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Schwelgen in Formen und Farben

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Individualität wird für den Erfolg des stationären Handels immer wichtiger – und damit auch ein überzeugendes Ladenkonzept. Entscheidend ist, dass der Einrichtungsstil zum Kunden und zum eigenen Selbstverständnis passt. Text: Christine Mattauch

Vindue ist dänisch und heißt Fenster. Der kleine Laden im Münchner Westend allerdings, der diesen Namen trägt, ist eher ein Gesamtkunstwerk. Die Ware – elegante Hocker, wildbunte Kissen, handgefertigte Ofenhandschuhe – ist optisch von der Ladeneinrichtung kaum zu trennen: weißes Wandgestell mit tiefen Fächern, offene Theke mit ausziehbaren Kästen, minimalistische Stringregale. Und tatsächlich: Die Stringregale, auf denen Kerzen, Flaschen und Vasen stehen, sind inzwischen selbst ein Kassenschlager. „Wir hätten nicht gedacht, dass wir sie verkaufen, aber die Kunden finden sie total schön“, sagt Anastasia von Spreti.

Von Spreti gehört zu den vier jungen Leuten, die Vindue im Juli eröffneten – mit einer Ladeneinrichtung Marke Eigenbau. Zwei Monate hatten sie gesägt, gehobelt und gehämmert. Es war eine Verlegenheitslösung, weil die Kostenvoranschläge der Profis weitaus höher ausfielen als geplant. „Das günstigste Angebot lag bei 15.000 Euro“, sagt von Spreti. „So viel konnten wir nicht ausgeben.“ Im Nachhinein betrachtet, ein Glück. „Wir haben unser Konzept Schritt für Schritt geplant und umgesetzt, und es hat vom ersten Tag an funktioniert.“

Individualität wird für den Erfolg des stationären Handels immer wichtiger – und damit auch ein überzeugendes Ladenkonzept. Längst vorbei die Zeiten, in denen es ausreichte, Waren in Standardregalen zu stapeln. Wenn die Kunden ihren Bedarf mit einem Klick decken können, entscheidet das Einkaufserlebnis, ob ein Laden frequentiert wird oder nicht. Ein kreatives Ambiente stärkt die Marke, unabhängig davon, ob es sich um einen Kiosk, einen Supermarkt oder ein Modehaus handelt. Selbst Onlinestores erkennen zunehmend, dass sie ohne stationäre Visitenkarte nicht auskommen.

Fachleute beobachten eine regelrechte Erneuerungswelle in den Läden. Das Kölner EHI Retail Institute meldet steigende Investitionen in Bau, Technik und Optik der stationären Geschäfte. Fast zwei Drittel der Mitglieder im dlv – Netzwerk Ladenbau (Deutscher Ladenbau Verband) erwarteten 2017 mehr Aufträge als im Vorjahr. Freilich darf Gestaltung nicht zum Selbstzweck werden. „Ausgangspunkt ist der Mehrwert für die Kunden“, sagt Daniel Erhardt, dlv-Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Inneneinrichters Ligneus in Ottendorf-Okrilla bei Dresden.

Firmenstrategie mitdenken
Bei Vindue ist dieser Mehrwert das Schwelgen in Formen und Farben. Zwar ist nicht jeder handwerklich so versiert wie die jungen Leute, die auch Möbel und Accessoires aus eigener Produktion verkaufen. Der Ansatz jedoch, sich auf eigene Stärken zu besinnen und die Einrichtung authentisch zu gestalten, greift auch dann, wenn ein Profi beauftragt wird. Erhardt: „Der Ladenbauer kann sagen, was technisch möglich ist und wie die derzeitigen Einrichtungstrends aussehen. Aber was der Händler für seine Kunden braucht, muss er sich selbst überlegen.“

Individuell dank Eigenbau: Ware und Einrichtung des im Münchener Westend angesiedelten Shops Vindue fürgen sich zu einem authentisch anmutenden Ganzen. Anklicken zum Vergrößern. © Christine Mattauch

Individuell dank Eigenbau: Ware und Einrichtung des im Münchener Westend angesiedelten Shops Vindue fürgen sich zu einem authentisch anmutenden Ganzen. Anklicken zum Vergrößern. © Christine Mattauch

„Licht und Sound, Formen und Farben sowie wechselnde Dekorationen sind entscheidende Faktoren“, schreibt die Leipheimer Firma Wanzl, die vor allem durch ihre Einkaufswagen bekannt ist, aber zunehmend auch Shoplösungen anbietet. Ein Schwerpunkt ist die Umstellung auf LED, die viele Händler mit der Einführung eines modernen Beleuchtungskonzepts verbinden – flexibel je nach Sortiment und Jahreszeit. Bei Lebensmitteln steigen die Ansprüche an Kältetechnik. Wohlfühlatmosphäre und hochwertige Optik werden so selbstverständlich, dass sogar Aldi Süd die ersten Läden auf edel trimmt, in Unterhaching, Kirchseeon und Marktredwitz.

Wie wichtig es ist, die Firmenstrategie beim Ladenbau mitzudenken, zeigt der neue Flagshipstore des Porzellanherstellers Rosenthal in bester Münchner Citylage. „Im Vordergrund stand die Maßgabe, unseren Kunden außergewöhnliche Erlebnisse zu ermöglichen“, sagt Rosenthal-Geschäftsführer Gianluca Colonna. So wurde ein Cafébereich eingeplant und eine „Flower Pop Up Corner“, in der das Dekorieren der Blumen in Vasen geübt werden kann. Das Obergeschoss beherbergt eine Kochwerkstatt, in die Kunden zu Kursen und Tastings eingeladen werden. Und ähnlich wie bei Vindue dient die Inneneinrichtung nicht nur dazu, das teure Porzellan zur Geltung zu bringen – Designermöbel, Lampen und Kochzutaten können ebenfalls erworben werden. Teils stammt das Zusatzsortiment aus dem eigenen Konzern, teils von Kooperationspartnern, zu denen kleine Manufakturen ebenso gehören wie der Luxushersteller Versace.

„Der Store wird sich permanent wandeln, und es wird immer wieder Neues zu entdecken geben“, sagt Colonna. Das wird im stationären Handel selbstverständlich werden. Zwar hat ein Porzellanhersteller andere Ressourcen als ein Nachbarschaftsladen, doch warum sollen Kleine nicht vom Auftritt großer Marken lernen? Manchmal reicht auch eine gute Idee. Das wohl radikalste Konzept in Sachen Flexibilität bietet ein kleiner New Yorker Laden namens Story. Er schließt alle zehn Wochen und präsentiert bei der Wiedereröffnung jeweils eine komplett neue Warenwelt. Mal ist Schönheit das Thema, mal Innovation, mal Gesundheit.

Digitalsierung kein Selbstwert
Und was ist mit der Digitalisierung? Über sie spricht jeder. Aber: „Fast ebenso groß wie die Bereitschaft, etwas zu tun, ist die Unsicherheit, was das Richtige ist“, weiß Ladenbauer Erhardt, im dlv zuständig für Digitalisierung. Er rät besonders kleineren Händlern zu einer Testphase – häufig werde Unterhalts- und Pflegeaufwand, etwa für bewegte Werbung, deutlich unterschätzt. Und auch hier müsse man überlegen, was zum eigenen Konzept passt: „Nur digitalisieren, um modern zu erscheinen, bringt nichts.“

Kürzlich wollte sich ein Bäcker von ihm iPads im Laden installieren lassen. Was die Kunden davon hätten, konnte er nicht sagen – es ging nur um den Effekt. Erhardt riet ihm, den Kunden lieber per Video einen Blick in die Backstube zu gestatten und dabei seine wahre Stärke zu betonen: „Besonderer eigener Sauerteig.“

 

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