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Der Vater erstellt’s, der Fiskus erhält’s!

© dpa Picture-Alliance/Christian Charisius

Auch nach der großen Erbschaftsteuerreform können die meisten Handelsunternehmer ihr Lebenswerk steuerfrei auf die nächste Generation übertragen – sofern sie das Projekt richtig angehen. Text: Eva Neuthinger

Marc Fielmann soll Mitte 2020 den Brillenkonzern seines Vaters übernehmen. Seit dem vergangenen Jahr engagiert sich der 27-Jährige als Marketingvorstand des Filialisten. Vater Günther Fielmann (78) bleibt bis dahin weiter an seiner Seite. Mitglieder der Familie Brenninkmeijer führen das Textilhaus C & A bereits in der sechsten Generation. Und beim Bekleidungshaus Engelhorn in Mannheim ist inzwischen die vierte Generation im Unternehmen tätig: Von der Staffelübergabe innerhalb der Familie träumen die meisten Einzelhändler. Von den Eltern auf die Kinder soll das eigene Lebenswerk dann oft per Schenkung übertragen werden – mit allen damit verbundenen Steuervorteilen.

Seit dem vergangenen Jahr ist die heftig diskutierte und große Erbschaftsteuerreform in Kraft. Nach einer langen Zeit der Unsicherheit können Senior und Junior die Staffelübergabe wieder unter geregelten Rahmenbedingungen planen. Das neue Gesetz war notwendig geworden, weil das Bundesverfassungsgericht die bisherigen Regelungen gekippt hatte.

Betriebliches Vermögen bis zu einer Höhe von 26 Millionen Euro kann steuerfrei übertragen werden. „Bedingung ist aber, dass Firmenerben die Arbeitsplätze erhalten, innerhalb der Haltefrist nicht mehr als die laufenden Gewinne entnehmen und das Unternehmen über mindestens fünf oder sieben Jahre fortführen“, erklärt Kay Klöpping, Nachfolgeexperte der Beratungsgesellschaft KPMG in Bielefeld.

Seit der Reform gilt ein Stufenmodell. Wer zwischen sechs und zehn Arbeitnehmern beschäftigt, muss nach fünf Jahren insgesamt eine Lohnsumme von 250 Prozent des Anfangsbestands nachweisen. Bei elf bis 15 Mitarbeitern beträgt die Quote 300 Prozent und darüber hinaus die vollen 400 Prozent.

Beispiel: Im Jahr vor der Übernahme betrug die jährliche Lohnsumme 300.000 Euro. Für die nächsten fünf Jahre muss sie insgesamt mindestens 1,2 Millionen Euro betragen. Wird die sogenannte Optionsverschonung gewählt, ist der Betrieb sieben Jahre vom Junior weiterzuführen. Es dürfen innerhalb dieser Zeit 700 Prozent der Lohnsumme nicht unterschritten werden. Dann bleiben 100 Prozent des Betriebsvermögens vom Zugriff des Fiskus verschont. Bei der sogenannten Regelverschonung, wenn alles fünf Jahre lang beim Alten bleibt, sind 85 Prozent des Unternehmenswertes von der Steuer befreit.

Um die Fallstricke wissen
Falls das alles nicht eingehalten wird, unterliegt die Nachfolge am Ende der Erbschaftsteuer. Wie viel der Fiskus kassiert, hängt dann vom Wert der Firma ab. Die Finanzbeamten wenden das sogenannte vereinfachte Ertragswertverfahren an. Das funktioniert so: Das Betriebsvermögen ergibt sich aus dem durchschnittlichen Jahresgewinn der letzten drei Jahre und einem Kapitalisierungsfaktor. Dieser wurde mit der Erbschaftsteuerreform von 18 auf 13,75 gesenkt und dort festgeschrieben. „Das ist gut. Denn dies führt zu niedrigeren Unternehmenswerten und damit zu weniger Erbschaft- und Schenkungsteuer für betroffene Unternehmer“, sagt Svenja Everding, Steuerberaterin der Kanzlei WSG in Bielefeld, die mit der Verbundgruppe EK-Servicegroup zusammenarbeitet. Damit wird klar: Man muss die Fallstricke kennen, um vom Steuerprivileg zu profitieren.

„Wir können nur den Tipp geben, die Übergabe längerfristig zu planen und nicht nur die steuerlichen Fragen mit einem Experten zu klären, sondern auch die betriebswirtschaftlichen Ziele zu formulieren“, rät Intersport-Fachhändler Finn Teichmann. Der Einzelhändler hat von seinem Vater zwei Geschäfte in Eckernförde und in Kappeln übernommen. Im ersten Schritt avisierten die beiden, welche Entwicklungschancen die Sportfachgeschäfte langfristig am Markt haben. „Es ging uns bei der Planung vor allem um die Tragfähigkeit unseres Konzeptes und um die betriebswirtschaftlichen Belange des Unternehmens“, erinnert sich der Junior. Erst auf dieser Grundlage diskutierten sie die steuerlichen Details. Teichmann: „Wir haben bewusst einen Steuerberater und einen Unternehmensberater als unabhängige Dritte involviert, die uns bei der gesamten Projektplanung zur Seite standen.“

 

Die fünf Schritte der Nachfolgeplanung
Mit 55 Jahren sollte der Senior die Nachfolgeplanung starten. Kommt ein Übernehmer aus der Familie infrage, hilft es, folgende Punkte zu beachten:
Den Clan involvieren: Alle Familienmitglieder sollten frühzeitig in die Planung involviert sein. Das ist wichtig, um niemanden zu übergehen und keinen Zwist zu schüren. Geschwister könnten sich schnell übergangen fühlen.
Testament machen: Parallel mit der Nachfolge sollten testamentarische Regelungen getroffen werden. Das ist vor allem von Relevanz, wenn die Freibeträge ausgeschöpft werden. Die Nachfolge sollte mit den testamentarischen Regelungen abgestimmt werden.
Wert der Firma ermitteln: Die Nachfolge wird ein Anlass sein, den Wert der Firma zu bemessen. Unternehmensberater können dies, auch die Experten der Handelskammer. Spezialisierte Steuerberater haben darin ebenfalls Erfahrung.
Anteile übertragen: Sohn oder Tochter engagieren sich am besten vorab mehrere Jahre mit dem Senior in der Geschäftsführung. Der Altunternehmer sollte sich während dieser Zeit immer wieder fragen, ob und wofür ihn der Junior noch braucht. Er kann die Firma in Schritten jeweils anteilig übergeben.
Terminplan einhalten: Wichtig ist es, einen Aktions- und Zeitplan zu erstellen, der dann auf den Tag genau eingehalten werden sollte, damit die Mitarbeiter, die Lieferanten und die Kunden sich auf die neue Führung einstellen können.

 

Im Einzelnen besagen die Regelungen Folgendes:
- Welche Werte bleiben steuerfrei?
Immobilien, Einrichtung und Firmenwagen zählen zum Betriebsvermögen und sind in der Regel steuerfrei auf den Junior übertragbar. Aber Bankguthaben oder nicht von der Firma selbst genutzte Immobilien dürfen nur höchstens zehn Prozent des Betriebsvermögens ausmachen. „Es soll verhindert werden, dass vor der Firmenübergabe in die betriebliche Sphäre übertragenes privates Vermögen steuerlich begünstigt werden kann“, sagt Thilo Söhngen, Steuerberater in Wetter und Vizepräsident des Steuerberaterverbandes Westfalen-Lippe. Früher lag die steuerrelevante Quote bei 50 Prozent.

- Wie lange muss das Geschäft weitergeführt werden?
Der Junior muss die Firma mindestens fünf Jahre lang weiterführen. „Er darf in dieser Zeit nicht einmal Teilbereiche verkaufen – es sei denn, der Erlös wird reinvestiert“, sagt Söhngen. Außerdem gibt es eine Höchstgrenze für Entnahmen. Sie liegt bei den erwirtschafteten Gewinnen während dieser Zeit plus 150.000 Euro.

- Wie viele Mitarbeiter müssen beschäftigt sein?
Es gilt die sogenannte Lohnsummenvorgabe. Mussten sich vor der Reform nur Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern daran halten, unterliegen nun Handelsunternehmer mit mehr als fünf Arbeitnehmern diesen Vorgaben. Mitarbeiterinnen im Mutterschutz oder jene im Team, die in Elternzeit sind, Langzeitkranke und Auszubildende werden nicht mitgerechnet. Konkret besagt die Lohnsummenregel, dass die Summe der Löhne zum Ende der Fünfjahresfrist zwischen 250 und 400 Prozent der Lohnsumme bei Übernahme betragen muss. „Damit soll der Fortbestand der Arbeitsplätze gesichert werden“, kommentiert Söhngen.

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