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© Matthias Vogel

Die Berliner Buchhandlung Schropp Land & Karte feierte gerade ihr 275-jähriges Bestehen – und gehört damit zu den ältesten Unternehmen der Stadt. Über ein Geschäft in den besten Jahren.
Text: Cornelia Dörries  

Der Herr nimmt sich Zeit. Seit mindestens einer halben Stunde steht er am Kartenschrank und faltet große Pläne auf, blättert in Atlanten und prüft zwischendurch lange Regalreihen voller Reiseführer und Bildbände. Eine alte Standuhr schlägt zur vollen Stunde. Klingt nicht unbedingt nach einem tauglichen Geschäftsmodell für den Handel im 21. Jahrhundert. Doch es funktioniert. Und zwar seit 275 Jahren. Die Berliner Spezialbuchhandlung „Schropp Land & Karte“ ist damit so alt wie kein anderes Geschäft zwischen Spree und Havel.

Seit seiner Gründung im Jahr 1742 durch den Kartografen Simon Schropp handelt das Unternehmen mit einer begehrten Sache: Orientierung. Sein Sortiment – Landkarten, Stadt- und Routenpläne, Globen, geografische Literatur und Reisebeschreibungen – hat der Laden über die Jahrhunderte nie verändert, sondern immer nur um neue Formen des Wegweisens ergänzt. Und so stehen heute neben Globen und messinggefassten Kompassen auch GPS-Geräte und digitale Kartenmesser in den Vitrinen, und außer den Reprint-Kupferstich-Weltkarten gibt es die Erde zur Anschauung jetzt auch in Form von bunten 3-D-Puzzles.

Wie kann so ein Geschäft überleben? „Das fragen sich eigentlich alle“, räumt Inhaberin Regine Kiepert lachend ein. „Doch wenn es um Literatur fürs Unterwegssein geht, gibt es offenbar tradierte Lesegewohnheiten.“ Das gespannte Blättern im Reiseführer, die Routenplanung mit den großen Faltplänen aus festem Papier – die Vorfreude auf nahe oder ferne Ziele in der Fremde wollen viele Menschen nach wie vor als sinnlichen Genuss erfahren; da können Navigationsgerät oder App nicht mithalten. Und noch etwas spricht aus Sicht der Buchhändlerin mit Geografiediplom für die althergebrachte Landkarte. „Ein kleiner Kartenausschnitt auf dem Touchscreen vermittelt keine Übersicht“, sagt sie. „Wer ein Gefühl für Entfernungen oder topografische Zusammenhänge bekommen will, ist mit einem Faltplan immer besser bedient.“

© Archiv Schropp

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Dass dieser Vorzug eher von einer älteren Zielgruppe geschätzt wird, sehen die sechs Mitarbeiter um Kiepert an ihrer Kundschaft. Anspruchsvoll, akademisch gebildet, Altersklasse 40 aufwärts, so beschreibt die Geschäftsführerin ihre Stammkunden. Leute mit gutem Einkommen und ambitionierten Reisezielen, die sich bei Schropp schon beraten ließen, als ihr Budget nur für studentische Camping-Trips reichte. Noch bildet diese kaufkräftige Klientel, zumal im umliegenden bürgerlichen Stadtbezirk Charlottenburg, die weitaus wichtigste Zielgruppe. Doch im Ringen um die jüngeren, digital geprägten Generationen muss sich auch eine Institution wie Schropp etwas einfallen lassen.

Zusammen mit den Verlagen denkt der Buchhandel im Moment über neue Vertriebsformen nach, mit denen die zunehmende Digitalisierung des Verlagsprogramms nicht an den Buchhändlern vorbeigeht und die Verlage ihr digitales Angebot auch auf die Fläche bringen können. Mit dem Reiseführerverlag Michael Müller startete Schropp nun ein Pilotprojekt, bei dem die Travel-Apps neuerdings eben nicht nur auf der Verlagswebsite, sondern auch im Laden an der Hardenbergstraße erhältlich sind. „Noch ist die Resonanz verhalten“, sagt Kiepert. Doch einen Versuch sei das Modell wert.

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Im Netz verfolgt die Reisebuchbranche derzeit ohnehin eher die Nachrichten aus aller Welt. Denn ganz egal ob Naturkatastrophen oder politische Unruhen – das Tagesgeschehen rund um den Globus wirkt sich unmittelbar auf das Geschäft mit Reiseführern aus. Seit einer Weile schon verstauben die Bücher im Türkei-Fach, während sich das Griechenland-Geschäft allmählich erholt, aber gerade niemand weiß, wohin mit den den Regalmetern über Kuba. „Am Kuba-Boom wollten natürlich alle Verlage verdienen“, erklärt Kiepert. „Doch jetzt ist es dort recht schnell so teuer geworden, dass die Zahl der Reisen merklich zurückgeht.“

Besinnung auf alte Tugenden
Die Dynamik des Reisemarkts entspricht durchaus der Rasanz, mit der sich die Buchbranche wandelt. Auch wenn Schropp den digitalisierungsbedingten Aderlass, der erst die kleinen, dann die großen Buchhandlungen dahinraffte, gut überstanden hat, sind Konzepte für die Zukunft gefragt. Allein der Onlineversand, auf den inzwischen zehn Prozent des Umsatzes entfallen, wird nicht reichen. Um die Präsenz im Netz zu verstärken, feilt das Unternehmen gegenwärtig an seinem Debüt in den sozialen Netzwerken, wo es über Kooperationen mit Reisebloggern neue Kunden erreichen will.

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„Muss sein“, sagt Regine Kiepert nüchtern. Um dann aber gleich ins Schwärmen zu geraten: „Am liebsten würde ich den Laden nach dem Vorbild einer alten Bibliothek umbauen, mit dunkler Holzvertäfelung, Antiquitäten und Lesesesseln.“ Wie bitte? Ja, genau. Denn der stationäre Buchhandel erlebt so etwas wie eine Renaissance, von der in erster Linie die sogenannten „Kleinen“ profitieren: Kiez- und Nachbarschaftsbuchhandlungen mit Charakter. Atmosphäre zählt dabei mindestens so viel wie ein gut sortiertes Angebot und kompetente Mitarbeiter.

Profilschärfung, Sortimentstiefe, Beratungsqualität und persönliche Nähe: Kiepert setzt für die Zukunft ihres Geschäfts bewusst nicht alles auf die digitale Karte, sondern auf die Tugenden des klassischen Buchhandels. Wenn man so will, auf die Erfahrung der letzten 275 Jahre.

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