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Nicht nur Giraffen und Elend

© Zipline

Der Trendbeobachter Mathias Haas aus Stuttgart unternahm schon „Mindset Tours“ durch fünf asiatische Metropolen und ins Silicon­Valley. Jüngst ist er aus Afrika heimgekehrt, wo er in Botswana, Ghana, Kenia, Namibia und Ruanda auf der Suche nach Trends und Geschäftsmodellen war. Interview: Vera Hermes

Was hat Sie bei Ihrer Afrikareise am meisten überrascht?
Die Jugend. Sie prägt alles. Dagegen ist Schondorf, wo ich aufgewachsen bin, ein Museum. In Afrika sind 3,5 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt. Dort gibt es also praktisch keine Alten – was auch eine Schwäche ist. Im Jahr 2035 wird Afrika mehr junge, arbeitsfähige Menschen haben als der komplette Rest der Welt. Allein deshalb müssen sich Unternehmen dort engagieren.

Was können deutsche Händler denn von afrikanischen Händlern lernen?
Die Liebe zum Verkauf! Die Händler in Afrika sind leidenschaftlicher, wohl weil sie schlichtweg überleben müssen. Das beste Beispiel: Ich war auf einem Massai-Markt, wo einer Samen verkauft hat, so groß wie ein halber Avocadokern. Der Verkäufer ist preislich viel zu hoch eingestiegen. Er hat mich mit Handschlag begrüßt, damit auch schnell meinen Namen herausgefunden und diesen in den Samen eingeritzt – da konnte ich ja kaum noch Nein sagen. Das war das beste Verkaufstraining der Welt. Der Beziehungsaufbau dauert Sekunden und ist viel besser als in jedem Laden hier. Mich fragt in Deutschland im normalen Handel nie jemand nach meinem Namen. Ein weiterer Vorteil ist die Spezialisierung: An wichtigen Straßenkreuzungen, zum Beispiel in der ghanaischen Hauptstadt Accra, stehen locker 40 Verkäufer. Der eine hat Wasser, der nächste Waschmittel, der dritte Zeitungen, der vierte Lenkradschutzhüllen usw. Man versteht sofort, was die anbieten. Das Sortiment ist eindeutiger als bei manchem Händler, den ich hier in Stuttgart finde. Einer der Gründe für diese geschärften Profile? Es dauert einfach nicht lange, bis die Ampel wieder auf „Grün“ geht.

 

Nonstop online: Der staatliche Innovation Hub in der ruandischen Hauptstadt Kigali ist rund um die Uhr geöffnet. Dort haben schon 13.000 Kinder erlebt, was Digitalisierung  bedeutet. Anklicken zum Vergrößern. © Rwanda Development Board

Nonstop online: Der staatliche Innovation Hub in der ruandischen Hauptstadt Kigali ist rund um die Uhr geöffnet. Dort haben schon 13.000 Kinder erlebt, was Digitalisierung bedeutet. Anklicken zum Vergrößern. © Rwanda Development Board

Welche Start-ups sind Ihnen aufgefallen?
Im Vergleich zu denen im Silicon Valley lösen afrikanische Start-ups Probleme, die wirklich welche sind. Stellen Sie sich eine schwangere Frau vor, die ins Krankenhaus muss. Sie hat kein Geld für ein Taxi und auch keine Airtime (Gesprächszeit im Mobilfunk, Anm. d. Red.) mehr auf ihrem Mobiltelefon. Im schlimmsten Fall würde sie sterben. Jetzt hat das Start-up Inuka Pap sogenannte Emergency Loans erfunden. Über eine Zahlenfolge im Mobiltelefon können sich die Leute für zwei, drei Dollar Zinsen 30 Dollar für 30 Tage leihen. Die Frau kann sich also ein Taxi nehmen. Auch interessant: Kasha. Kasha ist so etwas wie das Amazon für Hygieneartikel und Verhütungsmittel. Das Angebot richtet sich an Frauen, bestellt und bezahlt wird per Mobiltelefon, die Ware wird neutral verpackt und in jeden Winkel verschickt. Auch in der Landwirtschaft passiert sehr viel: Es gibt Infodienste, wie den Vodafone Farmers Club, die über die besten Säh- und Erntezeiten informieren oder Bauern und Händler zusammenbringen. In den meisten afrikanischen Ländern arbeiten über 50 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft. Wenn es denen besser geht, geht es dem ganzen Land besser.

Gibt es denn ein Start-up, das Sie nachhaltig beeindruckt hat?  
Zipline. Das Unternehmen fliegt in Ruanda mit Drohnen von einem zentralen Flughafen aus bei fast jedem Wetter Blutspenden. Der Betrieb läuft komplett über Smartphones. Das sind die ersten autonomen Flugzeuge der Welt im Dauerbetrieb – in Ruanda! Die Erfinder kommen aus Kalifornien, bauen den Dienst aber mit und für Einheimische auf. Jede Drohne, die abhebt, kommt zurück, und sie kriegt jedes Mal ein Flug­signal vom internationalen Flughafen. Dort hat man also ein Problem gelöst, das bei uns noch diskutiert wird. Natürlich ist in Ruanda der Flugverkehr nicht so dicht wie in Europa, dennoch: Sie haben das Problem gelöst. Mein Tipp: Deutsche Untenehmen, die wollen, dass ihre Mitarbeiter agiler werden, sollten sie nicht zu irgendwelchen Konferenzen nach Berlin schicken, sondern nach Ruanda, um mal zwei Wochen bei Zipline mitzuarbeiten.

Welcher Megatrend ist auch für Europa relevant?
Micropayment ist wohl der stärkste Megatrend. Wenn jemand hier im Micropayment umsetzt, was in Afrika schon funktioniert, dann haben wir bald kein Girokonto mehr.

Was fehlt dem Kontinent am dringendsten, um wirtschaftlich abzuheben?
Gute Führungskräfte! Sie können am Zustand der Politik ablesen, wie es dem Land geht. Gerade wurde der 93 Jahre alte Mugabe praktisch gezwungen, sein Amt niederzulegen; er hat Simbabwe heruntergewirtschaftet. Im Land sind 80 Prozent der Menschen arbeitslos. Viele gehen in die Politik, um reich zu werden und sie sind korrupt. Ein weiteres Problem: Es gibt keine Kapitalgeber. Wenn Sie investieren wollen, dann gehen Sie nicht ins Silicon Valley, sondern nach Afrika, denn das ist interessanter und könnte mehr bringen. Es gibt fast keine europäischen Anbieter in Afrika. Mercedes und Bosch fangen mit Brand Building an, Beiersdorf ist stark. Aber ansonsten sieht man viel aus China, aus Indien. Warum hat Hugo Boss ein Designstudio in New York und nicht in Nairobi? Wenn man etwas von Afrika lernen kann, dann ist es ganz sicher Kreativität. Allein die Farbenvielfalt ist viel größer als in New York. Auf jeden Fall besteht Afrika nicht nur aus Giraffen und Elend. Natürlich hat Afrika ein Imageproblem, aber das ist auch unser Problem. Kennenlernen wäre schon ein Schritt nach vorn. Bis dahin macht China das Geschäft. In Botswana sind bereits 19 Prozent der verkauften Fahrzeuge Neuwagen!

 

Sonnenuntergang in Ruanda. Die ruandische Firma Zipline betreibt einen Drohnentransportservice für Blutspenden im afrikanischen Boomland. Anklicken zum Vergrößern. © Mathias Haas

Sonnenuntergang in Ruanda. Die ruandische Firma Zipline betreibt einen Drohnentransportservice für Blutspenden im afrikanischen Boomland. Anklicken zum Vergrößern. © Mathias Haas

Wo würden Sie denn investieren?
In Ruanda. Dort gibt es unter anderem einen Innova­‑​tion Hub, der 365 Tage rund um die Uhr geöffnet ist. Gehen Sie mal nach Berlin, die machen um 19 Uhr zu. Die ruandische Regierung hat 13 000 Kinder durch dieses Innovation Hub geschleust, damit auch sie die Digitalisierung – zum Beispiel Virtual Reality – erleben. Obwohl es gar nicht für Kinder geschaffen wurde – ja, Regeln brechen kann so einfach sein.

Was glauben Sie: Welches Handelskonzept würde in Afrika durch die Decke gehen?
Das Leben dort ist für Ausländer gefühlt unsicher. Ich war fünf Wochen lang abends ab 18 Uhr im Hotelzimmer. Generell verlassen dort lebende Ausländer abends ihre Häuser selten. Wenn ein Händler das europäische Luxusverständnis verstehen würde, könnte er viel Geld verdienen.

Wie das?
Indem er ihnen alles nach Hause liefert, was sie vermissen – in der richtigen Geschmacksrichtung, Schärfe, Temperatur, wie es eben zum Beispiel der Deutsche oder Amerikaner gern hätte. Ich hätte an manchem Abend viel für ein gekühltes Erdinger gegeben.

 

Mathias Haas, Trendforscher. Anklicken zum Vergrößern. © Haas/Der Trendforscher/Dirk Weyhenmeyer

Mathias Haas, Trendforscher. Anklicken zum Vergrößern. © Haas/Der Trendforscher/Dirk Weyhenmeyer

 

Mathias Haas, Betriebswirt und ehemaliger Marketing- und Vertriebsleiter, hat im Laufe seines Berufslebens bei der Neueinführung von Hunderten von Produkten und Dienstleistungen Wissen und Methoden ge­sammelt. Auf dieser Basis erkennt und beurteilt er vorhandene Trends. Deshalb sieht sich der Stuttgarter nicht als Trend- oder Zukunftsforscher, sondern als Trendbeobachter.

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