Onlinegeschäfts Schuhe24.de. Dann geht es wie immer darum, anhand eines ausgefeilten Businessplans die Kapitaldienstfähigkeit des Vorhabens darzulegen – also der Bank zu zeigen, dass die Firma in der Lage ist, Zins und Tilgung zu leisten. Für Dominik Benner war das aufgrund seiner langjährigen Erfahrung als Geschäftsführer kein Problem. „Das lief alles ganz reibungslos“, so der Einzelhändler.

 

 

Was für und was gegen private Geldgeber spricht

Schwarmfinanzierungen gelten als relativ teuer. Der Vorteil liegt in der Unabhängigkeit von der Bank. Welche anderen Vor- und Nachteile es gibt:

Vorteile:
– Der Unternehmer finanziert sich zumeist unabhängig von der Bank und muss keine Sicherheiten bereitstellen.
– Speziell bei Mezzanine-Varianten verbessert sich das Rating des Betriebs.
– Es kann sich gegenüber weiteren Geldgebern positiv auswirken, wenn Dritte einer erfolgreichen Geschäftsführung Vertrauen entgegenbringen.

Nachteile:
– Wer Fördergelder für sein Projekt in Anspruch nehmen kann, kommt damit in der Regel deutlich günstiger aus.
– Oft kostet die Kreditfinanzierung über das Internet mehr als ein klassischer Bankkredit.
– Es gibt keine tilgungsfreien Zeiten.
– Bei einer kurzen Laufzeit von einem halben Jahr ist das Geld entsprechend schnell zurückzuzahlen. Das erfordert eine gute Kassenplanung.
– Falls seine Geschäftszahlen später von der Planung abweichen, kann der Unternehmer nicht mit den Anlegern nachverhandeln.
– Oft unterliegt der Firmenchef bei eigenkapitalstärkenden Finanzierungen der Informationspflicht. Er muss über die Risiken der Anlage aufklären. Die Investoren profitieren je nach Vertrag von einem steigenden Unternehmenswert.
– Es sind besondere rechtliche Vorgaben zu beachten, die unter anderem vom Volumen der Finanzierung abhängen.

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